Wo Gewalt blüht

11. März 2014, 17:31
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Die Biografien von jungen Rechtsradikalen sind von Verwahrlosung und Bindungsproblemen geprägt, zeigte eine Studie deutscher Forscher

Toni war längst gewalttätig, als er zum Skinhead wurde. Es begann, als seine Mutter seinen Vater vor die Tür setzte - aus heiterem Himmel aus der Sicht des damals Zehnjährigen. In der Folge bricht seine Welt immer weiter auseinander. Er wohnt einmal da, einmal dort, zwischendurch auf der Straße. Das Verhältnis zur Mutter und ihren wechselnden Partnern ist von Hass bestimmt. Schleichend entwickelt er sich zum Rechtsextremen. Erst als er als Nazi beschimpft wird, sucht er Kontakt zur rechten Szene. Als zentrales Motiv nennt er Ausländerfeindlichkeit. Schlägereien, Verurteilungen wegen schwerer Körperverletzung: Toni, 17 Jahre, gibt zu, ein "Riesenaggressionsproblem" zu haben.

Toni ist einer von zwölf jugendlichen Gewalttätern aus Deutschland, die die Psychologin Svenja Taubner gemeinsam mit einem Team aus Soziologen und Neurologen interviewt und untersucht hat - zusammen mit einer Vergleichsgruppe nicht gewalttätiger junger Männer. "Es war erschütternd, wie sehr die Biografien der jungen Rechtsradikalen von Verwahrlosung geprägt waren, mehr noch als bei den unpolitischen Gewalttätern", sagt Taubner. Was noch auffällt: "Die Gewalt war besonders ausgeprägt innerhalb der Gruppen, in denen sich die Rechten organisierten. Viele Narben stammten von Kumpels."

Seit Jahren erforscht Taubner die Ursachen von Jugendgewalt und welche Auswege es daraus gibt. Sie war an Unis in Bremen, Ulm, Kassel und Berlin tätig, und sie kennt auch die Praxis: Sechs Jahre lang arbeitete sie im Rahmen der gerichtlichen Mediation mit straffälligen Jugendlichen. Seit September 2013 leitet sie die Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Klagenfurt.

Wege der Ausgrenzung

Der Fall Toni verdeutlicht "einen typischen Lebensweg eines rechtsgerichteten, fremdenfeindlichen und gewaltbereiten Jugendlichen", schreiben die Studienautoren. Er zeigt exemplarisch auf, wie sich wiederholte Ausgrenzungserlebnisse und Verlassensängste in Aggression, Ausgrenzung anderer und Fremdenfeindlichkeit manifestieren.

"Wir haben die Ausgrenzung auch am eigenen Leib erfahren", sagt Taubner. Ihre Forschungsgruppe sei von Kollegen kritisiert und indirekt angefeindet worden, weil sie sich mit Rechtsradikalen beschäftigte. Nicht nur aufgrund solcher Hürden sind derartige Studien Mangelware. Es ist nicht leicht, überhaupt an die Untersuchungsgruppe heranzukommen.

Die Ergebnisse bestätigten, dass jugendliche Gewalttäter - unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung - meist schon in ihrer Kindheit überdurchschnittlich aggressiv waren und allesamt grobe Schwierigkeiten mit ihren Bezugspersonen, hauptsächlich den Eltern, hatten. "Ungelöstes Bindungstrauma" ist der Fachterminus dafür. Eng damit verknüpft ist die mangelnde Fähigkeit, das eigene Tun zu reflektieren und sich in andere hineinzuversetzen, genannt "Mentalisierung".

"Die Fähigkeit zur Mentalisierung wird in den ersten fünf Lebensjahren in Abhängigkeit von Beziehungen entwickelt", erklärt Taubner. "Wenn ein Kind in brutalisierten Beziehungen aufwächst, hört es irgendwann auf, sich selbst und die Psyche anderer zu erforschen - als Selbstschutz." Auch wenn bei schwerstauffälligen Jugendlichen meist traumatische Erlebnisse im Spiel sind - bei weitem nicht aus allen Kindern, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, werden Gewalttäter. "Es liegt daher nahe, dass soziale und biologische Faktoren zusammenspielen."

Die Suche nach den Wurzeln des Bösen im Gehirn und in den Genen hat jedoch einen bitteren Beigeschmack: Schnell werden solche Untersuchungen mit Kopfvermessungen von Verbrechern assoziiert, biologistische Ansätze sind als stark verkürzt verrufen. "Die Politik hat aus diesen Bedenken heraus der Bewährungshilfe kurzfristig verboten, mit uns zusammenzuarbeiten. Wir mussten für eine Studie mit der Berliner Charité, in der jugendliche Straftäter neurobiologisch untersucht werden sollten, Anzeigen auf Ebay schalten", erzählt Taubner.

