ÖVP kritisiert Heinisch-Hoseks überstürzten Pisa-Stopp

12. März 2014, 18:56
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"Völlig unverhältnismäßig" und "Blamage" - Wissenschafter appellieren, die Entscheidung zu korrigieren

Wien - Nach der OECD, die überhaupt "keinen Grund" sieht, den im Frühjahr anstehenden Feldtest für die Pisa-Studie 2015 abzusagen (DER STANDARD berichtete) und Österreich damit die Teilnahme an dieser internationalen Studie zu verunmöglichen, kam am Mittwoch auch Kritik aus der ÖVP an dieser kurzfristigen Entscheidung von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Sie hat auch die Mathe-Studie TIMSS und die diesjährigen Bildungsstandardtests abgesagt, weil sie derzeit die "Datensicherheit" am Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) nicht gewährleistet sieht.

"Schädliche radikale Maßnahme"

Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) findet es "bedauerlich", weil dann die Vergleichbarkeit fehle. Es sei "schade, dass wir die Tests nicht fortführen und die Experten nicht in der Lage sind, das Problem zu lösen". Auch sein Vorgänger Karlheinz Töchterle, nun ÖVP-Wissenschaftssprecher, hält "das Aussetzen nationaler und internationaler Tests aufgrund eines in Rumänien aufgetretenen Datenlecks für völlig unverhältnismäßig", sagte er zum STANDARD: "Auch wenn man gegen diverse Testverfahren in qualitativer und quantitativer Hinsicht Skepsis haben kann, ist diese radikale Maßnahme unter verschiedenen Aspekten schädlich."

Es sei "eine Blamage", dass eine Datenlücke zum Anlass genommen werde, aus der Pisa-Studie auszusteigen, sagte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl, der dahinter ein "offensichtliches Kalkül" vermutet, nämlich "die Kontrolle von Bildungsstandards abzuwürgen, da die Pisa-Ergebnisse für Österreich - vornehm ausgedrückt - nicht sonderlich erfreulich waren".

IV hofft auf Korrektur der Entscheidung

Hoffnung, dass Heinisch-Hoseks Entscheidung für den Stopp internationaler Studien in österreichischen Schulen "noch einmal überdacht" wird, äußerte Christian Friesl, der in der Industriellenvereinigung (IV) den Bereich Bildung und Gesellschaft leitet, im Gespräch mit dem STANDARD. Österreich müsse wieder in den Kreis jener Länder zurückkehren, die auf "evidenzbasierte Bildungspolitik" setzten und sich dafür aus diesen großen Studien wichtige Daten holten.

Das hofft auch der wissenschaftliche Beirat des Bifie, der sich am Mittwoch mit einem Appell an Heinisch-Hosek wandte, ihre Entscheidung rückgängig zu machen und Österreich einen Weg zurück in die internationalen Studien zu ermöglichen.

Wissenschaftlicher Beirat wurde nicht einbezogen

Beiratsmitglied Johann Bacher, Soziologieprofessor an der Universität Linz, sprach im STANDARD-Gespräch von einer "Überreaktion", denn die Absage der Pisa- und TIMSS-Studie sei "überhaupt nicht notwendig und auch nicht nachvollziehbar, weil beide Studien nur mit anonymisierten Daten arbeiten". Da gebe es überhaupt kein Datensicherheitsproblem, weil kein einziger Schüler irgendwie rückverfolgbar wäre.

Bacher, als Leiter des Instituts für Empirische Sozialforschung in Linz datenversiert und -sensibilisiert, ist auch überzeugt, dass "es andere Lösungen gegeben hätte, um Datensicherheit zu garantieren". Aber, so kritisiert Bacher, der unverändert Vertrauen in das Bifie hat: "Wir sind nicht einbezogen worden als wissenschaftlicher Beirat." Umso mehr bedaure er die "sehr problematischen Folgen für die Forschung. Wir wissen so nicht, ob der positive Trend in Naturwissenschaften anhält."

"Das ist ja lächerlich"

Eine Verschiebung der Zentralmatura, die Heinisch-Hosek ebenfalls von einem Datencheck abhängig macht, lehnt er ab: "Das ist ja lächerlich. Mit IT-Spezialisten müsste man das in Griff kriegen, andere Länder schaffen das auch."

Das denkt auch der "fassungslose" Sprecher der AHS-Direktoren, Wilhelm Zillner: "Dieses Krisenmanagement ist eigentlich nicht hinzunehmen." Er nennt die ministeriellen Zwischenrufe zur Zentralmatura unter dem Etikett Datensicherheit "gänzlich inakzeptabel", sagte er zum STANDARD: "Seit zehn Jahren bereiten wir uns auf die Sprachen-Zentralmatura störungsfrei vor. Was die Ministerin da macht, ist nicht Verantwortung, sondern Verunsicherung." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 13.3.2014)

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