Großer Bahnhof für einen kleinen Zug

13. März 2014, 05:30
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Vor zehn Jahren veröffentlichte George Michael sein letztes Studioalbum "Patience". Das neue Livealbum "Symphonica" ist nicht das Album, mit dem er die Geduld seines Publikums belohnt

Wien - Wenn Superstars langweilig wird, fließen in den Fankurven oft die Tränen. Sting an der Laute. Paul McCartney schneidet sich ein Oratorium aus den Tränensäcken. Lou Reed vertont Tai-Chi-Übungen ... Das kann nicht Gottes Plan gewesen sein.

George Michael seinerseits hat beschlossen, eigenes und fremdes Liedgut mit einem großen Orchester im Rücken aufzuführen. Damit tourte er 2011 und 2012 durch Feng-Shui-technisch einwandfreie Konzertsäle Europas, bevor er im Wiener AKH eine unvorhergesehene Pause einlegen musste. Der britischen Sänger konnte damals nach einer dramatischen Lungenentzündung dem Tod gerade noch entrinnen.

Nun veröffentlicht der 50-jährige Popstar das während dieser Tour entstandene Album Symphonica. Sich mit einem Orchester neu zu erfinden, hätte leicht in Blähungen resultieren können, schließlich kommen derlei Geschütze meist dann zum Einsatz, wenn statt Emotion heiße Luft produziert werden soll. Doch Michael begeht diesen Fehler nicht. Er hält das Orchester an der kurzen Leine, saftelt und schmachtelt durch 14 Lieder, bis das Tuch, mit dem er sich die Stirn tupft, salzig trieft.

Natürlich tremoliert seine Stimme, aber das artet nicht ins Pathetisch-Manirierte aus. Auch sich selbst hält der live gerne mit ausgestreckten Händen um Gefühle ringende Sänger kurz. Das ergibt jene Gratwanderung, die ihn zu der Ausnahmeerscheinung werden ließ, als die er gilt. Obwohl im grässlichen Kommerz der 1980er-Jahre mit Wham! groß und berühmt geworden, zog er sich am eigenen gegelten Haar in die Gefilde des weißen Souls hoch. Dort ist er mit seiner Breitenwirkung relativ konkurrenzlos zum Superstar geworden, der die Hausfrau ebenso anspricht wie den nach gottloser Zerstreuung suchenden Matrosen nach langer Fahrt. Auch sein Publikum muss auf Symphonica eine gewisse Wegstrecke gehen, um überzeugt zu werden.

Zwar legt er mit seiner Interpretation von My Baby Just Cares For Me einen frühen Sprint hin. Doch hat man diesen Klassiker schon besser nachgebaut vernommen, und dann artet es doch ins Längliche aus. Michael balladiert, windet und ziert sich, bis Feeling Good endlich Erlösung aus dem Slow-Motion-Theater bringt.

Geschmolzenes Eis

Feeling Good ist ein Standard, den Nina Simone, heilig, selig, zu einem solchen gemacht hat. Vor Simone verneigt sich Georgie-Boy durch eine leichte Abwandlung des Textes in diesem dramatisch arrangierten Stück.

Damit scheint das Eis im Cocktailglas geschmolzen zu sein. John and Elvis are Dead trabt gepflegt, für One More Try wird die Kirchenorgel angeworfen und der Chor rauf in die Kanzel geschickt. Es ist das Lied, das daran erinnert, dass George Michael uns immer noch ein richtiges Soul-Album schuldet. Stattdessen intoniert er bald darauf Idol von Elton John.

Zehn Jahre sind seit seinem letzten Studioalbum Patience vergangen. Symphonica ist jedoch nicht das Album, mit dem er unsere Geduld belohnt. Als Zwischenwerk zu Rotwein bei Anbahnungsbeleuchtung geht es durch, der nächste große Wurf allerdings, der lässt auf sich warten. (Karl Fluch, DER STANDARD, 13.3.2014)

  • George Michael interpretiert sich selbst mit einem Orchester im Rücken. Das ergibt ein beschauliches Zwischenwerk.
    foto: apa/epa/stephane reix

    George Michael interpretiert sich selbst mit einem Orchester im Rücken. Das ergibt ein beschauliches Zwischenwerk.

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