So eine Leuchte! Comeback der Glühbirne

13. März 2014, 17:57
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Die Glühbirne ist passé? Von wegen. Eine Gruppe kleiner Lampenhersteller hält von Brüsseler Verboten nichts und rettet das warme Licht

Es kam, wie es kommen musste. Kaum ist die Glühbirne aus den Regalen verschwunden, ist sie auch schon wieder zurück. Freilich nicht in großen Mengen. Und auch im nächstgelegenen Supermarkt sind die glimmenden Lichtquellen nicht zu finden. Doch über den Handel im Internet wagt eine Gruppe kleinerer Anbieter den Gegenangriff. Der Grund: Energiesparlampen und LEDs verbrauchen zwar nur einen Bruchteil der Energie von Glühlampen. Doch dafür vernichten sie in den Augen ihrer Gegner ein kaum weniger wertvolles Gut: die wohnliche Atmosphäre.

"Durch den Wechsel zu Energiesparbirnen ändert sich auch der Status der Glühbirne. Die Glühbirne wird zur exklusiven Kerze der Wohnung", erklärt der dänische Lampenhersteller Danlamp. Gemeint sind damit allerdings keine gewöhnlichen Glühbirnen mit Wolfram-Fäden, wie sie über 100 Jahre den Markt regierten. Es sind vielmehr ihre historischen Vorläufer, die noch mit Kohlefäden zum Glimmen gebracht wurden und als dekorative Sonderfälle das EU-Glühlampenverbot geschickt durchwandern.

Sanftes Anglühen

Warum diese Birnen derzeit Londoner Hipster-Wohnungen und Stockholmer In-Bars im Sturm erobern, liegt auf der Hand. Anders als Wolfram-Birnen leuchten Kohlelampen beim Anschalten nicht gleich auf voller Stärke, sondern glühen zunächst sanft an, bis sie nach einer kurzen Dauer ihre volle Leistung erreichen. Weil die Leuchtkraft von Kohle deutlich geringer ausfällt als die von Metall, müssen die Fäden mehrfach gewickelt werden, um eine ausreichende Lichtmenge zu erzeugen. Der Charme der Birnen liegt genau an dieser vermeintlichen Schwäche: Selbst wenn ein ganzes Knäuel an Kohlefäden unter der gläsernen Schutzglocke kunstvoll verknotet wurde, erscheint die Lichtquelle angenehm gedämpft. Man kann in sie hineinblicken und den Fäden beim Glimmen zuschauen - ganz so, als würde man eine Kerze betrachten.

Von Interesse ist hierbei natürlich weniger die Effizienz der Lichtausbeute als vielmehr die atmosphärische Wirkung. Was sich damit verändert, ist auch die Bauart der Leuchten, die mit Kohlelampen bestückt werden sollen. Wie Preziosen werden die sanft leuchtenden Birnen offen zur Schau gestellt, anstatt hinter Schirmen verborgen zu werden. Sie sind ein Statement, das nicht verborgen bleiben soll. "Wir alle brauchen einen Helden. Jemanden, der uns vom faden Minimalismus rettet, unsere Herzen im Sturm erobert und uns in die Nacht hinausträgt", fordert der Londoner Designer Massimo Buster Minale.

In Olivenöl getränkt

"Hero" heißt dann auch sein jüngst vorgestellter Leuchter, der eigens für den Einsatz von Kohlelampen konzipiert wurde. Zum Einsatz kommen keine gewöhnlichen Kunststofffassungen aus dem Baumarkt, sondern von Hand gefertigte Modelle aus massivem Messing. Um eine konventionelle, industrielle Erscheinung zu vermeiden, wurde die Oberfläche des Metalls nicht poliert. Sie wurde mehrfach in Olivenöl getränkt, um einen besonders warmen, matten Widerschein zu erlangen. Andere Hersteller wie das amerikanische Label Restoration Hardware setzen mit Fassungen aus Kupfer oder Gusseisen auf eine ähnliche Wirkung, die sich mit dem warm schimmernden Licht der Kohlelampen auf symbiotische Weise ergänzt.

Die Botschaft ist klar definiert: Die kalten, abweisenden Dinge aus industrieller Produktion sollen durch qualitative, von Hand gearbeitete Dinge ersetzt werden. Ihre Stärke liegt im Analogen, in der Handfestigkeit und Verlässlichkeit der Materie. Sie geben dem Benutzer ein beruhigendes Gefühl, weil sie so einfach sind. Gleicht die Lichterzeugung durch LEDs mit ihren verlöteten Chips und Platinen einem undurchdringbaren Prozess, bringen Kohlelampen einen verkokelten Bambusfaden zum Glühen wie in der Zeit um 1900. Wer soll sich davor schon fürchten?

Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt: Zwar verbrauchen die nostalgischen Lampen rund vier- bis sechsmal so viel Strom wie eine Energiesparlampe. Doch dafür sind sie frei von Quecksilber und vergiften weder Mensch noch Umwelt.

Heimelig und rustikal

Etwas Rustikal-Heimeliges hat das natürlich. Doch es ist mehr als das. Es ist ein gefühlter Befreiungsschlag, der für Massimo Buster Minale tatsächlich ein neues Leben einläutete. Über Jahre hatte er als Projektleiter in den Büros der Hightech-Architekten Norman Foster und Richard Rogers gearbeitet und ebenjenen konstruktiven Minimalismus abgeliefert, den er nun bekämpfen möchte. Er hing den Job an den Nagel und eröffnete mit seinem Ersparten eine Werkstatt im Londoner Osten, wo er Leuchten, Möbel und Objekte für sein 2012 gegründetes Label Buster + Punch am liebsten mit seinen eigenen Händen schweißt. Was wie ein Ausstieg klingt, war in Wirklichkeit ein Einstieg. Als er seine Kollektion im vergangenen September auf der Londoner Messe "100%Design" präsentierte, geriet er zum Star der Messe. Und vor wenigen Tagen eröffnete er in Stockholm seine erste Boutique, um sein atmosphärisches Licht in den hohen Norden zu bringen.

Die großen Leuchtenhersteller müssen deswegen noch lange nicht um ihre Umsätze fürchten. Immerhin kosten Kohlenfadenlampen bei Anbietern wie Danlamp, Urban Cottage oder Buster + Punch rund 20 Euro, während Mullan Lighting und Restoration Hardware knapp die Hälfte verlangen. Doch aus der Nische ist längst ein veritabler Markt für Enthusiasten geworden. Nicht nur das Spektrum der Lichtquellen hat sich damit erweitert. Auch die Atmosphäre des Lichts hat an Wärme deutlich gewonnen - einem Griff in die industrielle Mottenkiste sei Dank. (Norman Kietzmann, Rondo, DER STANDARD, 14.3.2014)

  • Für viele die schönste Form des elektrischen Lichts, die klassische Glühbirne mit ihrem Leuchtfaden.
    foto: ocean/corbis

    Für viele die schönste Form des elektrischen Lichts, die klassische Glühbirne mit ihrem Leuchtfaden.

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