Bundesländer halten an Aktivierungs-Kursen fest

12. März 2014, 15:55
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Das Wiener Arbeitsmarktservice schafft die "Aktivierungskurse" ab, in den Bundesländern ändert sich nichts

Viel war diskutiert worden über die Aktivierungs-Kurse, mit dem das Arbeitsmarktservice (AMS) so manchem Langzeitarbeitslosen beglückte. Es handle sich um "Sinnloskurse", wenn Betroffene kurz vor Antritt der Pension noch in Weiterschulung geschickt würden, Unverständnis auch darüber, mehrere Male in Folge in denselben Kurs geschickt zu werden.

Kritik, die Sozialminister Rudolf Hundstorfer auf Anfrage als "Einzelfälle" abtut. In einem Schwenk sollen nun laut AMS-Wien-Chefin Petra Draxl die sogenannten Aktivierungskurse ab November doch durch ein Bausteinsystem abgelöst werden (DER STANDARD berichtete). 19 Millionen Euro sind dafür vorgesehen, um rund 16.000 Arbeitslosen eine eher nach ihren Bedürfnissen ausgerichtete Schulung anzubieten.

Derzeit sind diese Maßnahmen allerdings nur für Wien angedacht. AMS-Vorstand Johannes Kopf in einer schriftlichen Stellungnahme: "Weit überwiegend kommt die derzeitige Kritik an Kursen des AMS von Wiener Kunden. Im Rest von Österreich, vor allem im ländlichen Raum, ist die Zusammenarbeit und Kurskontrolle viel leichter. AMS-Mitarbeiter kennen ihre Kursanbieter, oftmals auch die einzelnen Trainer persönlich." Konkret finden 57 Prozent aller Aktivierungskurse finden in Wien statt, in den Bundesländern gibt es diese Kursart nur in sehr geringem Ausmaß. Rund 80 Prozent der Beschwerden über Schulungsmaßnahmen sind laut AMS-Angaben ebenfalls aus Wien gekommen.

In Wien mit 13 AMS-Geschäftsstellen und aktuell mehr als 35.000 Menschen, die die Angebote des AMS in Anspruch nehmen, sei das naturgemäß nicht möglich. Auch die Anzahl an Kunden machte eine völlig andere Steuerung notwendig.

"Individuelle Jobchancen sinken"

Kopf zur Frage, warum das AMS gerade jetzt neue Angebote in Aussicht stellt: "Der Anstieg der Arbeitslosigkeit seit 2009 stellt auch unsere Organisation vor große Herausforderungen." Die Zeit, die das AMS für den einzelnen Kunden und insbesondere die Auswahl der richtigen Angebote gehabt habe, sei deutlich kürzer geworden. Vor diesem Hintergrund sei sicher manche Kritik zu verstehen. Dazu komme, dass in wirtschaftlich schwachen Zeiten, auch individuelle Jobchancen sinken und damit auch das Unzufriedenheitspotential steigen würde.

Auf Bundesländer-Ebene soll aber alles beim Alten bleiben, wie derStandard.at bei einem Rückruf bestätigt wurde.

In Tirol stelle sich die Frage erst gar nicht, heißt es aus der dortigen AMS-Landesstelle. Es werde schon seit Jahren nur ein Bruchteil des Budgets für Aktivierungskurse verwendet und "traditionsgemäß" in Fachkurse investiert. "Bewerbungstrainings und Berufsorientierung sind weder freiwillig noch verpflichtend, wir diskutieren im Einzelfall mit den Betroffenen, ob so etwas sinnvoll ist", sagt ein Sprecher.

In machen Fällen seien Aktivierungskurse nämlich auch erforderlich und erwünscht: "Wenn jemand 30 Jahre lang in einer Firma gearbeitet hat, braucht man beim Bewerben einfach Hilfe." Insgesamt sei aber fast die Hälfte der Arbeitslosen in Tirol unterqualifiziert - könne also höchstens einen Pflichtschulabschluss vorweisen. "Die brauchen ohnehin vor allem gezielte, fachliche Förderung", heißt es aus dem AMS Tirol.

Nachhilfe in Umgangsformen

In Vorarlberg sieht AMS-Geschäftsführer Anton Strini ebenfalls keine Notwendigkeit, Aktivierungskurse zu streichen. "Wir haben den großen Vorteil der Kleinheit. So können wir die Angebote besser auf die Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmer abstimmen." Am häufigsten käme Kritik von jugendlichen Arbeitsuchenden. Die sogenannten "integrationsunterstützenden Maßnahmen" kämen nicht bei allen gut an. Die Notwendigkeit, Umgangsformen zu erlernen, würde am Anfang nicht von allen Jugendlichen akzeptiert. Strini: "Nach zwei, drei Wochen im Kurs schaut das anders aus."

