Bimmel, Bommel, kein Bammel: Letzte "Harald Schmidt Show" auf Sky

12. März 2014, 05:30
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Am Donnerstag bittet Dirty Harry bei Sky zum letzten Mal zur "Harald Schmidt Show" - Pointe: Die finale Sendung gibt es auch auf Youtube. Ein Denkmal der Unterhaltung geht in den Ruhestand - Ein kurzer Abriss

Wien - Die Ausgabe seiner Show auf Sky hat kaum jemals ein Mensch gesehen. Ein Sender, der seinen Receiver mit Hans Krankl in Jubelpose bewirbt, nimmt Schmidts Witz eher in Kauf, anstatt ihn zu fördern. Die Unterbringung Schmidts (56) im Bezahlfernsehen war ein historischer Irrtum. Wehgetan hat er keinem, am wenigsten Schmidt.

Geliebt hat man den schwäbischen Katholiken mit den schönen Organistenhänden für lange Vollbrachtes. Schmidt war Schmuggelgut. Als er an der Seite von Herbert Feuerstein durch Schmidteinander schlich, war er ein Langer mit breitem Grinsen. Feuerstein stand damals, zu Anfang der 1990er, zuverlässig unter Genieverdacht. Schmidt, den Kabarettisten aus dem Düsseldorfer Komödchen, zog er hinter sich her. So dachte man. Feuerstein hatte mehr mit Loriot gemein.

Fernsehen aber ist Alchemie. Schmidts Grinsen verriet das Wissen um die gültige Formel der ­TV-Unterhaltung. Schmidt besaß - und besitzt - die Fähigkeit, auch mindere Ausscheidungen der Gesellschaft in reines Gold zu verwandeln. Will man etwa im Geschäft der Late-Night-Unterhaltung bestehen, darf man sich für nichts zu gut sein.

Desperadohaltung des Kleinbürgers

Das Programm wird zum Werbe­umfeld. Bleibst du hängen, ist es gut. Kannst du folgen, ist es noch besser. Bleibst du nicht dabei, verstehst du den nächsten Polen- oder Herrenwitz nicht mehr. Du wirst dazu verdammt, ihn für bare Münze zu nehmen. Konsumenten der frühen Harald Schmidt Show erlernten die Kunst, unter Niveau zu lachen, um sich für klüger zu halten als der Rest.

Der Triumph der Harald Schmidt Show, zunächst ab Dezember 1995 in Sat.1 zu bewundern, war die Desperadohaltung des Kleinbürgers, der nichts mehr zu verlieren hat und dadurch alles gewinnt. Gewiss, Briefe brachte bei ihm der "Letterman", ein eher holpriger Verweis auf die angelsächsische Late-Night-Unterhaltung. Putzige Stofftiere hießen "Bimmel" und "Bommel", Gäste wurden osten­tativ der Nichtswürdigkeit überführt. Die Installation des Assistenten Manuel Andrack markierte bereits eine Zeit des Übergangs. Schmidt wich von der rigiden Bewirtschaftung einer Schmuddelecke ab. Im Samstagabendprogramm hatte er ohnedies nie etwas verloren.

Sabbaticals

Plötzlich wurde ruchbar, dass Schmidt ausgebildeter Bühnenschauspieler war. In Bochum, wo Matthias Hartmann das Theater leitete, gab er den Lucky. Der Herr im feinen Zwirn spielte Homers Odyssee mit Playmobil-Figuren nach. Undenkbar, dass er, so wie früher, die WDR-Moderatorin Böttinger mit einer Klobrille verglichen hätte. Schmidt wurde keusch, aber nicht clean. Das Fernsehen war die nämliche Nivellierungsmaschine geblieben. Schmidt lernte, sie mit Anmut und Anstand zu nutzen. Der gebildete Bürger un­serer Tage war ein Anarch geworden, ein Nihilist, der Kirchensteuer zahlt.

Er legte Sabbaticals ein und zeugte viele Kinder. Mit Oliver Pocher vertrug er sich weniger. Gut möglich, dass Schmidt noch eine Kirchenoper schreibt und diese auf dem Traumschiff aufführen lässt. Schmidt, das war die Rache des Bürgertums am Gemeinwesen, wie es sich via Unterschicht-TV ausdrückt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 12.3.2014)

  • Harald Schmidt (56) zieht sich endgültig aus dem Late-Night-Unterhaltungsgewerbe zurück,
    foto: apa/dpa/bernd weissbrod

    Harald Schmidt (56) zieht sich endgültig aus dem Late-Night-Unterhaltungsgewerbe zurück,

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