So tun als ob

Ansichtssache12. März 2014, 16:52
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Die Literaturkritikerin Daniela Strigl erzählte Dienstagnacht bei Stermann und Grissemann von ihren Anfängen als Schreiberin. Sie habe mit Literaturparodien begonnen, erzählte Strigl, also zu schreiben, als sei sie ein berühmter Schriftsteller.

foto: orf/hans leitner

Als Beispiel nannte sie Martin Walser, diesen zu imitieren sei "aber nicht schwer", fügte sie hinzu. Es sagt einiges über die Literaturkritikerin aus, dass sie sich leicht tut, Walsers Wortgewalten zu imitieren, aber auch insgesamt ist das einfach eine unglaublich inspirierende Sache.

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foto: felix kaestle

Denn wer sich die Formulierungen der großen Dichter aneignet, lernt zweifellos fürs Leben. Er kann die Natur bewundern wie Adalbert Stifter, die realen Verhältnisse verhöhnen wie Johann Nestroy, sich den Schleim von der Seele schreiben wie Charlotte Roche oder sich von Paulo Coelho in spirituelle Sphären tragen lassen.

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foto: markus schreiber

So tun als ob ist Schreibtraining und Charakterschulung in einem. Denn ganz bestimmt färbt die Parodie auf die Persönlichkeit ab. Dann müsste man sich auch keine Sorgen um die deutsche Sprache machen, wie sie in 3sat-"Kulturzeit" von Experten geäußert wurde. Wenn alle schreiben wie Goethe und Kafka, hat sich das Sprachproblem bald erübrigt.

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foto: orf/hans leitner

Aber Achtung: Das funktioniert nur so lange, wie sich das Original nicht selbst abschafft. Eine Parodie auf den Journalismus gönnten sich bei "Willkommen Österreich" die Mascheks. Wolfram Pirchner ließ sich von zwei Coaches in den trimedialen Newsroom der ORF-Zukunft einweisen. In Zukunft müssten "alle alles machen". Claudia und Barbara Stöckl versetzten sie kurzerhand ins "Mittagsjournal", Barbara Karlich in die "ZiB 2". Wenn da nur nicht jemand auf Ideen kommt. (Doris Priesching, DER STANDARD, 13.3.2014)

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