Flug MH370 laut Interpol "wahrscheinlich" kein Terrorfall

11. März 2014, 19:12
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Internationale Polizeibehörde geht in Zusammenhang mit gefälschten Pässen von Schlepperei aus - Iraner wollten angeblich nach Deutschland und nach Schweden

Pattaya / Kuala Lumpur / Peking - Die beiden Passagiere mit missbräuchlich verwendeten Pässen an Bord des seit Samstag in Südostasien verschollenen Flugzeugs in Südostasien waren laut Interpol "wahrscheinlich" keine Terroristen. Ermittler identifizierten die beiden am Dienstag als Iraner, die lediglich mit gestohlenen Pässen nach Europa gelangen wollten.

Einer der beiden wollte zu seiner Mutter nach Deutschland, wie der malaysische Polizeichef Khalid Abu Bakar am Dienstag sagte, der andere nach Dänemark. Auch die internationale Polizeibehörde ging am Dienstag in Lyon davon aus, dass es sich um Schlepperei gehandelt habe. "Es ist Teil eines Menschenschmuggel-Falls und nicht Teil eines Terrorfalls", sagte Interpol-Generalsekretär Ronald K. Noble.

Damit scheint eine mögliche Spur zur Klärung des mysteriösen Verschwindens der Maschine im Sande zu verlaufen. Der US-Geheimdienst CIA will mögliche Terror-Hintergründe dennoch nicht ausschließen: Es gebe "mehrere mögliche Bekennerhinweise", die bisher jedochnicht untermauert oder bestätigt worden seien, sagte CIA-Chef John Brennanam Dienstag.

Die Boeing 777-200 ist seit Abbruch des Funkkontakts am Samstag in der Früh spurlos verschwunden. Das Flugzeug der Malaysia Airlines war in Kuala Lumpur gestartet und sollte nach Peking fliegen. An Bord waren 239 Menschen.

Kein Notruf

Der Krisenstab weitete indessen das Suchgebiet erheblich aus, auch auf die Meeresenge von Malakka vor der Westküste Malaysias. Die Maschine habe ihren Kurs geändert und die Flughöhe verringert, nachdem sie die Stadt Kota Bharu an der Ostküste überflogen habe, sagte ein Vertreter des Militärs der Nachrichtenagentur Reuters. Die malaysische Zeitung "Berita Harian" zitierte Luftwaffenchef Rodzali Daud mit den Worten, die Maschine sei am Samstag um 2.40 Uhr nahe der Insel Pulau Perak am nördlichen Ende der Straße von Malakka in 9.000 Metern Höhe auf dem Militärradar aufgetaucht. Das wäre gut eine Stunde, nachdem das Flugzeug vom Radar der zivilen Flugsicherung verschwunden war.

Die viel befahrene Schifffahrtsstraße von Malakka liegt entgegengesetzt zur Flugroute nach Peking. Bis zur Straße von Malakka hätte die Maschine Hunderte Kilometer unentdeckt durch einen Luftraum mit hohem Verkehrsaufkommen fliegen müssen. Die Piloten hatten weder einen Notruf abgesetzt noch hatten die Bordcomputer der Bodenkontrolle technische Probleme signalisiert.

Das Suchgebiet wurde vergrößert, weil in vier Tagen intensiver Suche mit Dutzenden Flugzeugen und Schiffen keine Spur des Flugzeugs gefunden wurde. Das Meer zwischen Malaysia und Vietnam ist nach Angaben von Meereswissenschaftlern nur rund 60 Meter tief - das ist weniger als die Spannweite der Boeing. Auch über Land in Nordmalaysia und Südvietnam wurde gesucht.

Pass eines Salzburgers

Nach Angaben von Polizeichef Khalid verfolgen die Ermittler vier mögliche Erklärungsstränge: eine Entführung, Sabotage, psychologische Probleme bei Passagieren oder der Besatzung als Grundlage einer Selbstmordaktion oder aber persönliche Probleme. In diesem Zusammenhang werde untersucht, ob jemand eine hohe Versicherung abschloss oder hohe Schulden hatte.

Diese Ermittlungen standen in den vergangenen Tagen im Schatten der Überprüfung der beiden Iraner. Sie waren mit in Thailand gestohlenen Pässen eines 61-jährigen Salzburgers und eines Italieners an Bord gegangen. Die Tickets der beiden hatte ein Mittelsmann namens Ali in Pattaya in Thailand gekauft, wie die Polizei mitteilte. Er hatte die Männer zunächst auf andere Flüge gebucht, entschied sich dann jedoch zwei Tage vor dem Abflug für die spätere Unglücksmaschine, weil die Tickets billiger waren. Einer der beiden Männer war von Kuala Lumpur über Peking und Amsterdam nach Frankfurt/Main gebucht, der andere nach Kopenhagen. 

Frankreich nimmt Vorermittlungen auf

Weil sich in der Maschine auch vier Staatsbürger Frankreichs befanden, hat die französische Justiz Vorermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Das verlautete am Dienstag aus Justizkreisen in Paris. Es handelt sich um drei Schüler des französischen Gymnasiums in Peking und um die Mutter von zwei der Kinder. Die Einleitung von Ermittlungen erfolgt in solchen Fällen in Frankreich praktisch automatisch. (APA/red, derStandard.at, 11.3.2014)


Hintergrund: Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Warum finden die Retter trotz moderner Technologie - sogar Satelliten werden eingesetzt - nicht rasch Spuren? Ein Grund sei Müll, erklärte Greg Waldron von Flightglobal, einer Branchenwebseite der Luftfahrtindustrie. In dieser Meeresregion trieben große Mengen Abfall wie etwa Plastik oder Styroporbälle von Fischernetzen.

Der Müll löse bei der Radarsuche nach Trümmern falschen Alarm aus, erläuterte Waldron: "Radar filtert diese Dinge normalerweise heraus, aber wenn man die Filtersoftware abschaltet, sieht man plötzlich eine Million möglicher Kontakte, und man kann unmöglich alles überprüfen."

Flugzeuge nutzen bei der Suche auch Infrarot-Sensoren, die auf Wärme reagieren. Allerdings haben im Wasser treibende Trümmer die gleiche Temperatur wie ihre Umgebung. "Das bedeutet, dass Suchflugzeuge mehr oder weniger auf das freie Auge beschränkt sind - Männer und Frauen, die mit Ferngläsern aus dem Fenster schauen", so Waldron. "Man muss immer bedenken, es ist zwar ein sehr großes Flugzeug, aber im Vergleich zum Meer ist es sehr klein. Es ist wie eine Nadel im Heuhaufen."

  • Noch immer wurden keine Wrackteile des verschwundenen Flugzeugs gefunden.
    foto: reuters/athit perawongmetha

    Noch immer wurden keine Wrackteile des verschwundenen Flugzeugs gefunden.

  • Chinesische Marinesoldaten überprüfen vor einem Sucheinsatz ihr Equipment.
    foto: ap photo

    Chinesische Marinesoldaten überprüfen vor einem Sucheinsatz ihr Equipment.

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