Heitere Opernzauberei aus Südafrika

Gespräch11. März 2014, 18:17
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Ein Gespräch mit der Sopranistin Pretty Yende

Wien - Wenn Cecilia Bartoli absagt, dann ist die Folge in den seltensten Fällen Freude. Doch Pretty Yende kam, sang und siegte an ihrer Stelle in der Gunst des Publikums und der Kritiker - vor gut einem Jahr im Theater an der Wien, in der Neuproduktion von Rossinis Le Comte Ory. Nur einen Monat davor war der jungen südafrikanischen Sopranistin dasselbe an der Metropolitan Opera in New York geglückt, ebenfalls als Einspringerin, ebenfalls in Rossinis Opéra comique.

Aufgewachsen ist Pretty Yende in Piet Ritief, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Swasiland, als ältestes von vier Geschwistern in einer Familie, in der viel gesungen wurde. Ihre Karriere als Solistin habe in der Kirche begonnen, erzählt die 29-Jährige, in der Sonntagsschule. "Ich wollte immer höher und noch höher singen", lacht Yende. Der Zauber der Oper hat sie im Teenageralter erreicht, als sie im Fernsehen einen Werbespot einer britischen Fluglinie sah, der mit einem Duett aus Léo Delibes' Lakmé unterlegt war. Da war es um sie geschehen.

Yende hörte fortan Opernprogramme im Radio, jeden Sonntag bis tief in die Nacht. Ein Stipendium ermöglichte es ihr, im Alter von 16 Jahren am South African College of Music in Kapstadt Gesang zu studieren. Ihre Lehrerin Virginia Davids war, noch in Zeiten der Apartheid, eine der ersten farbigen Opernsängerinnen Südafrikas gewesen. Die Lehrjahre: "Ich war damals ungeduldig. Ich fand die Stimmen anderer Opernsängerinnen perfekt - nur meine nicht." Was hat ihr ihre Professorin beigebracht? "Dass ich meine Stimme lieben muss, dass ich sie als ein einzigartiges Geschenk begreifen und meine eigene Identität als Sängerin finden muss."

Yende fand diese ziemlich zügig, 2009 kam sie erstmals nach Wien und gewann den renommierten Belvedere-Wettbewerb in allen Kategorien. Ilias Tzempetonidis, Talentescout der Mailänder Scala, lud sie ein, für drei Jahre an die Sängerakademie des renommierten Opernhauses zu kommen. "Sie haben an mich und meine Stimme geglaubt", erzählt Yende, "und sie haben meine Entwicklung umsichtig gelenkt."

Sie sei in dieser Zeit von morgens bis abends in der Scala gewesen, lacht Yende, "und wenn da ein Bett gewesen wäre, dann hätte ich da auch geschlafen. Ich wollte lernen, lernen, lernen, so viel es mir möglich war. Ich war bei allen Proben mit dabei, bei wirklich allen! Ich habe mitbekommen, wie hart und detailliert da gearbeitet wird, wie große Sänger in ihre Partien hineinwachsen. Das war ein Geschenk für mich." Es gab also gar keine Zeit für ein wenig Dolce Vita in Italien? "Die ersten Tage waren sehr hart, alles war so anders ... Aber ich habe Italien sehr schnell geliebt. Ich habe die Italiener beobachtet, wie sie gehen, wie sie reden - und plötzlich war mir klar, worauf die Rezitative in den Opern basieren, wie sie funktionieren!"

Erster Schock an der Met

Ende 2012 kam die Anfrage von der Metropolitan Opera, ob sie sich zutrauen würde, als Adèle in Rossinis Le Comte Ory einzuspringen, an der Seite von Juan Diego Flórez. Sie hatte nur wenige Wochen Zeit, die Partie zu lernen, es gab Probleme mit ihrem Visum. Und dann geriet ihr erster Auftritt auf der renommierten Opernbühne der USA zu einem wortwörtlichen Reinfall: Während der Ouvertüre stürzte sie zum Schrecken des Publikums einige Treppenstufen hinunter. "Es war ein Schock. Ich bin nie zuvor auf der Bühne hingefallen, nie! Aber irgendwie hat mir dieser Unfall einen Ruck gegeben, meine Nervosität war plötzlich weg. Und der Abend ist dann wirklich gut gelaufen!"

Yende hat in der Vergangenheit nicht nur Koloraturpartien wie die Adèle gesungen, sondern auch lyrische Partien. Wird das so bleiben? "Schon. Mirella Freni hat mir geraten, vorsichtig mit dem lyrischen Repertoire zu sein. Wenn man es zu früh singt, kann das gefährlich für die Stimme sein. Das Belcanto-Repertoire ist viel Arbeit, aber meine Stimme reagiert darauf positiv. Ich versuche beide Stimmfächer sorgfältig auszubalancieren. Letztlich braucht man für eine Violetta oder eine Manon ja auch beides." (Stefan Ender, DER STANDARD, 12.3.2014)

Pretty Yende ist am 15. 3. im Konzerthaus zu hören.

  • Singt im Konzerthaus: die Sopranistin Pretty Yende.
    foto: urban

    Singt im Konzerthaus: die Sopranistin Pretty Yende.

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