Blauzone am Rhein gegen Hochwasser

11. März 2014, 17:16
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Schweiz und Liechtenstein zögern noch mit Flächenwidmung für Retentionsräume

Bregenz - Eine 55 Quadratkilometer große Blauzone am Rhein soll das Vorarlberger Rheintal vor Hochwasser schützen. Einen Meilenstein habe man mit der neuen raumplanerischen Kategorie gesetzt, sagten am Dienstag Landeshauptmann Markus Wallner und sein für Raumplanung zuständiger Stellvertreter Karlheinz Rüdisser (ÖVP). Vorarlberg habe mit der neuen Zone, die dem Fluss Raum schaffen soll, österreichweit eine Pionierleistung für den Hochwasserschutz erbracht.

Mit der Blauzone Rheintal, die 22 Gemeinden betrifft, wird dem Rhein und Zuflüssen mehr Raum gegeben. Die neuen Überflutungsgebiete sollen dem Hochwasser seine zerstörerische Kraft nehmen, sagt Rüdisser. Die Hochwasserereignisse der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass zu wenig Raum für Abfluss und Rückhalt gegeben sei. Die Interessen von Bauern und Unternehmern habe man bei der Planung berücksichtigt, beruhigt Rüdisser Kritiker aus Landwirtschaft und Wirtschaft. So seien bereits bestehende Betriebsgebiete von der Blauzone ausgenommen. Entwicklung sei für betroffene Höfe und Betriebsstandorte am Rheinufer weiter möglich.

Schweiz noch nicht so weit

Leise Kritik äußern die Vorarlberger an den Rheinnachbarn Schweiz und Liechtenstein, wo noch die raumplanerischen Voraussetzungen fehlen. Landeshauptmann Wallner: "Wir sind einen Schritt vorausgegangen." Er hoffe jedoch, sagte Wallner, "dass jenseits der Grenze ähnliche Maßnahmen gesetzt werden. Überrascht zeigte sich der Projektleiter von "Lebendiger Alpenrhein", einer Initiative aller Umweltverbände dies- und jenseits des Flusses, vom Vorarlberger Vorpreschen. "Schade, dass wir nicht eingebunden waren", sagt Lukas Indermaur. Der Gewässerbiologe wünscht sich einheitliche Raumplanung und Blauzonen in allen Anrainerländern und "rigoroses Bauverbot". Die Internationale Regierungskommission Alpenrhein (IRKA) sollte Planverbindlichkeit schaffen.

Die Revitalisierung des Alpenrheins wäre nicht nur aus Gründen des Hochwasserschutzes eine Jahrhundertchance, sagt Indermaur. Der Alpenrhein, im Rheintal ein Kanal, könnte wieder zur lebendigen Wasserlandschaft werden. In einem drei Kilometer langen Teilbereich, den Mastrilser Auen bei Chur in der Schweiz, ist er es schon.

Die drei Kilometer langen Mastrilser Auen sind den Umweltverbänden Maßstab für weitere Flussraumaufweitungen am 90 Kilometer langen Alpenrhein. Mit dem Projekt Rhesi (Rhein, Erholung und Sicherheit) könnte der Rhein wieder artenreicher Lebensraum werden. Derzeit ist die Artenvielfalt im kanalisierten Bereich laut World Wide Fund For Nature (WWF) 16-mal geringer als in den Mastrilser Auen.

Die neue Blauzone ist auf ein 300-jähriges Hochwasser ausgerichtet. Mit der Blauzone sei aber erst die Grundlage für weitere Hochwasserschutzmaßnahmen gelegt, sagen die Vorarlberger Politiker. Die Notwendigkeit belegen jüngste Studien der von der EU-Kommission koordinierten Forschungsstelle Ispra: Bis 2050 sei mit einer Verdoppelung der Hochwasserereignisse in Europa zu rechnen. (jub, DER STANDARD, 12.3.2014)

  • Die Mastrilser Auen im Kanton Graubünden (Schweiz) sind die letzte naturnahe Auenlandschaft am Alpenrhein.
    foto: lukas indermaur

    Die Mastrilser Auen im Kanton Graubünden (Schweiz) sind die letzte naturnahe Auenlandschaft am Alpenrhein.

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