"Titanfall" im Test: David gegen Goliath

13. März 2014, 10:42
518 Postings

Ist Respawns erstes Werk nach "Call of Duty" die erhoffte Shooter-Revolution? Innovationen stehen technischen Limits gegenüber

Als vor sieben Jahren "Call of Duty: Modern Warfare" erschien, setzte Hersteller Infinity Ward in vielen Bereichen neue Genrestandards. Präsentation und provokante Szenen sorgten für Wirbel in den Medien, während das flotte und präzise Gameplay des Mehrspielermodus' die Herzen von Millionen Spielern für sich gewinnen konnte. Ob es einem gefällt oder nicht, "Call of Duty" hat sich so in den vergangenen Jahren unbestritten zum Videospielvergnügen für die Massen entwickelt.

Ein Großteil des damaligen Teams formierte sich nach Streitigkeiten mit Herausgeber Activision in einem unabhängigen Studio namens Respawn neu. Mit dem erklärten Ziel, den Multiplayer-Shooter für eine neue Generation zu schaffen. Ein ambitionierter Vorsatz, der nach mehrjähriger Arbeit im diese Woche erschienenen Titel "Titanfall" mündete. Ein Spiel, das mit einer Leichtigkeit und Sicherheit neue Spielideen einführt, die nur alle paar Jahre zu sehen ist und noch viele künftige Projekte beeinflussen dürfte. Gleichzeitig steckt "Titanfall" zu seinem Debüt noch sichtbar in den technischen Limitierungen der Vergangenheit fest. Doch eines nach dem anderen.

Ein neue Art sich zu Bewegen

Umwoben mit einer beliebigen Sci-Fi-Geschichte über verfeindete Weltraumkolonien, die ihre Auseinandersetzungen mit Privatarmeen austragen, wurde ein Szenario geschaffen, dass gerade so reicht, um Online-Gefechte von sechs gegen sechs Spielern in einen Kontext zu setzen. In einem Dutzend Arenen und einer Hand voll klassischer Spielmodi wie "Team Deathmatch" oder "Last Man Standing" und einer für Einsteiger geskripteten Multiplayer-Kampagne tritt man gegeneinander an und macht sich dabei eine Reihe mächtiger Fähigkeiten zu nutze.

Jeder Spieler (Pilot) verfügt nicht nur über ein schlagkräftiges und erweiterbares Arsenal an Waffen, sondern auch über Jetpacks, die einen wie gedopte Parkourläufer über Häuserdächer, Mauern und Felsen springen lassen. Taktet man seine Sprünge, Doppelsprünge und Wallruns richtig, kann man innerhalb von Sekunden große Distanzen zurücklegen und so einem Kreuzfeuer entkommen oder den Gegner hinter den den feindlichen Linien überraschen. Nach einer kurzen Einübungsphase funktioniert das so gut und selbstverständlich, dass einem konventionelle Close-Combat-Shooter wie "Call of Duty" etwas einengend vorkommen können.

Den Piloten steht zudem einer von drei schlagkräftigen Kampfrobotern zur Verfügung, die sie sich in bestimmten Zeitabständen auf das Spielfeld abwerfen lassen. Hinter dem Steuer eines solchen Titans wird man - zwar weniger agil, aber immer noch sehr beweglich - mit Raketen und Bordgeschütz bewaffnet zum Berserker, der Stellungen genauso halten wie einnehmen kann. Der Übergang vom Fußsoldat zum Mech-Krieger gelingt so fließend, als würde man in ein Auto einsteigen. Und brennt das Cockpit nach einer heißen Schlacht, aktiviert man den Schleudersitz und meldet sich aus der Luft zurück zum Dienst.

