Serge Lutens: "Parfums mit Eigenleben"

Interview13. März 2014, 17:12
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Was Selbstinszenierung bedeutet, weiß Serge Lutens seit vielen Jahrzehnten - Heute steht sein Name für exklusive Parfums

Normalerweise verbringt Serge Lutens sein Leben in Marrakesch. Nur wenn er muss, kommt er nach Paris. Wenn er ein neues Parfum präsentiert, dann muss es sein. Paris ist ihm im Winter eigentlich immer zu windig, zu grau und zu kalt. Shiseido hat für die Präsentation des neuen Parfums "Verre de laine" in eine Galerie gleich hinter dem Centre Pompidou eingeladen. Der Ausstellungsraum im Marais ist vom Boden bis zur Decke weiß.

Es läuft ein Werbefilm in Endlosschleife, in dem Lutens selbst die Hauptrolle spielt. Wer einen Interviewtermin hat, wird von einer der hübschen, ganz in schwarz gekleideten Damen über eine Wendeltreppe in den ersten Stock geleitet. Klein, fast filigran sitzt Serge Lutens auf einem schwarzen Sofa, strahlt Ruhe und Bescheidenheit aus. Eine Zeitlang hält er sich noch an einer Teetasse fest, dann fällt seine vermeintliche Zerbrechlichkeit von ihm ab. Er will sich unterhalten, will witzig, inspirierend und überraschend sein. Seine beim Gespräch anwesende Assistentin wacht über sein Wohl - und ist untröstlich, wenn die neue Tasse Tee einfach nicht heiß genug ist.

STANDARD: Wann wissen Sie eigentlich, dass ein Parfum, an dem Sie arbeiten, fertig ist und Ihren Ansprüchen entspricht?

Lutens: Aus Erfahrung. Das Handwerk eines Parfümeurs ist ja nicht edel und fein, wie man vermuten könnte, sondern im Gegenteil ziemlich brutal. Reine Essenzen riechen nicht gut, sie stinken meistens sogar. Es geht darum, sie in eine richtige Abfolge zu bringen, sie in einer ohnehin überbedufteten Welt zu einem Parfum mit einer Aussage und Andersartigkeit zu machen.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Lutens: Jemand, der Zitrusdüfte mag, könnte sich doch einfach mit ausgepresster Zitrone einreiben. Nur das funktioniert eben nicht. Es riecht nicht. Unser Kunst ist es, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln etwas wie Zitrone riechen zu lassen, die Frucht selbst aber nicht zu verwenden.

STANDARD: Es ist also eine Arbeit mit Illusionen?

Lutens: Am Ende von Neurochemie. Geruchssinn ist etwas sehr Persönliches. Wichtig ist, was es auslöst. Im ersten Moment dominiert ja nur der Alkohol, ein sehr schillerndes Element. Ist er verflogen, bleibt die Herznote, die Gewürze, übrig. Es ist der Moment, in dem sich Essenzen in die richtige Reihenfolge bringen. Diese Phase ist die größte Herausforderung für einen Parfümeur. Die Basisnoten, also jene, die auf der Haut bleiben, entwickeln sich immer sehr individuell. Darauf hat man kaum Einfluss.

STANDARD: "Verre de laine" ist der Name Ihres neuen Parfums. Was hat Glas mit Wolle zu tun?

Lutens: "Verre de laine" gehört zu einer Gruppe von Parfums, die ich als meine "Wässer" bezeichne. Saubere Wäsche, der Duft von Bügeleisen, die Kühle einer Klimaanlage: Das waren meine Inspirationsquellen. Es gibt Zeiten, die einfach keine schweren Düfte vertragen. Gegensätzlichkeit ist doch für jeden ein stark bestimmendes Element.

STANDARD: Sie sind aber eher für Ihre schwere Parfums bekannt ...

Lutens: Lange Zeit haben mich Parfums nicht besonders interessiert, muss ich sagen, bis 1968 habe ich selbst kein Parfum verwendet, konnte sämtlich Eaux de Cologne, die damals sehr populär waren, nicht ausstehen.

