Ein Schiff aus Murmansk liefert Stoff

10. März 2014, 17:47
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Zeitgenössische Kunst, die sich mit dem "Lenin: Eisbrecher" auseinandersetzt

Linz - Es gibt ein Altersheim für Atomeisbrecher. Das russische Staatsunternehmen Atomflot, das die aktiven Atomeisbrecher betreibt, kümmert sich in einem Hafen in Murmansk auch um jene, die außer Dienst gestellt wurden. Der erste dort war die "Lenin". Nach mehr als 30 Jahren beendete dieser erste Atomeisbrecher der Welt seine Tätigkeit. 1957 lief er vom Stapel, seit 1989 liegt er in Murmansk vor Anker. Ohne Brennstäbe und zum Museum ausgebaut, allerdings mit jederzeit einsatzfähiger Besatzung samt Kapitän.

Der hat in dieser Funktion auch Njet gesagt, als anlässlich der Kooperation zwischen Lentos und dem österreichischen Kulturforum Moskau Helmut und Johanna Kandl in den abhörsicheren, holzvertäfelten Räumen der Lenin eine fiktive "Spione-Konferenz" stattfinden lassen wollten. Im Lentos, wo nun eine Schau zeitgenössische Positionen zum Lenin: Eisbrecher versammelt ist, reagiert das Künstlerpaar statt auf Spionage also auf russische Zensur.

Stella Rollig kuratierte die österreichischen Arbeiten auf Einladung von Simon Mraz, dem Direktor des österreichischen Kulturforums Moskau. Eine Einladung, die sie ohne zu Zögern angenommen hatte. Schließlich gehe sowohl vom Wort "Atomeisbrecher" als auch von "Murmansk" eigentümliche Faszination aus. Österreichische und russische Kunstschaffende reflektieren nun über dieses ambivalente, wenngleich einzigartige Wunderwerk, das - atomar betrieben und mitten im Kalten Krieg vom Stapel gelassen - gleichermaßen Bedrohung wie Identitätsstärkung war.

Das Duo G.R.A.M. schuf eine ihrer Reinszenierungen bekannter Fotografien und zeigt Lenins einbalsamierten Leichnam. Sonia Leimers Installation Neues Land setzt mittels historischer Artefakte bei der Selbsthistorisierung des Eisbrechers an. Maria Koshenkova zersägt eine Lenin-Büste - eine Hälfte bleibt aus Bronze, eine gläserne Hälfte ergießt sich daneben auf den Vitrinenboden. Alexander Lysov baut aus 122 Infrarotlampen ein kugelförmiges, sich einer Deutung entziehendes Objekt. Außerdem sind Arbeiten u. a. von Judith Fegerl, Isa Rosenberger oder Alexander Povsner zu sehen. Letzter zeigt zwei Bronzegüsse - ein abstrahiertes Schiff und einen Anker - beide liegen wie absurd überdimensionierte Schlüsselanhänger da. Ihrer Funktion beraubte Objekte, die sich in einem veränderten Kontext erst zurechtfinden müssen. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 11.3.2014)

Bis 25. 5.

  • Leonid Tishkovs "Taucher", Ausstellungsansicht.
    foto: mascheks.

    Leonid Tishkovs "Taucher", Ausstellungsansicht.

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