"Einige Tausend Bitcoin-Nutzer in Österreich"

Interview12. März 2014, 16:15
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Andreas Lehrbaum, Vorsitzender der Initiative "Bitcoin-Austria", glaubt trotz Mt. Gox an die digitale Währung

derStandard.at: Wie haben Sie vom Projekt Bitcoin erfahren?

Lehrbaum: Ich bin auf Bitcoin Anfang 2011 über ein Interview des Chefentwicklers Gavin Andresen in einem von mir regelmäßig gehörten Podcast gestoßen. Die Idee eines komplett dezentralen Geldsystems, das kryptographisch abgesichert, peer-to-peer global im Internet ohne Gebühren funktioniert hat mich sofort fasziniert. Nach dem Lesen des Whitepapers und näherer Recherche habe ich das große Potenzial dieser neuen Technologie erkannt und mich immer mehr damit beschäftigt. 

derStandard.at: Welche Aspekte fanden Sie faszinierend?

Lehrbaum: Besonders begeistert mich, dass erstmal das Konzept einer nicht staatlichen Lokalwährung erfolgreich global auf das Internet umgelegt werden konnte und jeder Teilnehmer prinzipiell die volle Kontrolle über sein Geld behalten kann, zumal es keine Notwendigkeit mehr gibt, sein Geld bei einer Bank zu halten, um dieses überweisen oder sicher aufbewahren zu können.

derStandard.at: Wie schätzen Sie die Verbreitung von Bitcoin in Österreich ein?

Lehrbaum: Bei unseren monatlichen Bitcoin Austria Treffen in Wien waren wir zuletzt je um die 50 Leute, daneben findet ein weiteres monatliches Treffen in Graz statt. Es ist schwer, die Anzahl der Bitcoin-Nutzer in Österreich abzuschätzen da sich niemand bei einer zentralen Stelle registrieren muss. Nach unseren Erfahrungen über die letzten Jahre dürften mittlerweile aber einige Tausend Nutzer in Österreich existieren. Es gibt auch bereits einige Firmen und Gewerbetreibende die Bitcoin akzeptieren bzw. aktiv an Bitcoin Softwareprodukten arbeiten.

derStandard.at: Gibt es Ihres Wissens auch Österreicher, die von den Turbulenzen rund um Mt. Gox betroffen sind?

Lehrbaum: Wir haben natürlich sowohl in unserem wöchentlichen Podcast (bitcoinupdate.com) als auch bei diversen Vorträgen immer wieder davor gewarnt, dass es ein Risiko ist, Bitcoins bei einer Börse zu halten und dass man das tunlichst nur so kurz wie möglich tun sollte. Dennoch kenne ich auch persönlich einige Fälle die (eine kleine Anzahl an) Bitcoins bei Mt. Gox verloren haben.

derStandard.at: Wurde Ihr Vertrauen in die Kryptowährung durch den Mt. Gox-Skandal erschüttert?

Lehrbaum: Die Berichte rund um die Ereignisse bei Mt. Gox sind noch sehr spekulativ und es wird vermutlich noch einige Zeit dauern bis wirklich Klarheit darüber herrscht, was vorgefallen ist. Auf alle Fälle hat Mt. Gox nun in Japan Gläubigerschutz in einem Ausgleichsverfahren erhalten und in den USA Insolvenz angemeldet.

derStandard.at: Glauben Sie, dass Nutzer von Mt. Gox oder Flexcoin entschädigt werden?

Lehrbaum: Es ist leider zu erwarten dass die Nutzer von Mt. Gox einen Großteil ihrer dort gehaltenen Bitcoins sowie EUR und USD nicht wiederbekommen werden. Flexcoin war keine Tauschbörse, die Dimension des Verlusts ist weit geringer und ich kenne auch niemanden der diese von Anfang an recht dubiose Plattform genutzt hätte.

derStandard.at: Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf das globale Bitcoin-System aus?

Lehrbaum: All die Vorfälle bei diesen Plattformen haben nichts an der Zuverlässigkeit des Bitcoin Protokolls geändert und jeder Nutzer, der seine Bitcoins selbst gehalten hat (wie dies auch vorgesehen ist) war absolut nicht davon betroffen. Mein Vertrauen in das Potenzial und die Sinnhaftigkeit von Bitcoin ist von der Mt. Gox Insolvenz genausowenig betroffen wie ich an der Sinnhaftigkeit von Autos angesichts der Insolvenz eines Autoherstellers zweifeln würde.

derStandard.at: Wie beurteilen Sie die vermeintliche Enthüllung des "Bitcoin-Erfinders“ Satoshi Nakamoto? 

Lehrbaum: Newsweek hat aufgrund sehr fraglicher Faktenlage das Leben eines vermutlich Unbeteiligten zumindest sehr durcheinander, mitunter auch in Gefahr gebracht. Es gibt sehr viele Ungereimtheiten bei der Hypothese, dass dies in der Tat der ursprüngliche Autor von Bitcoin sein sollte, sodass ich persönlich die Meinung eines Großteils der Bitcoin Community und Entwickler teile, dass Newsweek mit ihrer sehr unglücklichen Meldung keineswegs den echten "Satoshi Nakamoto" aufgedeckt hat. (fsc, derStandard.at, 12.3.2014)

  • Andreas Lehrbaum ist Obmann der Initiative Bitcoin-Austria
    foto: pressefoto/lehrbaum

    Andreas Lehrbaum ist Obmann der Initiative Bitcoin-Austria

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