Schachspiel auf Steroiden

Dieses Zusammentreffen von Soldaten und Maschinen klingt in der Theorie möglicherweise unausgeglichen, klappt in der Praxis jedoch ausgesprochen gut, da sich unterstützt durch entsprechende Bewaffnung die Beweglichkeit der Piloten und die Feuergewalt der Titans über weite Strecken ausgleichen. Auch im Nahkampf schenken beide Seiten einander wenig. So kann man als Titan Menschen einfach überrennen, während Piloten auf Titans springen und diese direkt ausschalten können. Die Faustregel lautet: Für jeden Angriff gibt es eine Gegenwehr.

Verdichtet wird das Gefecht auf engstem Raum durch viele taktische Elemente. Beispielsweise kann man seinen Koloss auf Autopilot stellen und ihm befehlen, einen zu eskortieren oder ein Gebiet zu verteidigen. Im Kampf Titan gegen Titan wiederum entscheidet nicht nur die Ausrüstung seiner gewählten Klasse, sondern auch, ob man Ausweichmanöver meistert und Schilde und Raketen geschickt einsetzt. Den richtigen Moment abgewartet, kann man so beispielsweise die Projektile eines Widersachers abfangen und ihm diese dann an den stählernen Schädel zurückwerfen.

Um die Kleinkriege mit 12 menschlichen Spielern aufzufetten, wurden nicht nur Mechs beigefügt, sondern auch computergesteuerte Mitspieler. Diese Milizionäre und spaßiger Weise hackbaren Androiden sorgen für etwas mehr Bewegung, dienen aber vor allem dazu, auch ungeübten Spielern Erfolgsmomente zu bescheren. Hirnbefreit stürmen diese speziell in der Kampagne gerne als Kanonenfutter in die Schusslaufbahn und lassen einen so auf einfache Weise Erfahrungspunkte sammeln, um neue Gegenstände freizuschalten. 

Adrenalinrausch

Die Fülle dieser in vieler Hinsicht neuen Variablen und die Geschwindigkeit, mit der sie angewandt werden, sorgt nach kurzfristiger Überforderung für ein ungemein taktisches Aufeinandertreffen von David und Goliath. Stürzt man sich ohne abzusprechen ins Gefecht, multiplizieren die vielen Spieloptionen das Chaos. Spricht man einander ab und plant die Einsätze seines Titans, kann man Ziele fokussiert angehen.

Aber nicht nur in der überspannenden Strategie, sondern auch im Kleinen sorgen viele Details für Spielraum. Die "Smart Pistol" ist ein Beispiel dafür, die sich trotz ihres kleinen Kalibers als Defensivwaffe einsetzen lässt. Mit ihr können sogar mehrere Gegner auf einmal anvisiert, fixiert und aus der Bewegung heraus befeuert werden. Was schon fast nach Betrug klingt, wird durch eine Anvisierungsverzögerung und die Feuerkraft konventionellerer Maschinengewehre aufgehoben. Gegen die Übermacht der Titans und für lautlose Angriffe haben die Piloten zudem einen weiteren Trick auf Lager: Sie können für kurze Zeit eine Tarnkappe aktivieren.        

Eine Welt mit Grenzen

So modern das Gameplay von "Titanfall" in seinen Grundzügen ist, so auffällig ist, dass die Entwickler rundherum auf Designs vergangener Tage zurückgegriffen haben. Ob im Gebirgslevel oder in einer futuristischen Stadt - weder optisch und in vieler Hinsicht auch technisch hebt sich Respawns Sprössling kaum von einem in die Jahre gekommenen "Call of Duty" ab. Verwaschene Texturen, hölzerne Charaktermodelle und flimmernde Kanten (zumindest bei der getesteten Xbox One-Ausgabe) wurden in Kauf genommen, um ein flüssiges Spielerlebnis zu gewährleisten - was bis auf Einzelfälle auch aufgeht. Für ein Spiel der "nächsten Generation" lässt "Titanfalls" Präsentation den Next-Gen-Touch vermissen.

