Flach halten: Ghesquières Debüt bei Louis Vuitton

17. März 2014, 17:04
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Seine Show war der Höhepunkt der gerade zu Ende gegangenen Modeschauen: Nicolas Ghesquières sanftes Debüt beim Luxusgiganten Louis Vuitton

Am Anfang stand ein Brief. Wer das Glück hatte, eine der raren Einladungen zu Nicolas Ghesquieres Debüt bei Louis Vuitton zu bekommen, der wurde auf seinem Sitzplatz mit einem auf Schreibmaschine geschriebenen Brief des Designers auf Büttenpapier empfangen: "Heute ist ein großer Tag", stand darauf zu lesen: "Worte können nicht ausdrücken, wie ich mich in diesem Moment fühle."

Nein, mit den Worten hat es dieser Designer nicht. Interviews gab er schon zu seiner Zeit als Chefdesigner von Balenciaga äußerst ungern, und auch seine Premiere bei Louis Vuitton begleitete er lieber mit einem Brief als mit vielen Worten. Es ist die Arbeit am Einzelstück, die Fertigung einer in sich schlüssigen Kollektion, die diesen Designer interessiert. "Ich hatte eine Vision, nicht wirklich eine Strategie", sagte er am Tag nach der Schau der Welt am Sonntag.

Innovative Materialien

Es war wohl dieser Zugang zu Mode, der seine Zeit bei Balenciaga so erfolgreich machte. Von 1997 bis 2012 werkte er bei dem französischen Traditionshaus und schuf in dieser Zeit einige der bemerkenswertesten Kollektionen der vergangenen Jahre. Kollektionen, die tief in der Geschichte des Modehauses verankert waren, aber dank der innovativen Materialien, der furchtlosen Schnitte weit in die Zukunft deuteten: Als "retrofuturistisch" wurde sein Stil des öfteren beschrieben.

Dieser Ansatz ist jetzt auch bei Ghesquieres sanftem Debüt für Louis Vuitton zu erkennen, etwa wie er Zipper in Lederteile integriert oder Baumwollmaterialien die Anmutung von Lackleder haben. "Diesmal geht es mir aber um mehrere Ansätze" sagt er in einem von der Pressestelle von Louis Vuitton zur Verfügung gestellten Interview: "Ich möchte für eine Frau, die unterschiedlichsten Stilen vertraut, eine Garderobe schaffen." Es ginge weniger um einen bestimmten Look als um Vorschläge, wie eine Garderobe je nach Lust und Laune zusammengestellt werden kann.

Marc Jacobs Erbe

Damit ist Ghesquiere gar nicht so weit von dem entfernt, wo sein Vorgänger Marc Jacobs aufgehört hat. Dessen Erfolg bestand ja maßgeblich darin, Louis Vuittons Geschäft mit Kleinlederteilen am Laufen zu halten, oder besser gesagt explodieren zu lassen. Mit seinen Modekollektionen bzw. deren Inszenierung erregte er Saison für Saison Aufmerksamkeit, um so etwas wie Wiedererkennbarkeit ging es ihm erst an zweiter Stelle.


Foto: Jürgen Teller

Anders als Jacobs möchte Ghesquiere die Taschen aber jetzt weit stärker in die Welt der Mode integrieren: "Man könnte glauben, die Mode kommt bei Louis Vuitton erst an zweiter Stelle. Also habe ich mir gesagt: 'Wenn man die Tasche kauft, dann soll man auch die dazugehörige Mode wollen. Wenn man die Mode kauft, dann auch die dazugehörige Tasche.'" Oder anders ausgedrückt: So wie in Jacobs Zeiten aus Taschen it-Taschen wurden, so möchte Ghesquiere aus Kleidungsstücken it-Mode schaffen.

Bei Balenciaga ist ihm das ganz gut gelungen. Längerfristigen Erfolg wird er bei Louis Vuitton nur dann haben, wenn er das auch hier hinkriegt - und die Kasse beim weltgrößten Luxuskonzern weiter klingelt. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 14.3.2014)

  • Charlotte Gainsbourg erschien zur Vorführung von "Nymphomaniac" in New York in Kleidung aus dem Herbst-/Winter-Kollektion 2014, die soeben in Paris gezeigt wurden.
    foto: ap/agostini

    Charlotte Gainsbourg erschien zur Vorführung von "Nymphomaniac" in New York in Kleidung aus dem Herbst-/Winter-Kollektion 2014, die soeben in Paris gezeigt wurden.

  • So ein Debüt muss strategisch geplant sein: Bevor die neue Vuitton- Kollektion auf dem Laufsteg gezeigt wurde, wurde sie bereits von Juergen Teller fotografiert.
    foto: juergen teller

    So ein Debüt muss strategisch geplant sein: Bevor die neue Vuitton- Kollektion auf dem Laufsteg gezeigt wurde, wurde sie bereits von Juergen Teller fotografiert.

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