"Kommen über Versuchsstadium nicht hinaus"

Interview13. März 2014, 05:30
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Wiens Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank will künftig ganz ÖVP-Bildungssprecherin sein. Modellregionen für eine Gesamtschule lehnt sie ab

STANDARD: Sie sind Wiener Wirtschaftskammerpräsidentin und werden nicht mehr für dieses Amt kandidieren. Zusätzlich sind Sie seit der Nationalratswahl ÖVP-Bildungssprecherin. Wie kommt es dazu?

Jank: Das Thema Bildung begleitet mich während meiner gesamten Zeit in der Wirtschaftskammer, die mit ihren Schulen, Fachhochschulen und dem Wifi zu den größten Ausbildungsanbietern Österreichs zählt. Ein Land wie Österreich, das über keine großen Rohstoffvorkommen verfügt, ist auf das Know-how der Bürger angewiesen. Deshalb freue ich mich über meine neue Aufgabe als Bildungssprecherin.

STANDARD: Sie legen nun ihre Wirtschaftskammer-Ämter nieder. Warum gerade jetzt?

Jank: Zehn Jahre als Vorsitzende des Wirtschaftsbundes Wien und als Wirtschaftskammerpräsidentin waren eine lange Schaffensperiode, in der ich sehr viele Erfolge erleben durfte. Mit der Annahme meines Nationalratsmandats und der Funktion als Bildungssprecherin der ÖVP ist es notwendig geworden, neue Prioritäten in meinen Kapazitäten und in meiner Arbeit zu setzen.

STANDARD: Die Ankündigung erfolgte am Wochenende der Befragung zur Mariahilfer Straße. Sind Sie enttäuscht über den Ausgang?

Jank: Für die Betriebe hatte die Wiederöffnung der Querungen oberste Priorität. Das wurde erreicht. Jetzt geht es darum, dass unverzüglich ein neues Verkehrskonzept umgesetzt wird.

STANDARD: Spielte die Wien-Wahl 2015 bei ihrem Rücktritt eine Rolle? Mit den Neos hat die ÖVP ja eine starke Konkurrenz bekommen?

Jank: Die Gemeinderatswahlen haben bei meinen Überlegungen keine Rolle gespielt. Allerdings liegt die Zukunft der ÖVP in den Bereichen Bildung und Wirtschaft - und da werde ich auch künftig das Bild der ÖVP mitgestalten.

STANDARD: Sehen Sie einen Unterschied in ihrer bisherigen Position als Wirtschaftskammerpräsidentin und als ÖVP-Abgeordnete im Bereich der Bildungspolitik?

Jank: Nein. Der wesentliche Aspekt ist sicherzustellen, dass unsere Kinder die bestmögliche Ausbildung bekommen. Wir wollen keine Nivellierung nach unten, sondern das Fördern der Fähigkeiten jedes Einzelnen. Im Spitzensport kennt man das sehr gut. Dort ist man selbstverständlich bereit, jene, die besondere Talente haben, individuell zu fördern.

STANDARD: Die ÖVP-Länder im Westen fordern Modellregionen zur Gesamtschule. Welche Position vertreten Sie hier?

Jank: Ich habe den Eindruck, dass wir über das Versuchsstadium nicht hinauskommen. Für mich ist eine klare Entscheidung gefallen: Es gibt auf der einen Seite eine Neue Mittelschule und auf der anderen Seite die AHS. Diese Schulform wird auch von der Elternschaft gewünscht. Deswegen sehe ich keine Notwendigkeit für eine Modellregion. Selbstverständlich kann man neue Wege oder Ansichten diskutieren. Aber intern, und nicht extern via Medien.

STANDARD: Gerade in Wien ist der Unterschied zwischen Neuen Mittelschulen und Gymnasien groß.

Jank: Ich sehe die Schwierigkeit, nicht in der Frage, in welches Schulgebäude geht man hinein, sondern darin, dass unsere Kinder am Ende der Volksschule jene Qualifikationen haben, die sie ermächtigen, danach jede andere Schulausbildung zu machen. Die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen müssen schon in der Volksschule vermittelt werden, damit am Ende der Volksschule alle die gleichen Startvoraussetzungen haben.

STANDARD: Sie haben die Ganztagsschule begrüßt ...

Jank: Die Ganztagesbetreuung, ich bin für Wahlfreiheit. Im städtischen Raum braucht es vor allem eine Ganztagesbetreuung. Wichtig ist, dass Kinder hierbei nicht den ganzen Tag im selben Klassenzimmer sitzen, sondern aus einem breiten Freizeitangebot wählen können. Dafür braucht es die entsprechende Infrastruktur.

STANDARD: Das Bifie war in den letzten Wochen in der Kritik. Wie beurteilen Sie das dortige Datenleck?

Jank: Für eine echte Beurteilung fehlt mir die Information, ich nähre mein Wissen aus den Medien. Ich sehe aber die Notwendigkeit, bei den Schülern für Sicherheit und Vertrauen zu sorgen. Niemand darf das Gefühl haben, dass er keine fairen Chancen hat. Wurden tatsächlich Daten zur Zentralmatura veröffentlicht, wäre ich dafür, neue Beispiele zu machen.

STANDARD: Die Bildungsministerin hat die PISA-Testungen aufgrund des Bifie-Datenlecks gestoppt. Wie beurteilen Sie diese Reaktion?

Jank: Es liegt in der Verantwortung der Bildungsministerin, hier die richtige Entscheidung zu treffen. Sie muss sich aber auch der Konsequenzen einer Absage bewusst sein. Nämlich dass dadurch Testreihen unterbrochen werden, eine stimmige Weiterführung ausgeschlossen wird und die Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben ist. Österreich wäre das einzige Land innerhalb der OECD, das an den Pisa-Testungen nicht teilnimmt.

STANDARD: Was wollen Sie am Ende der Legislaturperiode bildungspolitisch erreicht haben?

Jank: Das Wichtigste ist, dass jeder Schüler am Ende seiner Schullaufbahn das Beste für sich mitnehmen kann. Ich möchte außerdem eine stärkere Verschränkung von Schule und Wirtschaft. Und: Junge Menschen sollen obligatorisch in ihrer Schulzeit eine Zeitlang im Ausland verbringen.

STANDARD: Es gab in den letzten Wochen eine ÖVP-interne Diskussion darüber, ob es ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare geben soll. Wie sehen Sie das?

Jank: Die ÖVP hat eine klare Position dazu. Mir ist wichtig, dass man das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt stellt. Adoption ist kein Wunschkonzert.

STANDARD: Schließen Sie das also aus oder nicht?

Jank: Irritierend ist, dass in der Diskussion jene, die ein Kind adoptieren wollen, im Vordergrund stehen sollen. Ich sehe jetzt auch keine Notwendigkeit für eine Diskussion, denn es gibt keine ausreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese Frage. Wichtig wäre gewesen, vor einer Diskussion wissenschaftlich zu untersuchen, welche Auswirkungen ein solches Adoptionsrecht hätte, und diese Ergebnisse dann breit zu diskutieren. (Sebastian Pumberger, DER STANDARD, 13.3.2014)

Brigitte Jank (62) ist Wirtschaftskammerpräsidentin in Wien. Für dieses Amt kandidiert sie nicht mehr. Seit Herbst ist sie ÖVP-Bildungssprecherin.

  • Die neue Bildungssprecherin der Volkspartei, Brigitte Jank, will keinen Versuch in Richtung Gesamtschule wagen.
    foto: standard/urban

    Die neue Bildungssprecherin der Volkspartei, Brigitte Jank, will keinen Versuch in Richtung Gesamtschule wagen.

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