Und so verständlich diese Entscheidung gerade für ein Erstlingswerk sein mag, so sehr fehlen einem heute technische Effekte wie zerstörbare Kulissen und dynamische Schauplätze, wenn man sie bereits in aktuellen Werken wie "Battlefield 4" kennengelernt hat. Es wirkt schlicht altbacken, wenn furchteinflößende Titanen ihre Magazine auf ein Haus entladen und nach dem donnernden Einschlag nicht einmal die Mauern wackeln. Gerade ein so schneller und so taktischer Shooter würde enorm von veränderlichen Spielwelten profitieren.

Es sind Limitierungen, die wohl großteils auf den Einsatz der vor zehn Jahren auf den Markt gekommenen Source Engine ("Half-Life 2", "Portal 2") zurückzuführen sind. Andere Einschränkungen betreffen wiederum den Umfang: Mit einer kurzen Kampagne, die in erster Linie zur Eingewöhnung dient, und fünf Iterationen bekannter Multiplayer-Modi wird hier weniger Abwechslung geboten als bei etablierten Genrevertretern. Einen reinen Offline-Bewerb gegen computergesteuerte Gegner gibt es nicht.

Technische Unterschiede

Aktuell ist "Titanfall" auf Windows und Xbox One spielbar. Die Mindestspezifikationen für PC-Spieler sind ob der älteren Source Engine nicht allzu hoch. Benötigt werden ein AMD Athlon X2 2,8 GHz oder Intel Core 2 Duo 2,4 GHz Prozessor, 4 GB Arbeitsspeicher und eine Grafikkarte vom Schlage Radeon HD 4770 oder GeForce 8800GT mit 512 MB Speicher. Für eine flüssige Darstellung in 1080p bei maximaler Detailstufe wird eine Grafikkarte mit 2 GB Videospeicher vom Typ Nvidia Geforce GTX 660 oder AMD Radeon HD 7870 oder besser benötigt. Die Installationsgröße beträgt 48 GB. Die Ausgabe für Xbox One läuft mit einer nativen Auflösung von 792p bei 60 Bildern pro Sekunde, die auf die Full-HD-Auflösung (1080p) von Fernserhern hochskaliert wird. Bei der Installation des Spiels werden 17 GB Festplattenspeicher belegt.

Für das Spielen am PC ist ein Origin-Account notwendig, bei der Xbox One eine Xbox Live Gold-Mitgliedschaft. Auf allen Plattformen wird eine permanente Internetverbindung vorausgesetzt.

Fazit

Trotz technischer und inhaltlicher Abstriche hat Respawn mit "Titanfall" ein sehr solides und überaus unterhaltsames Fundament für ein neues Shooter-Franchise geschaffen. Das Gameplay funktioniert so natürlich und gut, dass sich künftig wohl auch andere Hersteller davon inspirieren lassen werden. Um "Battlefield"-Spieler zu verlocken, fehlt es dem Krieg der Titanen vermutlich an Weitläufigkeit und Abwechslung. Doch für Fans des adrenalingeschwängerten Häuserkampfes ist dies eine starke und innovative Alternative zu "Call of Duty". (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 13.3.2014)

Trailer: "Titanfall"

"Titanfall" ist für Windows und Xbox One erschienen. Die Ausgabe für Xbox 360 folgt in zwei Wochen. Die getestete Version für Xbox One wurde von Electronic Arts zur Verfügung gestellt.

  • Titanfall
Von: EA
Für: Windows, Xbox One, Xbox 360
Ab: 16 Jahren
UVP: 69 Euro
    foto: ea

    Titanfall

    Von: EA

    Für: Windows, Xbox One, Xbox 360

    Ab: 16 Jahren

    UVP: 69 Euro

  • Alle Screenshots stammen von der PC-Version mit hoher Detaildarstellung.
    foto: ea

    Alle Screenshots stammen von der PC-Version mit hoher Detaildarstellung.

  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
  • Artikelbild
    foto: ea
Share if you care.