STANDARD: Wann hat sich das gewandelt?

Lutens: Als ich nach Marokko zog und dort auf den Märkten Düfte entdeckte.

STANDARD: Sie arbeiten seit damals mit dem Parfümeur Christopher Sheldrake zusammen. Wer macht was?

Lutens: Ich betöre ihn (lacht). Eigentlich noch vor allen anderen. Er ist immer der Erste, der von einer Idee erfährt. Er kennt sozusagen die Kulturgeschichte meines Lebens. Als Menschen sind wir aber sehr gegensätzlich. Ich lebe allein, Christopher ist verheiratet, er liebt gutes Essen, ich lebe wie ein Asket. Ich bin der Regisseur meiner Ideen, er derjenige, der sie technisch umsetzt. Wir arbeiten sehr eng zusammen.

STANDARD: Wie genau ist die Kooperation?

Lutens: Am Anfang ist die Idee. Die Geschichte. Dann beginnt meine Suche, in Worten und Essenzen. Und dann geht es ins Labor. Ich schlage vor, rieche, schicke ein Sample an Christopher. Er reagiert, schickt zurück, ich gebe meinen Kommentar. Wir sind sehr gut aufeinander abgestimmt.

STANDARD: Was sind Ihre Inspirationsquellen?

Lutens: Meine eigene Biografie, mein Leben, das als uneheliches Kind während des Krieges begann. General Pétain hat die Zeit geprägt, meine Mutter musste mich fremden Händen überlassen, um überleben zu können. Dieser Bruch hat mein Leben nachhaltig geprägt.

STANDARD: Das klingt nach eher wenig Glück. Was hat das mit Parfums zu tun?

Lutens: Die Kunst eines Parfümeurs besteht auch darin, Ideen in Worte zu fassen. Das nehme ich für mich in Anspruch. Ich ersetze das, was mir fehlt, durch Bilder und Fantasien. Insofern bin ich ein Kind geblieben, das heute 72 Jahre alt ist und immer noch seine Mutter vermisst.

STANDARD: Haben Sie jemals überlegt, eine Psychotherapie zu machen?

Lutens: Das müssen Sie fragen, weil Sie aus der Stadt von Sigmund Freud kommen. Das Problem ist, dass ich wahrscheinlich nie unglücklich genug dafür war. Ich habe einmal sogar ein paar Sitzungen ausprobiert. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert, allein der Gedanke an den Ödipuskomplex macht mich nervös. Ich habe einen anderen Weg für mich gefunden.

STANDARD: Und zwar?

Lutens: Das Prinzip der Überhöhung, das ist der Stoff, aus dem ich für meine kreative Arbeit schöpfe. Ich stelle immer wieder fest, dass ein gar nicht geringer Teil meiner Persönlichkeit sehr weiblich ist. Die Suche nach der Weiblichkeit ist sicherlich eine Triebfeder. Die Suche nach der Schönheit in den Dingen hat natürlich ebenfalls mein Leben geprägt.

STANDARD: Ihre Karriere hat viele unterschiedliche Stationen. Ist Erfahrung für einen Parfümeur ein Vorteil?

Lutens: Ich habe sehr viel in meinem Kopf, weiß, welche Akkorde ich kombiniere, was harmoniert oder zusammen aufregend sein kann. Ein Maler weiß ja auch, dass Blau und Gelb gemeinsam Grün ergeben. So ist das auch bei Parfum. Ich arbeite mit Duftessenzen. Ihre Kombination ist die Syntax eines Parfümeurs. Man kann das auch mit der Arbeit von Schriftstellern vergleichen. Sie arbeiten mit Worten, ich mit Essenzen. Das sind quasi meine Werkzeuge, mit denen ich mich ausdrücke, die Stationen meines Lebens dokumentiere.

STANDARD: Müssen Sie sich an Marketingvorgaben halten?

