Europa im Fernsehen

Kolumne12. März 2014, 17:17
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Vor der EU-Wahl im Mai soll erstmals so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit entstehen

Es gibt keine europäische Öffentlichkeit - eine Klage, die man oft hört. Europafreunde monieren, dass alle Fragen, die die Union betreffen, allein auf nationaler Ebene - wenn überhaupt - öffentlich diskutiert werden. Vor der kommenden Wahl im Mai soll erstmals nun doch so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit entstehen: eine Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten auf allen öffentlich-rechtlichen Sendern in den 28 Mitgliedsstaaten.

Es wäre eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Premiere. Zum ersten Mal könnten die europäischen Bürger live und direkt die Menschen kennenlernen, die sich um die Präsidentschaft der Europäischen Kommission bewerben. Zum ersten Mal könnten sie hören und sehen, wofür die europäischen Parteienfamilien wirklich stehen. Die Spitzenkandidaten der hiesigen Parteien kennen die Österreicher schon. Jetzt könnten sie diejenigen zu sehen bekommen, auf die sich die Parteien im europäischen Parlament geeinigt haben, auch das übrigens zum ersten Mal. Konkret sind das Martin Schulz für die Sozialdemokraten, Jean-Claude Juncker für die Europäische Volkspartei, der belgische Exministerpräsident Guy Verhofstadt für die Liberalen und der Chef der griechischen Linkspartei Syriza, Alexis Tsipras, für die Linken. Die Grünen haben nach deutschem Vorbild eine Doppelspitze: einen Mann und eine Frau. Sie müssen erst entscheiden, wen sie in die Diskussion schicken wollen. Die Rechten haben keinen gemeinsamen Kandidaten.

Wie soll so eine europäische Debatte ablaufen? In welcher Sprache? Die Details sind noch nicht klar, sagt der Brüsseler ORF-Korrespondent Raimund Löw. Am vernünftigsten wäre als gemeinsame Sprache wohl Englisch. Die jeweiligen Sender könnten das Gespräch dann in eigener Regie übersetzen lassen. Eine Schwierigkeit dabei: Der Linkskandidat Tsipras kann zwar sehr gut Englisch, aber er möchte aus Prinzip in der Öffentlichkeit nur Griechisch sprechen. In einer zweiten Runde nach der Wahl müssten dann noch die beiden bestplacierten Kandidaten, Juncker und Schulz, gegeneinander antreten. Einer von ihnen wird voraussichtlich der nächste Kommissionspräsident werden. Freilich nicht automatisch, gewählt wird von der Kommission, aber unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Parlamentswahl.

Nun müssen nur noch die Fernsehsender mitspielen. "Eine englischsprachige Diskussion im Hauptabendprogramm?", werden sich manche fragen. Was für eine Quote soll das bringen? Die Versuchung ist groß, das Ganze irgendwann spätabends anzusetzen, gleichsam als öffentlich-rechtliches Alibi. Aber die Fernsehgewaltigen sollten die Zuseher nicht unterschätzen. Wer sich zum hundertsten Mal die eigenen Parteipolitiker angeschaut hat, will vielleicht endlich einmal auch diejenigen sehen, auf die es wirklich ankommt. Und endlich einmal nicht nur von außen über Europa reden (und schimpfen), sondern gleichsam Europa selbst im Wohnzimmer haben. Wir werden sehen, wie der ORF diesmal seiner Verantwortung nachkommt. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 13.3.2014)

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