Die Begrüßung des neuen Jahres

Video13. März 2014, 12:18
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Mondhaus ist das erste Fest im neuen Jahr. Wie alle Feste beginnt es zeitig am Morgen und benötigt viele Vorbereitungen - mit Video

Seolnal (Das koreanische Neujahr), das Familienfest zum neuen Jahr, findet an einem Neumondtag statt. Zwei Wochen später, am ersten Vollmondtag des neuen Jahres, wird das neue Jahr dann mit einem Dorffest begrüßt (heuer Mitte Februar).

Die Tage vor dem Fest sind den aufwändigen Vorbereitungen gewidmet. Gemeinsam gehen die Dorfbewohner in den Wald und schneiden fleißig Nadelbäume und Bambus, die für das Daljib (Mondhaus) verwendet werden.

Wie immer in Südkorea, beginnen traditionelle Feste zeitig am Morgen, ein Umstand an den man sich erst einmal gewöhnen muss. Selbst die Geburtstagsfeier findet in der Früh statt – jetzt weiß ich endlich warum der Orient Morgenland heißt. Dann doch lieber Abendland! Im Gemeindehaus werden die traditionellen Kleider angezogen, die Samulnori-Gruppe inspiziert die Instrumente, ein Frühstücksschnaps mit Kimchi und los geht's!

Geistervertreibung – Jisinbalki

Beginnend mit dem Bürgermeisterhaus werden in allen Häusern die Geister vertrieben, mit sehr lauten Trommeln und Gongs tanzt die Musikgruppe um das Haus. Ein, zwei Leute gehen auch in das Haus hinein – kein böser Geist soll entkommen! Vor dem Haus steht,  in einer Schüssel mit Reis, eine Kerze die angezündet wird. Auf einem kleinen Tisch werden der Musikgruppe oft eine heiße Fisch- oder Fleischsuppe, Früchte und Alkohol serviert. Die Musik ist ohrenbetäubend, meine Tochter hält sich die Ohren zu und flüstert mir zu: "Jetzt hat es auch noch zu schneien begonnen!"

Yun Yeo-jeong (siehe Dorfwächter feiern ein Fest) führt als Einwohner des Dorfes Baekil-li wieder die Samulnorigruppe an und schmückt seine Ansprachen mit Witzen und lustigen Einlagen: "Hier, im Haus des ehrwürdigen, bärenstarken Riesen Kim Kyu-dong sind wir, die stark berauschten Kerle aus dem gefürchteten Baekil-Dorf zusammengekommen, um die Geister auch dieses Jahr wieder zu vertreiben."

"Unsere Väter, die ältere Generation, haben sich immer sehr penibel an die vorgeschriebenen Abläufe gehalten, der Konfuzianismus ist eine sehr trockene Sache. Heute genießen wir die Formfreiheit, das macht viel mehr Spaß," erzählt mir Namusi lachend.

Der Wind lässt die Schneeflocken tanzen und die Samulnorigruppe geht tapfer von Haus zu Haus, tanzt in den Vorhöfen, hebt ein paar Gläschen und stärkt sich mit heißen Fleischbrühen und Kimchi. Sangilsi trägt eine kleine Tasche umgehängt, in der die Geldspenden gesammelt und genauestens in einen Block eingetragen werden. Bis in den späten Nachmittag hinein hört man im Dorf den Trommelwirbel, dann, nach dem auch die letzten bösen Geister vertrieben wurden, geht die Samulnorigruppe zum Mondhaus, das auf einem Reisfeld vor ein paar Tagen aufgestellt wurde. Andere Dorfbewohner kochen in einem großen Topf Schweinefleisch, in einem anderen Topf köchelt eine Reiskuchensuppe (Ddeok-gug) vor sich hin. Die länglichen Reiskuchenschlangen, die den Lebenden langes Leben verheißen sollen, wurden zu Seolnal auch dem Geist der Ahnen serviert, ein traditionelles Neujahrsessen.

Das Mondhaus

Das pyramidenförmige Mondhaus wird im Inneren mit Strohballen angefüllt. Zwischen die Strohschnüre, die auf Brusthöhe um das Mondhaus gewickelt werden, stecken Jung und Alt kleine Papierbriefchen mit Neujahrswünschen hinein. Einige Frauen stecken ihre Unterwäsche in Plastiksackerl und lassen sie im Inneren des Mondhauses verschwinden, um mit ihnen persönliche Probleme zu bannen. Mit dem Rauch steigen diese gen Himmel und werden erhört, so hofft man. Andere Leute verbeugen sich vor dem Gabentisch, murmeln ihre Neujahrswünsche und stecken dem gekochten Schweinekopf Geldscheine ins Maul, während die schon etwas entkräftete Samulnorigruppe um das Mondhaus tanzt.