Lutens: Über den Markt und das Marketing denke ich nicht nach. Ich bin angetreten, um Parfum zu revolutionieren, und dabei lässt mir Shiseido auch wirklich vollkommen freie Hand. Ich will frei sein. Das war in meinem Leben immer so, da bin ich kompromisslos. Auf diese Weise entstehen interessante Sachen. Ich konnte mit "Feminité de bois" beweisen, dass holzige Düfte weiblich sind, dass ein Parfum, das wie Brot riecht, erfolgreich ist. "Jeu de Peau" ist eine Erinnerung an die Bäckerei meiner Kindheit.

STANDARD: Wie schnell müssen Sie Neues entwickeln?

Lutens: Für "Chène" habe ich zehn Jahre lang gebraucht, für "Vetiver oriental" sogar zwölf. Es gibt Arbeiten, die Pausen brauchen, um sich zu realisieren - oft hat mir ein Zufall geholfen, ein Parfum zu vollenden.

STANDARD: In den meisten Parfumwerbungen spielt Sex die wichtigste Rolle. Was sagen Sie dazu?

Lutens: Parfum ist ein Stück Kultur und war immer ein Substitut für Eigenschaften, die sich jemand gerne zuschreibt. In letzter Zeit scheint Sex ein Substitut geworden zu sein. Von früh bis spät soll man sexy sein. Aber es gibt keine sexy Essenzen, das weiß ich genau. Mit der Wahl eines Parfums zeigt man einem anderen, was einem gefällt, womit man sich wohlfühlt. Darin liegt das Potenzial von Verführung, ein Sich-Treffen auf olfaktorischer Ebene.

STANDARD: Was passiert mit Parfums von Serge Lutens, die nicht erfolgreich sind?

Lutens: Nichts. Sie bleiben im Sortiment. Manchmal dauert es, bis Dinge erfolgreich sind. Das habe ich viele Male erlebt. Das Geschäft mit Parfums ist wenig vorhersagbar.

STANDARD: Hat sich der Stil Ihrer Parfums mit den Jahren verändert?

Lutens: Sicherlich. "Les eaux", meine Wässer, sind aus einem Bedürfnis nach Klarheit entstanden. Ganz allgemein ist es ja so, dass viele Menschen Parfums mit bestimmten Phasen ihres Lebens verknüpfen. Ein Parfum, das jemand mit 20 Jahren trug, kann einen sehr schnell wieder in diese Zeit zurückversetzen. Parfums erinnern immer auch an Menschen - im guten wie im weniger guten Sinne. Dieses Umstandes bin ich mir immer bewusst. Meine Parfums haben eben auch ihr Eigenleben. (Karin Pollack, Rondo, DER STANDARD, 14.3.2014)

Serge Lutens wurde 1942 in Lille geboren und wuchs dort als uneheliches Kind auf. Seine Karriere begann er als Friseur. Er ging schon bald nach Paris, um dort als Stylist bei "Vogue" und "Harper's Bazaar" zu arbeiten. 1967 engagierte ihn Christian Dior und bat ihn, eine Make-up-Linie zu entwerfen. Mit seinen "blassen Looks" wurde er berühmt. In den 1980er-Jahren engagierte ihn Shiseido. Seit 1992 entwirft er für den japanischen Kosmetikkonzern Parfum: Mittlerweile gibt es über 60 verschiedene Düfte.

sergelutens.com

Die Reise nach Paris hat Shiseido finanziert.

  • Serge Lutens erstaunt seit zwei Jahrzehnten mit unkonventionellen Parfums, die nach Brot, Luft oder Wasser riechen.
    foto: francesco brigida / shiseido

    Serge Lutens erstaunt seit zwei Jahrzehnten mit unkonventionellen Parfums, die nach Brot, Luft oder Wasser riechen.

  • "Wolle aus Glas" ist der Name des neuen Parfums "Laine de verre" (75 Euro), eines sehe "sauberen" Dufts.
    foto: hersteller

    "Wolle aus Glas" ist der Name des neuen Parfums "Laine de verre" (75 Euro), eines sehe "sauberen" Dufts.

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