Der Künstler als Weltenrichter

11. März 2014, 18:01
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Das Xhibit in der Akademie zeigt Hieronymus Boschs Weltgericht, in die Gegenwart übersetzt

Wien - Stellen Sie sich vor, Sie kaufen sich ein nigelnagelneues MacBook Pro. Nach dem Auspacken starten Sie es aber nicht, sondern zerlegen es in seine Einzelteile. Absurd? Der Videokünstler Herman Asselberghs hat einen solchen gegen die Konsumlogik gewendeten Akt für sein Video Dear Steve inszeniert.

Gemeint ist Apple-Gründer Steve Jobs selig. Sein "Heiligenstatus" ist das, was hier eigentlich zerlegt werden soll: Viele jener Teile, die der für Dear Steve engagierte Techniker da ausbreitet, kommen aus Billigproduktion. Deshalb steht der Buddhist Jobs jetzt in der Akademie der bildenden Künste vor dem Weltgericht.

Dear Steve ist nämlich Teil der Ausstellung Das neueste Weltgerichtstriptychon in der Akademiegalerie Xhibit. Sechs Künstler, darunter auch Kurator Dieter Lesage selbst, haben das Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch für die Gegenwart säkularisiert. Herausgekommen sind Objekte, Installationen oder Videos, die für sich genommen nicht zwingend als Referenz auf Bosch zu erkennen wären. Gerechtfertigt ist Lesages Titel vor allem dadurch, dass das Original des um 1500 entstandenen Altarbilds nebenan in der Gemäldegalerie hängt. Das "neueste Weltgericht" tagt genau genommen überall, wo Künstler Kapitalismuskritik üben.

Boschs Original ist eine fiebertraumartige, körperliche Interpretation der Heilsgeschichte, entstanden am Vorabend der Reformation. Das Paradies ist kein sicherer Ort. Bevor die Menschen in die Hölle gezerrt werden, werden sie von Dämonen gequält. Gerettet werden die wenigsten. Gemarterte Körper und Fabelwesen bestimmen ein modern wirkendes Bild, das nicht restlos erklärbar und auch deshalb für allerhand Neuinterpretationen geeignet ist.

Für Ina Wudtke etwa ist das heutige Paradies das "Zentrum der Metropole" , die Vertriebenen sind diejenigen, die nicht genug Geld haben. Im Xhibit hat die Gentrifizierungskritikerin unter anderem eine "Regenwolke" aus Formularen, Briefen, Einkaufszetteln aufgehängt: Die Arbeit Entmietung besteht aus Papierkram, der die Geschichte von Wudtkes eigener Vertreibung aus einer Berliner Wohnung erzählt.

Das Pendant zu Boschs mittlerem Altarflügel fand Lesage in dem Doku-Video Auf einmal und alles gleichzeitig von Alice Creischer und Andreas Siekmann: 2007 mischten sich die Performancekünstler im Rahmen der Documenta 12 in das "sündige" Treiben in einem Einkaufszentrum, um durch Hinweis auf die Produktionsbedingungen die Warenwunderwelt zu entzaubern.

Marusa Sagadin hat schließlich die Hölle modernisiert, wobei ihre in Pastelltönen gehaltene Installation Meet The Residents Boschs Bildsprache aufgreift: Sie besteht aus grotesk vergrößerten Körperteilen, etwa einer Betonhand oder Styropor-Zehen. Im Sinne der "Selbstermächtigung einer Gegenkultur" hat Sagadin aber auch einen Laufsteg gebaut, auf dem immobil machende Schuhe herumstehen. Die Bosch' sche Rätselhaftigkeit hat die Künstlerin gekonnt übertragen.  (Roman Gerold, DER STANDARD, 12.3.2014)

  • Ausschnitt aus "Dear Steve" (2010).
    foto: courtesy of the artist & a. orts

    Ausschnitt aus "Dear Steve" (2010).

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