Als der Mond hinter den Bergen auftaucht, wird ein wenig Benzin in das Mondhaus gegossen, um das Feuer höher auflodern zu lassen. Der große Moment ist gekommen, die Kinder flitzen noch immer um das Mondhaus, einige Erwachsene rufen: "Zurück, zurück!" Der Bürgermeister und andere Personen mit offiziellen Positionen zünden das Mondhaus an, das sofort in Flammen aufgeht. Der verbrennende Bambus knackt und kracht, Kinder schreien durcheinander, die Musikgruppe spielt mit einem gewissen Respektabstand vor dem brennenden Mondhaus, einige flüchten vor dem Funkenregen, der Geruch verbrannter Haare liegt in der Luft und ich bemerke, dass meine Wolljacke am Ärmel etwas angesengt ist. Einige Kinder schwingen kleine Eisenkübel mit Löchern, die mit glühenden Kohlen gefüllt sind, durch die Luft. Am Kübelgriff ist eine ein Meter lange Schnur befestigt und die Kinder drehen diese wie wild. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.

Wandel der Zeit

Südkorea hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte unglaublich schnell entwickelt und verändert, auch das Mondhausfest ist davon nicht verschont geblieben. Kim Seok-bong, der auf der Südseite der Jiri-Berge aufgewachsen ist, erzählte mir bei einem Schälchen Makkoli über seine Kindheitserinnerungen. "Früh am Morgen gingen die Männer und Kinder des Dorfes den Berg hinauf, um Bambus zu schneiden. Das Mondhaus bestand nur aus einigen Bambusstangen, Holz war zu wertvoll. Leute schrieben keine Briefchen - Papier gab es kaum - sondern steckten die Kleider der diesjährig Verstorbenen hinein, um sie in den Himmel zu geleiten.

Um Neugeborene vor bösen Geistern zu schützen, wurden bei Buben Strohschnüre mit roten Chilischoten, bei Mädchen mit Tannennadeln vor dem Haus aufgehängt. Beim Mondfest wurden diese Schnüre dann mit dem Mondhaus zusammen verbrannt um die Gesundheit der Kinder sicher zu stellen.

Leute, die zu Hause einen Kranken pflegten oder familiäre Probleme hatten, waren diejenigen, die das Mondhaus anzündeten. Wenn das Mondhaus gegen Osten oder Süden hin umfiel, war das ein gutes Zeichen, in diesen Himmelsrichtungen steht ja die Sonne. Norden und Westen sind ungünstig. Wenn man nach Hause ging, nahm man einen brennenden Bambus mit, brannte er zu Hause immer noch, würde man bald einen Sohn bekommen, andernfalls eine Tochter. Vor dem Mondhausfest gingen Leute, die es sich leisten konnten, zu einem Wahrsager. Prophezeite einem dieser für die nahe Zukunft Unglück, errichteten diese Leute zusammen mit einem Schamanen ein kleines Mondhaus auf einem nahe gelegenen Berg um dieses Unglück abzuwenden."

Heutzutage wird meistens pro Großgemeinde nur ein Mondhaus errichtet und die Geistervertreibung wird in den Dörfern nicht mehr durchgeführt. Das hängt mitunter mit der alternden Gesellschaft zusammen, für die diese Vorbereitungen zu anstrengend sind. In Sannae-myeon leben sehr viele Leute der 'Zurück-aufs-Land-Bewegung', denen eine Wiederbelebung der traditionellen koreanischen Kultur sehr wichtig ist, deshalb gab es in fast allen Dörfern ein eigenes Mondhaus. In der Stadt finden an diesem Tag zumeist keine Feierlichkeiten statt und zu meiner Verwunderung habe ich viele Stadtbewohner - nicht nur junge Leute - getroffen, die noch nie ein Mondhaus gesehen haben. Einige wussten gar nicht was ein Mondhaus ist. Auch der Begriff Jisinbalgi war ihnen unbekannt oder sie hatten nur eine vage Vorstellung davon. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 13.3.2014)

Das Video wurde von meiner Tochter Lea (11) gedreht.

Hier gibt's den ersten Teil des Videos

Hier gibt's Fotos vom Mondfest

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