Indische Ärztin: "Mädchen in den Dörfern sind einfach verschwunden"

Interview18. März 2014, 05:30
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P Chandra über Frauenrechte in Indien, Mädchen als Last und Bildung von Frauen

P Chandra ist 80 Jahre alt und Kinderärztin. Sie stammt aus dem Süden Indiens und bezeichnet sich als die wahrscheinlich erste Ärztin ihrer Generation. Für Frauen ist es in Indien noch heute nicht selbstverständlich, dass sie studieren dürfen und unverheiratet leben. Chandra hat sich nie an einen Mann gebunden und blieb kinderlos. Ihre Nichten, Neffen und vor allem ihre Patienten reichen ihr als Kinderersatz.

Ihr Leben widmet die Leiterin des kinderärztlichen Instituts am Stanley Medical College in Chennai dem Kampf für eine bessere gesundheitliche Versorgung im Land. Mit ihrer Hilfsorganisation bildet Chandra Ernährungsexperten aus, untersucht Neugeborene und Kinder in Dörfern und unterstützt Kinder mit Beeinträchtigungen. Bianca Blei spricht mit P Chandra über Frauenrechte in Indien, Bildung als Schlüssel zu einer besseren Gesundheitsversorgung und die Auswirkung von Kinderarbeit.

derStandard.at: Wie hat sich das Bild der Frau in Indien während Ihres Lebens gewandelt?

Chandra: Als ich ein Kind war, waren Frauen Arbeitskräfte zu Hause. Sie verwalteten die Landwirtschaft, hüteten das Vieh und passten auf die Kinder auf. Die jungen Männer mussten damals Mitgift zahlen. Je besser die Arbeitskraft der Frau, umso höher die geforderte Summe. Diese Einstellung hat sich stark verändert. War es im Jahr 1942 noch so, dass ein Mann Mitgift zahlen musste, so musste er im Jahr 1982 bereits für seine Tochter zahlen. Bildung hatte und hat keine Priorität. Früher waren Frauen zumindest als Arbeitskraft respektiert und angesehen. Heute sind Mädchen nur noch eine Last.

derStandard.at: Warum hat sich die Einstellung so stark verändert?

Chandra: Es gibt keine Gefahr mehr zu verhungern. Die Frauen müssen nicht mehr auf dem Feld arbeiten. Das Einkommen ist gestiegen, und mit dem wirtschaftlichen Vorteil der Männer sind auch ihre Forderungen gestiegen. In einer Beziehung hat in Indien immer der Mann die letzte Entscheidung. Auch bei einer Abtreibung.

Es gibt aber nun eine neue Regelung, dass sich eine Frau nach zwei Kindern ohne die Unterschrift des Mannes sterilisieren lassen kann. Das ist bereits ein Fortschritt, denn normalerweise müssen Frauen sogar bei der Verwaltung ihres eigenen Einkommens den Mann fragen. Das hat insofern Auswirkungen auf das Familienbudget, als in armen Gebieten viele Männer ein Alkoholproblem haben. Vor allem seit dem Ende der Prohibition in Tamil Nadu im Jahr 1977 greifen viele Männer zur Flasche. Da bleibt oft nur sehr wenig Geld für Nahrungsmittel.

derStandard.at: Woher kommt dann der Eindruck, dass Frauen weniger wert sind?

Chandra: Eine alte indische Volksgruppe, die Draviden, hatten bereits gleiche Rechte für Frauen. Vielleicht spielt der Einfluss der Muslime aus dem Norden des Landes eine Rolle. Denn selbst wenn es im Hinduismus heißt, dass die Frau ihrem Mann zu folgen hat, steht nirgendwo etwas von Versklavung.

derStandard.at: Sie sind aufgrund Ihrer Arbeit als Gesundheitsaktivistin auch viel in Dörfern unterwegs. Was muss sich ändern, damit Frauen auch in ländlichen Gebieten mehr Rechte erhalten?

Chandra: Bildung ist der Schlüssel. Es ist auch für mich einfacher, gebildete Frauen über Gesundheitsvorsorge zu informieren, weil sie zugänglicher für medizinische Argumente sind. Seit ich in die Dörfer fahre, gehen mehr und mehr Mädchen zur Schule. Seitdem verpasst fast keine von ihnen mehr eine Impfung, und Frauen kommen mit ihren Babys zur Vorsorgeuntersuchung.

derStandard.at: Vor zwei Jahren veröffentlichte die indische Regierung Zahlen, wonach fast drei Millionen Mädchen in den Jahren von 2001 bis 2011 "verlorengegangen" sind. Im Jahr 2012 gab es 48 Mädchen weniger auf 1.000 Buben, als das noch 1981 der Fall war. Was passiert mit ihnen?

Chandra: Mädchenmorde waren und sind ein Thema in Indien. Wenn ich in die Dörfer gefahren bin, waren von einem Jahr auf das andere weniger Mädchen dort. Sie nennen sie die "vermissten Mädchen", sie verschwinden offiziell einfach. Die Morde von Neugeborenen gehen allerdings zurück, auch durch die Möglichkeit der Abtreibung.

Zwar ist es in Indien für den Arzt illegal, das Geschlecht vor der Geburt zu bestimmen, doch manche Ärzte informieren gegen eine Gegenleistung. Manche Familien werden aber auch einfach so oft schwanger, bis sie einen Buben bekommen. Einer Patientin von mir riet ich nach zwei Mädchen zu einer Sterilisation, auch weil es sich um eine arme Familie handelte und sie kaum die beiden Kinder ernähren konnten. Der Mann wollte aber unbedingt einen Jungen. Erst das fünfte Kind war dann ein Bub.

derStandard.at: Die Mädchen müssen oft in sehr jungem Alter die Familie finanziell unterstützen. Sie werden etwa als "Sumangalis" in Spinnereien geschickt, wo sie hart arbeiten müssen. Welche Auswirkungen hat das auf die Kinder?

Chandra: Auf der einen Seite hat das psychologische Auswirkungen. Die Kinder verlieren ihre glückliche Kindheit, ihre Unbekümmertheit und Verspieltheit. Auf der anderen Seite hat es auch Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung. Sie wachsen nicht normal, sind oft unterernährt und haben weniger rote Blutkörperchen.

Außerdem ist der sexuelle Missbrauch bei arbeitenden Mädchen sehr hoch. In den Dörfern selbst habe ich nur Buben mit Verletzungen nach Kinderarbeit gesehen. Die Mädchen verstecken sie gut. Um das Problem in den Griff zu bekommen, muss man die Eltern bilden und sie über ihre Rechte und Unterstützungsprogramme der Regierung informieren. Nur dann kann sich etwas ändern. (Bianca Blei, derStandard.at, 18.3.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Recherchereise wurde von der Katholischen Frauenbewegung unterstützt.

  • Dr. P Chandra bezeichnet sich selbst als wohl die erste Ärztin ihrer Generation in Indien.
    foto: bianca blei

    Dr. P Chandra bezeichnet sich selbst als wohl die erste Ärztin ihrer Generation in Indien.

  • Chandra heiratete nie und widmet ihr Leben dem Kampf für eine bessere Gesundheitsversorgung.
    foto: bianca blei

    Chandra heiratete nie und widmet ihr Leben dem Kampf für eine bessere Gesundheitsversorgung.

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