Komm, surf mit

12. März 2014, 18:25
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Kammermusikduo Fazil Say und Patricia Kopatchinsksaja im Wiener Konzerthaus

Wien - Was ist das denn: eine Springflut? Ein Wirbelsturm? Die Weltrevolution? Für das lebenserfahrene, in den Satzpausen hingebungsvoll hustende Publikum im Mozart-Saal heißt es gleich zu Beginn: Bitte, anschnallen! Fazil Say fegt bei Windstärke 9 durch Beethovens Kreutzersonate, und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja surft, etwas überfordert, im Kielwasser seiner Emotionen mit. Hat man in einem Kammermusikkonzert je Tolleres gehört? Nein.

Im dritten Konzert seiner Serie bläst der aktuelle Residenzkünstler des Konzerthauses mal eben alle Interpretationskonventionen im Sturmlauf weg. Gleichmäßiges Tempo? Überbewertet. Das Wellness-Resort Schlussgruppe, es lädt im Kopfsatz doch geradezu zum Verweilen, zur Erholung ein. Zurückhaltung auf dynamischem Gebiet? Ist nur was für die emotionssteifen Museumswärter der Kunst, denen Form über Inhalt geht.

Und Inhalt - was war das nochmal in der Musik? Genau: Gefühl. Und davon hat der Türke reichlich: Mal Urgewalt, mal Sensibelchen, stürzt er sich wie ein tollendes Kind durch die Sonate, wie ein großer Liebender auch. Ein Berserker, ein Extremist. Jetzt erst mal Luft holen.

Es folgt Says fünfsätzige Sonate für Violine und Klavier op.7. Auch als Komponist beweist sich der 44-Jährige als Intensitätsjunkie, als heißlaufende Unterhaltungsmaschine. Says Freude am Rhythmus, Virtuosität, an den Effekten zeigt sich auch in seiner Solosonate Cleopatra op. 34. In diesem hat sich Kopatchinskaja schon etwas erfangen und unternimmt couragierte Versuche, es mit der interpretatorischen Drastik ihres Kammermusikpartners aufzunehmen.

Doch nach der Pause, bei Beethovens Frühlingssonate und in der G-Dur-Sonate op. 30/3, wird einem das Ganze fallweise fast schon zu viel: das hochfrequente, notorische Hin und Her zwischen Pianissimo und Fortissimo, die starke Schminke, die Say manchen Phrasen auflegt. Aber dann wird der dritte Satz der G-Dur-Sonate wieder zu einer so irren Mischung aus Höllenritt und Bauerntanz ... Man ist halt auch nur ein Mensch. Derwischhaft das Ende der ersten Zugabe, von Bartóks Rumänischen Volkstänzen. Ziemlich heftiger Jubel. (Stefan Ender, DER STANDARD, 13.3.2014)

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