Dabei zeichnet sich längst ab, dass bestimmte Gehirnareale bei aggressiven Jugendlichen andere Aktivitäten zeigen als bei unauffälligen, was auf geringere Hemmschwellen für Gewalt, verminderte Empathie und Stressresistenz hindeutet. Studien mit Tieren und menschlichen Zellen haben Anzeichen dafür geliefert, dass Gene, die in Zusammenhang mit Hormonen und Neurotransmittern stehen, die Aggression steigern.

Doch welche Wechselwirkungen gibt es zwischen genetischen Voraussetzungen und Umwelteinflüssen? Die Antwort darauf will die Epigenetik geben, die sich mit jenen Faktoren beschäftigt, die beeinflussen, ob Gene ein- oder ausgeschaltet und wie sie abgelesen werden. Eine Gruppe um die Österreicherin Elisabeth Binder, Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, konnte im Labor feststellen, dass extremer Stress im Kindesalter eine epigenetische Veränderung bewirkt. Dadurch brennt ein Gen zur Stressregulation quasi durch und kann nicht mehr richtig arbeiten.

Biologische Marker

Welche biologischen Marker es für chronisch aggressives Verhalten von Jugendlichen gibt, untersucht die Kanadierin Nadine Provençal, ebenfalls im Team von Elisabeth Binder. "Wir werden aggressiver geboren als gedacht", sagt Provençal. "Zwischen zwei und vier Jahren erreicht die körperliche Gewalt ihren Höhepunkt. Kleinkinder hauen schon einmal hin, um zu bekommen, was sie wollen. Durch die Sozialisation nimmt die Bereitschaft zur Gewalt bis zum Alter von etwa 15 Jahren immer weiter ab." Und dennoch: Vier bis sieben Prozent, hauptsächlich Buben, bleiben ihr ganzes Leben lang aggressiv. Sie kommen tendenziell aus schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen und sind schon früh hyperaktiv und verhaltensauffällig.

Die Hypothese der Epigenetiker: Eine feindliche Umgebung in der frühen Kindheit hinterlässt Spuren im Erbgut und ist für antisoziales Verhalten im späteren Lebenslauf verantwortlich. Dafür spricht eine aktuelle Langzeitstudie, die Provençal und ihre Kollegen mit jungen Erwachsenen durchführten, die in der Kindheit als aggressiv eingestuft wurden. In Zellen, die an sich für die Immunabwehr verantwortlich sind, konnten sie epigenetische Veränderungen identifizieren. Um mehr Daten zu gewinnen, setzen neue Studien schon bei der Geburt an. Irgendwann könnten Gentests dabei helfen, gefährdete Kinder gezielt mit Präventionsprogrammen der Spirale der Gewalt zu entziehen, hoffen die Forscher.

Letzteres ist auch das Ziel von Svenja Taubners mentalisierungsbasierter Therapie für jugendliche Gewalttäter, die die Psychologin derzeit an der Uni Klagenfurt entwickelt. Dabei sollen die Jugendlichen spielerisch aufgefangen werden, "um über ihr eigenes Verstehen die Perspektive der anderen einnehmen zu können". Anti-Aggressions-Trainings in Gruppen hätten sich als schädlich herausgestellt, da sich das Verhalten nur repliziert, sagt Taubner.

In einer im Vorjahr veröffentlichten Studie hat sie gezeigt, dass die Fähigkeit zur Reflexion eine Gewaltbremse ist: Aus der Befragung von rund 100 etwa 16-jährigen Schülern und Schülerinnen ergab sich, dass nicht alle, die bereits psychopathische Züge mitbrachten, auch tatsächlich aggressiv waren. Jene mit hoher reflexiver Kompetenz waren deutlich weniger gewalttätig. Taubner: "Das zeigt, dass sich auch eine genetische Vulnerabilität sozialisatorisch auffangen lässt." Und gibt Hoffnung, das komplexe Ursachen-Puzzle weiter aufzulösen. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 12.3.2014)

  • Studien zeigten, dass jugendliche Gewalttäter - unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung - meist schon in ihrer Kindheit überdurchschnittlich aggressiv waren.
    foto: ap photo/ jan bauer

    Studien zeigten, dass jugendliche Gewalttäter - unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung - meist schon in ihrer Kindheit überdurchschnittlich aggressiv waren.

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