Speck-Literatur und Heintje-Effekt

11. März 2014, 18:27
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Literatur und Marktlage: Die Stimmung vor der Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März) ist gut. Mangas und Comics bekommen eine eigene Messe, Martin Pollack kuratiert einen Ukraine-Schwerpunkt

Wien - Einst galt es als Gottseibeiuns der Verlagsbranche, nun ist das E-Book nicht einmal mehr vor den Buchmessen ein Thema. Dass man es - inhaltlich - nicht zu früh abschreiben sollte, zeigte ein in der Zeit vorabgedruckter Text aus der ausschließlich als E-Book erhältlichen Anthologie Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf (mikrotext.de), der für einiges Aufsehen sorgte.

"Noch nie hat sich Konformität für sie so sehr ausgezahlt wie heute", schreibt Florian Kessler in seinem mit Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn betitelten Text. Sie, das sind für den 1981 in Hildesheim geborenen Autor jene jungen Schriftsteller aus vorwiegend gutem Haus (Kessler zählt sich selbst zu ihnen), die nach dem Abschluss einer Schreibschule das fabrizieren, was Kessler "Speck-Lit" nennt. Er meint damit eine "satte Form von ästhetischer Bürgerkind-Literatur".

Als Reaktion auf Kesslers Text brach eine weitere Staffel der regelmäßig geführten deutschen Feuilletondebatten über das Erzählen und die gähnende Langeweile im Großraumbüro der deutschsprachigen Literatur los. Maxim Biller, der Hass- und Schmerzensmann des Literaturbetriebs, stellte ebenfalls in der Zeit die These auf, der lamentable Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur hänge damit zusammen, dass die Enkel der Nazigeneration in Verlagen und Redaktionen immer noch das Sagen hätten. Zudem würden sich Autoren, "deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind", den deutschen Vorgaben zu sehr anpassen.

Uniformierte Gedanken

"Jeder Gedanke eine Uniform, jeder Satz klingt wie der andere", so Biller. Lothar Müller mahnte darauf in der Süddeutschen mit erhobenem Zeigefinger vor einer Festlegung auf die soziale Herkunft, und die aus Kiew stammende Autorin Katja Petrowskaja, die vergangenes Jahr den Bachmannpreis gewonnen hatte und mit ihrem Roman Vielleicht Esther auf der Shortlist zum am Donnerstag vergebenen Leipziger Buchpreis steht, sah bei Biller "Argumente eines lupenreinen Rassisten".

Seltsam nur, dass der ökonomische Strang in Kesslers Text kaum aufgenommen wurde. Denn der junge Autor konstatiert, dass drei Veränderungen - der Aufstieg mächtiger Handelsketten, riesiger Verlagskooperationen und einflussreicher Literaturagenten - den Selektionsdruck auf Autoren erhöht haben. Das heißt: Obwohl immer mehr Bücher publiziert werden, entscheidet eine immer kleinere Konstellation von Großagenten, Großverlegern und Großhändlern, welche Bücher Marktchancen haben. Zudem erweise es sich, so Kessler, als ratsam, sich als junger Autor in einem Milieu, "in dem Debütantenruhm durch einige wenige Literaturredakteure und die mit ihnen identischen preisvergebenden Juroren erzeugt wird", den ältlichen Herrschaften der Jury anzupassen, sich also "immer braver immer älter zu verhalten". Kessler nennt das den "Heintje-Effekt".

Dietmar Dath brachte es schließlich in der FAZ trocken auf den Punkt: "Literatur entsteht nicht nach Debattenplan. Sie entsteht nach Marktlage." Und diese scheint im Vorfeld der Leipziger Buchmesse, die heute Abend mit der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung an Pankaj Mishra (Laudatio: Ilija Trojanow) eröffnet wird, nicht schlecht zu sein.

2000 Verlage aus mehr als drei Dutzend Ländern sind vor Ort, wobei für die in Leipzig traditionell große Besuchergruppe der Manga- und Comic-Fans erstmals eine eigene parallele Messe stattfindet. Dazu werden im Rahmen von "Leipzig liest" 3000 Autoren ihre Bücher vorstellen.

Während die Frankfurter Buchmesse vor allem für Geschäft und Handel mit Rechten steht, gilt die bis Sonntag stattfindende Leipziger Messe vor allem als Seismograf für die Leserstimmung. Als Höhepunkt im Messeprogramm gilt neben dem Donnerstagabend in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung vergebenen Preis der Leipziger Buchmesse auch das vom österreichischen Autor und Übersetzer Martin Pollack kuratierte tranzyt-Programm, das sich heuer auf dem "Kilometer 2014" wieder mit der Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus auseinandersetzt.

Geplant sind Veranstaltungen zur ukrainischen Protestbewegung und zu den Neuen Rechten. Zudem hat Pollack eine Solidaritätsaktion gestartet. In den österreichischen Literaturhäusern soll in den kommenden Tagen jede Lesung mit einem kurzen Text eines ukrainischen Autors beginnen.

Ein Schwerpunkt der Messe ist auch einem anderen Land gewidmet, das sich politisch mit der Annahme der "Initiative gegen Masseneinwanderung" unrühmlich hervorgetan hat. Die Schweiz wird in Leipzig das tun, was sie in solchen Fällen immer tut: nämlich versuchen zu zeigen, dass es auch eine "andere Schweiz" gibt. So soll unter anderem die Straßenbahnlinie 16, die zum Messezentrum fährt, zur Lesebühne für eine Spoken-Word-Formation werden. Ihr Name: "Bern ist überall". Hoffentlich nicht. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 12.3.2014)

  • Der Betrieb hinter den Buchstaben spielt bei der Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März) eine kleinere Rolle als in Frankfurt. Unwichtig ist Ökonomie auch in Sachsen nicht.
    foto: ap / sebastian winlow

    Der Betrieb hinter den Buchstaben spielt bei der Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März) eine kleinere Rolle als in Frankfurt. Unwichtig ist Ökonomie auch in Sachsen nicht.

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