Selektion bestimmte auch in jüngerer Zeit menschliches Aussehen

16. März 2014, 12:15
6 Postings

Über 5.000 Jahre alte DNA aus Osteuropa belegt dunklere Pigmentierung von Haut, Haaren und Augen bei europäischen Vorfahren

Als die Vorfahren der heutigen Menschen vor über eineinhalb Millionen Jahren ihren Pelz verloren, wurde ihre ursprünglich helle Haut in relativ kurzer Zeit dunkel. Dies konnte eine kürzlich in den "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlichte Studie nachweisen (derStandard.at berichtete). Erst in den letzten Jahrtausenden änderte sich dies wieder: Internationale Forscher haben nun mithilfe uralter DNA gezeigt, dass auch seit dem Ende der Eiszeit starke Selektionskräfte auf das menschliche Genom gewirkt haben, die das Erscheinungsbild der Menschen nachhaltig beeinflussten.

Bisher versuchten Anthropologen, derartige Selektionssignale aus den Genomen heutiger Europäer abzuleiten. Der neue Ansatz der Anthropologen analysiert alte DNA aus archäologischen Skeletten. Die Überreste stammten von prähistorischen Populationen der sogenannten Jamnaja-Kultur in Osteuropa. Diese Kultur kennen Archäologen vor allem aufgrund zahlreicher, meist mit Ocker gefärbter Gräber, die in bzw. unter Grabhügeln angelegt wurden. Die Bestattungen der Jamnaja-Kultur liegen in der Steppenzone zwischen dem Fluss Ural und den östlichen Karpaten vor und sind zwischen 5100 und 4400 Jahre alt.

Die gewonnenen Erbinformationen verglichen die Wissenschafter mit denen heutiger Europäer. Lassen sich vorgefundene Veränderungen nicht durch die normale, generationenübergreifende Zufallsverteilung von Merkmalen erklären, gehen die Wissenschafter davon aus, dass positive Selektion gewirkt hat, dass sich also eine bestimmte Mutation in der Population ausgebreitet hat.

Haut, Haare und Augen wurden heller

Sandra Wilde von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) fielen in ihren Untersuchungen unter einer Reihe genetischer Markern immer wieder diejenigen auf, die mit der Pigmentierung von Haut, Haaren und Augen in Zusammenhang stehen. "Dabei waren die prähistorischen Individuen im Durchschnitt dunkler als ihre Nachfahren", so Wilde, Erstautorin der in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichten Studie. "Dies ist besonders bemerkenswert, da die menschliche Evolution über Jahrhunderttausende eigentlich einen dunklen Phänotyp geprägt hatte." Doch das änderte sich, als der Mensch vor etwa 50.000 Jahren begann, die nördliche Hemisphäre zu besiedeln.

Eigentlich hatten die Forscher gar nicht damit gerechnet, dass sich die Selektion in den letzten Jahrtausenden noch so stark auswirkte war." Tatsächlich aber zählten die beobachteten Selektionssignale zu den stärksten, die je in menschlichen Genomen festgestellt wurden.

Ursache der Selektion fraglich

Woran das liegt, können die Forscher nicht genau sagen. Naheliegend sei eine Anpassung an die verminderte Sonneneinstrahlung im Norden. Allerdings erklärt dies nicht die Notwendigkeit einer Veränderung der Haar- und Augenfarbe. Möglicherweise diente die hellere Haar- und Augenfarbe als Signal von Gruppenzugehörigkeit und hat sich daher direkt auf die selektive Partnerwahl ausgewirkt, vermuten die Wissenschafter. Diese sexuelle Selektion ist im Tierreich durchaus üblich und war vielleicht auch eine treibende Kraft der Evolution des Menschen in den letzten Jahrtausenden.

"Eigentlich wollten wir die Variabilität im Genom des Menschen durch räumliche und zeitliche Dynamiken von Bevölkerungen, etwa durch Migrationen, erklären. Positive Selektion im engeren Sinne halten wir für eine Ausnahme. Doch fallen immer wieder die Laktasepersistenz, also die Fähigkeit, Milchzucker im Erwachsenenalter verdauen zu können, und die Pigmentierungsgene mit ihren überraschend hohen Selektionsfaktoren auf", meint Joachim Burger, Seniorautor der Studie, hinzu. „Man darf diese wissenschaftlichen Befunde allerdings nicht so interpretieren, als sei alles, was selektiert ist, auch gut und ausschließlich vorteilhaft. Gerade die durch Partnerwahl hergebrachten Merkmale sind häufig kulturell geprägt und damit eher Geschmackssache denn Anpassung an die Umwelt." (red, derStandard.at, 16.03.2014)

  • Blick in einen Grabhügel nahe der Stadt Kirovograd in der Ukraine mit einem 5.000 Jahre alten Skelett der Jamnajakultur. DNA aus über diesen Knochenresten zeigte, dass offenbar positive Selektions-Mechanismen zu einer Aufhellung der Haut führte.
    foto: alla v. nikolova

    Blick in einen Grabhügel nahe der Stadt Kirovograd in der Ukraine mit einem 5.000 Jahre alten Skelett der Jamnajakultur. DNA aus über diesen Knochenresten zeigte, dass offenbar positive Selektions-Mechanismen zu einer Aufhellung der Haut führte.

Share if you care.