Daten sind daheim nicht sicherer

Kommentar der anderen12. März 2014, 19:06
29 Postings

Immer mehr Staaten gehen dazu über, Daten ihrer Bürger im Land zu lassen. Diese Maßnahmen schützen jedoch nicht vor Missbrauch - und sie zielen an den Innovationen des Internets vorbei

Weltweit versuchen Regierungen zu verhindern, dass Daten ihrer Bürger außer Landes gelangen. Bedenken gegenüber Überwachung aus dem Ausland, Datenschutz und Sicherheit sowie der Bedürfnisse nationaler Strafverfolgung und wirtschaftlicher Entwicklung veranlassen sie, den Export von Daten zu verbieten.

Welche Daten betrifft das? Australien sagt, Gesundheitsdaten über Australier dürfen nicht ins Ausland gelangen. Brasilien erwägt ein Gesetz, das der Exekutive die Befugnis verleihen würde, festzulegen, welche Daten das Land nicht verlassen dürfen. Vietnam will, dass alle Daten über seine Bürger, von Facebook-Updates bis hin zu Freundeslisten, auf Servern im Land verbleiben.

Die Regierungen behaupten, dass sie durch die Verhinderung der Datenweitergabe ins Ausland die Privatsphäre und Sicherheit ihrer Bürger wahren. In Wirklichkeit jedoch ist es unwahrscheinlich, dass diese Ziele durch eine lokale Verwahrung der Daten erreicht werden. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die Regierungen argumentieren auf Grundlage der Annahme, dass Daten, die im Ausland verwahrt werden, nicht sicher sind. Doch wie Geld, das unter der Matratze versteckt wird, sind zu Hause verwahrte Daten in Wirklichkeit vielleicht weniger sicher als Daten, die durch Dienste gespeichert werden, die dem globalen Wettbewerb unterliegen. Es gibt wenig Grund anzunehmen, dass Daten auf einem Regierungscomputer in Vancouver sicherer sein sollten als die Daten auf IBM-Rechnern nur wenige Kilometer weiter südlich in Seattle.

Kriminelle Hacker sind schließlich ziemlich gut in grenzüberschreitenden Operationen. Der Code, mit dem die Computersysteme des amerikanischen Einzelhändlers Target geknackt wurden, scheint beispielsweise zum Teil auf Russisch geschrieben worden zu sein. Durch die Verwahrung zu Hause bleiben Daten auch nicht unbedingt vor den neugierigen Augen ausländischer Regierungen verborgen. Tatsächlich unterliegt die US-amerikanische Behörde für nationale Sicherheit NSA im Ausland weit weniger Beschränkungen als im eigenen Land. Beispielsweise benötigt die NSA für eine Operation im Ausland nicht die Genehmigung des Foreign Intelligence Surveillance Court (Gericht zur Überwachung der Auslandsgeheimdienste).

Die Regierungen gehen davon aus, dass global tätige Dienste, die mit lokaler Datenverwahrung beauftragt werden, lokale Infrastruktur aufbauen und damit Investitionen fördern. Doch viele Dienste halten dies für zu teuer oder zu riskant. Andere Dienste ignorieren die Auflagen möglicherweise einfach und bedienen trotzdem die lokale Bevölkerung. Besonders bedenklich ist, dass Unternehmen absichtlich vermeiden könnten, ihre Betriebe in Ländern mit lästigen Vorschriften zur lokalen Datenverwahrung anzusiedeln. Anstatt Investitionen zu fördern, können solche Maßnahmen den gegenteiligen Effekt haben.

Diese Maßnahmen versagen nicht nur bei der Erfüllung ihres eigentlichen Zwecks, sondern bedrohen sogar einige der wichtigsten Innovationen, die durch das Internet möglich wurden. Im Informationszeitalter sind Daten der Lebensnerv des Handels. Bemühungen, diese Daten innerhalb der Landesgrenzen zu halten, verändern dramatisch die Art und Weise, wie das Internet funktioniert. Solche Maßnahmen unterbinden die erstaunlichen neuen Handelsformen, die sich durch das Internet ergeben haben, weitgehend. Dank des Internets können Personen und Unternehmen vom Silicon Valley bis nach Bangalore ihre Dienstleistungen weltweit anbieten, ohne die Ressourcen oder Visa zu benötigen, die notwendig wären, um Niederlassungen an verschiedenen Orten einzurichten. Vorschriften zur lokalen Verwahrung von Daten eliminieren diese Möglichkeit. Ein Verbot der Weitergabe von Daten ins Ausland kann es auch schwierig machen, cloudbasierte Dienste wie Dropbox oder die iCloud von Apple oder sogar neue Fitness-Tracker wie das Samsung Gear Fit zu nutzen.

Die Ausweitung der staatlichen Kontrolle auf die Onlineaktivitäten der Bürger lässt noch eine weitere Sorge aufkommen - die Möglichkeit des Missbrauchs der staatlichen Macht. Das Internet gab Menschen die Möglichkeit, Informationen über außerhalb des Landes gelegene Dienste gemeinsam zu nutzen. Solche ausländischen Dienste unterlagen weniger direkt der lokalen Zensur oder Überwachung. Doch ein ratifiziertes Verbot der Weitergabe von Daten ins Ausland würde die Kontrolle von Informationen wieder in die Hände des Staates legen. Anstatt die Bürger zu schützen, könnte mit einem solchen Verbot die Kontrolle über die Bürger weiter gefestigt werden.

Es gab eine Zeit, in der es als zu riskant angesehen wurde, Lebensmittel im Ausland zu kaufen. Doch wir haben schon lange erkannt, dass der internationale Lebensmittelhandel sinnvoll ist, wenn wir auf bestimmten Gesundheitsstandards für die Lebensmittel, die in den Regalen unserer Supermärkte landen, bestehen. Wir sollten erkennen, dass auch der Handel in der digitalen Welt Sinn macht, und keine kontraproduktiven Hindernisse errichten. (Anupam Chander, DER STANDARD, 13.3.2014)

Anupam Chander ist Direktor des California International Law Center und Juraprofessor an der University of California in Davis sowie Autor des Buches "The Electronic Silk Road: How the Web Binds the World Together in Commerce", Yale University Press. Übersetzung: wordinc

  • Mit welchen Sturmtruppen lassen sich Daten effektiv sichern? Das Speichern auf lokalen Regierungscomputern könnte sich in mehrfacher Hinsicht als kontraproduktiv erweisen.
    foto: epa/juan herrero

    Mit welchen Sturmtruppen lassen sich Daten effektiv sichern? Das Speichern auf lokalen Regierungscomputern könnte sich in mehrfacher Hinsicht als kontraproduktiv erweisen.

Share if you care.