Agentur für wissenschaftliche Integrität arbeitet an eindeutigem Kodex

11. März 2014, 10:43
1 Posting

Unis sollen eindeutige Definitionen in ihre Regeln aufnehmen, doch manchmal läuft der OeAWI "gegen eine Wand"

Wien - Die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI) will "eindeutige Definitionen für Fehlverhalten erarbeiten, die auch gerichtsfest sind", erklärte der Vorsitzende des Prüfgremiums der OeAWI, Peter Weingart, anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Agentur. In einem zweiten Schritt sollen die Unis ersucht werden, diesen Kodex in ihre Regeln aufzunehmen.

Vor fünf Jahren wurde die OeAWI als Verein gegründet, dem mittlerweile alle Unis sowie die großen Forschungseinrichtungen und Förderagenturen angehören. Die aus internationalen Experten zusammengesetzte unabhängige Kommission der Agentur untersucht Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens in Österreich, bewertet die Schwere eines Verstoßes und unterbreitet Vorschläge für weitere Maßnahmen.

Gegen Wände laufen

Doch diese müssen von den Unis nicht unbedingt befolgt werden. "Es gibt schon Fälle, wo wir nervös werden, weil nichts passiert", so Weingart. Mehr als nachfragen kann die Kommission aber nicht, "irgendwann laufen wir dann auch gegen eine Wand".

"Das Problem, dass Sanktionen der Unis unter Umständen viel schwächer ausfallen als das Urteil der Kommission, kommt daher, dass viele Vergehen gar nicht justiziabel sind", sagte Weingart. Das führe zu der absurden Situation, dass ein Forscher, der Daten fälscht, nicht wegen dieses Delikts gekündigt werden kann, sondern nur wegen der Sekundärfolgen, etwa weil er das Ansehen der Uni beschädigt habe, ergänzte OeAWI-Vorsitzender Christoph Kratky.

Weingart verweist darauf, dass es eine Fülle von Katalogen und Kodizes gebe, die wissenschaftliches Fehlverhalten definieren. Diese seien alle ähnlich, beträfen die gleichen Sachverhalte, würden sich aber in der Formulierung unterscheiden. Wenn sich aber die Rechtsbasis der Kommission etwa von jener einer Uni unterscheide, "kann das zu einer unmöglichen Situation führen und ist ein Angriffspunkt für jeden Anwalt" in einem Prozess, begründet Kratky den Plan, in den nächsten Monaten einen einheitlichen, für die Kommission verbindlichen Kodex zu erstellen.

Mindeststandards für Regeln guter wissenschaftlicher Praxis

In einem zweiten Schritt sollen die Unis und Forschungseinrichtungen ersucht werden, diesen Kodex in ihre Regeln guter wissenschaftlicher Praxis als Mindeststandard aufzunehmen, sagte Kratky. Die Unis könnten den Kodex dann auch als Bestandteil eines Arbeitsvertrags aufnehmen und damit "eine justiziable Situation" bei Vergehen herstellen. An einigen Unis seien solche Regeln bereits Bestandteil von Arbeitsverträgen, auch der Wissenschaftsfonds FWF habe in die Förderverträge Regeln guter wissenschaftlicher Praxis aufgenommen.

Während das Fachjournal "Nature" nach dem Skandal um eine Harninkontinenzstudie an der Medizin-Uni Innsbruck 2008 noch "verrottete" Verhältnisse in Österreich geortet hat - ein Vorwurf, der laut Kratky "stark dazu beigetragen hat, dass die Unis der damals gerade in Aufbau befindlichen OeAWI beigetreten sind" - sieht Weingart die "Verhältnisse hier nicht anders als anderswo". Die Zahl der Anfragen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten an die OeAWI und der Fälle, die sich daraus entwickeln, zeige, "dass sich das jetzt stabilisiert hat und es keine exorbitante Steigerung gibt".

Seit Beginn ihrer Tätigkeit hat die Kommission mehr als 70 Anfragen bearbeitet, im Jahr 2013 wurden der Agentur 13 Verdachtsfälle gemeldet. Das ist auf dem Niveau von 2012 (14), aber deutlich weniger als im bisherigen Spitzenjahr 2011 (30). Aus den 13 Anfragen des Vorjahres hat die Kommission zwei neue Fälle eröffnet, bei drei der Anfragen ist die weitere Vorgehensweise noch offen.

Der Prozess eines 2012 von der Uni Salzburg wegen Datenfälschung entlassenen Biologen gegen seinen Arbeitgeber vor dem Arbeitsgericht hat nach Ansicht Kratkys gezeigt, dass die wissenschaftliche Selbstkontrolle "durchaus funktioniert": "Die Uni hat funktioniert, die OeAWI hat funktioniert, der Fall ist gelöst worden." Dass sich die Streitparteien außergerichtlich geeinigt haben, sei in einem Verfahren vor dem Arbeitsgericht der Normalfall.

Experimentelle Selbstregulierung

Die OeAWI ist für Kratky dennoch weiterhin "ein Experiment, in dem man schaut, ob das alles im Selbstregulierungsbereich geht", also ohne Kontrolle von außen, etwa in Form strafrechtlicher Konsequenzen. Ob das gelinge, sei aber nach wie vor offen. "Aber Wissenschaft wird immer größer und komplexer, involviert immer mehr Leute, wird immer mehr ein Geschäft und da kann es schon passieren, dass man irgendwann sagt, in komplexen Fällen geht es nicht mehr nur in der Selbstregulierung."

Ob die österreichischen Unis und Forschungseinrichtungen selbst genug gegen Verletzungen wissenschaftlicher Integrität vorgehen, sei "sehr unterschiedlich", meinte Weingart, "da gibt es welche, die sich sehr bemühen und sofort reagieren und andere, die nichts tun." Aber auch das sei etwa in Deutschland nicht anders.

Statt eigene Plagiats-, Präventions- und Sanktionierungsstellen an den Unis einzurichten, wie dies etwa Plagiatsexperte Stefan Weber gefordert hat, würde Weingart "eher in Richtung Prävention gehen". Den Studenten müsse ganz früh vermittelt werden, wie sauberes wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, dass plagiieren verwerflich ist, etc..

Kratky ortet in diesem Zusammenhang aber das Problem, "dass wir in der Haltung sozialisiert sind, dass Schummeln in der Schule ein Zeichen von intelligentem Umgang mit dem System ist". Dann sei es schwierig, plötzlich an einem Punkt umzuschalten und zu erkennen, dass alles, was man abschreibt, ein schweres Vergehen ist. In den USA sei man da viel konsequenter, da sei es bereits an der High School völlig verpönt, abzuschreiben und zu schummeln. (APA, 11.03.2014)

Share if you care.