Gabonionta, die kleinen Revolutionäre der Evolution

11. März 2014, 17:55
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Durch ihre Entdeckung musste die Geschichte des Lebens umgeschrieben werden, in Wien werden die ältesten mehrzelligen Pioniere erstmals präsentiert

Sie sind graubraun, klein, unscheinbar und auf den ersten Blick gar nicht attraktiv anzusehen, doch die Augen von Abderrazak El Albani leuchten, wenn er von seinen Schätzen, den Gabonionta, erzählt. Als der französisch-marokkanische Sedimentologe der Universität Poitiers im Jahr 2010 seine Entdeckung in der Zeitschrift Nature präsentierte, löste dies in der Fachwelt ein Erdbeben aus. Waren die ältesten bisher bekannten komplexen vielzelligen Organismen, die Lebewesen der Ediacara-Fauna, ans Ende des Proterozoikums vor ungefähr 580 Millionen Jahren datiert worden, verschob sich nun das Auftreten makroskopischer Mehrzeller um eineinhalb Milliarden Jahre zurück in die Vergangenheit der Erde.

Wachstumsmotor Sauerstoff

Damals, zu Beginn des Proterozoikums, war die Welt im Umbruch: Ausgelöst durch Cyanobakterien sammelten sich erstmals relevante Mengen freien Sauerstoffs in der Atmosphäre und auch in den Meeren. Dieses "Great Oxidation Event", das zeitlich mit dem Ende einer langen globalen Vereisung, der Huronischen Eiszeit, zusammenfiel, sorgte offenbar für die Grundlage eines Evolutionsschubs: Die Gabonionta konnten den Planeten erobern.

Im Jahr 2008 hatte El Albani mit einem Team aus Geologen seinen Fund im Franceville-Becken im zentralafrikanischen Gabun gemacht. Das schwarze Tongestein wurde vor mehr als zwei Milliarden Jahren in einem Flachmeer in etwa vierzig Meter Wassertiefe abgelagert. Die nach dem Land ihrer Entdeckung benannten Gabonionta müssen den Meeresboden in großen Kolonien bevölkert haben: Teilweise bis zu vierzig Individuen pro Quadratmeter wurden auf den Gesteinsplatten gefunden.

Die bis zu 17 Zentimeter großen Wesen lassen sich anhand des Äußeren in mindestens drei verschiedene Typen einteilen, in der Regel bestehen sie aus einem runden oder ovalen Zentrum, das von einem strahlenförmigen Saum umgeben ist. Eine Unterteilung in verschiedene Arten oder gar Gattungen und Familien ist noch ausständig, weitere Forschungsarbeiten und sicherlich auch Grabungskampagnen sind dafür nötig.

Weltpremiere im Museum

Dass das Naturhistorische Museum (NHM) in Wien als erste Institution weltweit die Gabonionta zeigen kann, ist gutem Networking und persönlichen Beziehungen zu verdanken, wie NHM-Direktor Christian Köberl erzählt: El Albani war zu einem Vortrag eingeladen worden, dabei entstand die Idee, die Funde einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Entdecker zögerte, zu empfindlich erschienen ihm die Fossilien für einen Transport. Doch nach der dritten Anfrage durch das Museum gab er schließlich nach und ermöglichte dem NHM eine Weltpremiere.

Mehrere Exemplare werden nun bis zum Sommer gezeigt, die Besucher können sich mithilfe einer multimedialen Präsentation über die fremde Welt der Gabonionta informieren. In Videos erwachen die Organismen zu neuem Leben in 3-D. Basierend auf Mikro-CT-Aufnahmen wird ein Einblick in das Innenleben der Wesen möglich. Extra für die Ausstellung wurde auch ein vierzigminütiger Film der Universität Poitiers in Zusammenarbeit mit Studierenden der Universität Innsbruck ins Deutsche übersetzt.

Dass es andernorts auf der Erde ebenfalls Vertreter dieser rätselhaften Lebewesen gegeben haben muss, ist für Mathias Harzhauser, den Leiter der geologisch-paläontologischen Abteilung des NHM, keine Frage. Das Auffinden geeigneter Fundorte sei zwar nicht völlig unmöglich, aber sehr schwierig. Zunächst müssten an einem potenziellen Fundort die entsprechenden Lebensbedingungen und auch die für die Überlieferung der filigranen Körper nötigen Einbettungsvoraussetzungen geherrscht haben. Doch so alte Sedimente sind selten: Im Regelfall finden sich nur, teilweise mehrfach umgewandelte, metamorphe Gesteine, in denen keine Fossilien erhalten sein können. Theoretisch könnte laut Harzhauser auch das Waldviertel voll mit Verwandten der Gabonionta gewesen sein, doch dort ist leider alles Gestein aus umgewandeltem Gneis.

Rasches Ende

Den Gabonionta war jedenfalls nur eine relativ kurze Herrschaft über die Erde beschieden: Bald nach ihrem Auftauchen sank der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre wieder drastisch ab. Es begann eine Phase, die aufgrund der geologischen Eintönigkeit als "Boring Billion", die langweilige Milliarde, bekannt ist. Am Schluss dieser Epoche stand wiederum ein massiver Anstieg von Sauerstoff am Ende einer globalen Eiszeit.

Dem Leben auf der Erde bot sich nun erneut die Möglichkeit für einen gewaltigen Sprung der Evolution: Auf die Lebewesen der Ediacara-Fauna folgte rasch die sogenannte kambrische Explosion, eine sprunghafte Zunahme der Artenvielfalt. Innerhalb weniger Millionen Jahre entwickelten sich damals die Grundlagen aller heute noch auf der Erde existierenden Tierstämme. (Michael Vosatka, DER STANDARD, 12.03.2014)


Die Ausstellung "Experiment Leben - Die Gabonionta" ist im Naturhistorischen Museum Wien von 12. 3. bis 30. 6. 2014 zu sehen.

Ansichtssache
Zeugen der ersten Experimente des Lebens

Link
Naturhistorisches Museum Wien

  • Die Microtomographie (links) ermöglicht die Rekonstruktion (rechts). Die Größe des Individuums beträgt 35 mm.
    foto: abderrazak el albani, universität poitiers

    Die Microtomographie (links) ermöglicht die Rekonstruktion (rechts). Die Größe des Individuums beträgt 35 mm.

  • Gabonionta-Entdecker Abderrazak El Albani mit Arbeitern im Franceville-Becken.
    foto: abderrazak el albani, universität poitiers

    Gabonionta-Entdecker Abderrazak El Albani mit Arbeitern im Franceville-Becken.

  • Der Fundort im Franceville-Becken in Gabun.
    graphik: nhm wien

    Der Fundort im Franceville-Becken in Gabun.

  • Mathias Harzhauser, Leiter der geologisch-paläontologsichen Abteilung des NHM mit einem der Exponate.
    foto: nhm wien/schumacher

    Mathias Harzhauser, Leiter der geologisch-paläontologsichen Abteilung des NHM mit einem der Exponate.

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