Auch im steirischen AMS sieht man wenig Anlass, das Kurssystem großflächig umzubauen. "Es gibt bei uns wirklich keine sinnlosen Kurse, wie das jetzt in Wien diskutiert wird, deshalb bedarf es hier auch keiner Veränderungen", sagt AMS-Sprecher Hermann Gössinger. Modulsysteme, wie ebenfalls in Wien debattiert, habe die Steiermark bereits vor drei Jahren eingeführt. Die zuletzt kritisierten "Aktivierungsmaßnahmen" spielten nur eine marginale Rolle und kämen lediglich in Graz "hin und wieder" zum Einsatz. Diese auf Freiwilligkeit umzustellen sei derzeit aber nicht möglich, weil es dazu einer Gesetzesänderung bedürfe, sagt Gössinger.

Kärnten setzt auf Freiwilligkeit

In Kärnten gibt es das modulare Bausteinsystem mit persönlichkeitsbildenden Maßnahmen schon seit 2012, sagt der Chef des Kärntner AMS, Franz Zewell. Sogenannte singuläre "Aktivierungskurse" mit Persönlichkeitstraining gäbe es zwar noch, vor allem für junge Arbeitslose, doch der überwiegende Teil der persönlichkeitsbezogenen Maßnahmen werde als integrativer Bestandteil in das gesamte Schulungsangebot einbezogen. Nach einer ersten Analyse werde ein Betreuungsplan erstellt und anhand des Schulungsangebots ein Maßnahmenbündel erstellt. In diverse Persönlichkeitstrainings, etwa für die Präsentation und Bewerbung, könne man im Rahmen einer speziellen Schulung jederzeit flexibel nach Bedarf einsteigen. "Wir setzen auf Freiwilligkeit und Kooperation", sagt Zewell. Sanktioniert werden müsse nur vereinzelt. Von 19.000 Personen gäbe es in Kärnten nur rund rund 35 bis 50 Personen, die sanktioniert werden müssten. "Wir sind in Kärnten schon auf einem guten Weg", so Zewell, "47 Prozent der Leute in Schulungsmaßnahmen haben drei Monate nach Kursende schon wieder einen neuen Job".  Zewells Ziel ist es, 50 Prozent zu erreichen.

Vertrauen in Selbsthilfekraft

Auch im Burgenland sieht man keinen Änderungsbedarf. Sogenannte Aktivierungskurse gab es bisher ebenfalls schon nur auf freiwilliger Basis, sagt AMS-Landeschefin Helene Sengstbratl. In den ersten Monaten, so Sengstbratl, Vertrauen wir in die Selbsthilfekraft der Kunden." Erst danach gebe es entsprechende Angebote. Beim AMS in Niederösterreich schließlich betont eine Sprecherin, man stünde dort vor gänzlich anderen Herausforderungen als die Kollegen in Wien. Vor ein, zwei Jahren sei man schon dazu übergegangen, Zentren zu bilden, etwa eines für Migranten in Wiener Neustadt. Grundsätzlich versuche man, auf jeden Arbeitslosen gezielt einzugehen und die Fortbildung mit regionalen Kursangeboten abzustimmen.

Beim AMS Oberösterreich wird ebenso nicht daran gedacht, bei den Aktivierungskursen etwas zu ändern. Zwar wurde von 2013 auf 2014 aus budgetären Gründen die Zahl der Plätze verringert, aber grundsätzlich halte man die Kurse für sinnvoll. So werde es auch weiterhin eine Verbindlichkeit geben, man versuche aber schon im Vorfeld mit den Klienten geeignete Kurse zu finden.

Im Februar ist die Arbeitslosigkeit im Vorjahres-Vergleich österreichweit um 9,3 Prozent gestiegen. 356.745 Personen waren Ende des Monats beim AMS als arbeitslos gemeldet, das sind 30.344 Personen mehr als im Vorjahr. Rechnet man Personen in Schulungen hinzu, lag die Zahl der Arbeitslosen bei 440.846, der Anstieg bei 9,1 Prozent. Auch im Jänner lag das Plus ohne Schulungen bei 9,3 Prozent. (hei, jub, ker, mika, mue, stein, wei, ch, derStandard.at, 12.3.2014)

  • Das Wiener AMS reagiert auf die Kritik an den sogenannten "Aktivierungskursen".
    foto: apa/hans-klaus techt

    Das Wiener AMS reagiert auf die Kritik an den sogenannten "Aktivierungskursen".

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