Salzburger "Wissenschaftsdiscounter" in Bayern

11. März 2014, 05:30
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Massiver Widerstand gegen Studienfiliale der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Nürnberg: "Medizinstudium light"

Nürnberg/Wien - Empört euch! Wie im Chor rufen das derzeit die deutsche Hochschulrektorenkonferenz, die Sprecher der Universitätsmedizin und die Bundesärztekammer der deutschen Öffentlichkeit zu. Der Empörungsgrund liegt in Österreich, denn die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Salzburg will im Sommer in Nürnberg eine Filiale eröffnen und dort einen Medizinstudiengang nach österreichischem Recht anbieten: Ohne strengen Numerus clausus, der in Deutschland für ein Medizinstudium gilt, für insgesamt 67.500 Euro Studiengebühr und nach einem Aufnahmeverfahren (Bewerbung, Test über Physik, Chemie, Biologie auf Maturaniveau und Englisch plus Interview) gibt es 50 Plätze und nach fünf Jahren den Berufstitel "Dr. med. univ.".

"Medizinstudium light" an der "Red-Bull-Uni"

Die "Red-Bull-Uni", wie der "Spiegel" die PMU wegen ihres Gönners Dietrich Mateschitz, der 2012 für deren Forschungszentrum für Querschnittslähmung 70 Millionen Euro gespendet hat, nannte, stößt in der deutschen Medizin-Community auf massiven Widerstand. Heyo K. Kroemer, der Präsident des Medizinischen Fakultätentags (MFT), des Zusammenschlusses der medizinischen Ausbildungs- und Forschungsstätten Deutschlands, etwa spricht von einem ausländischen "Medizinstudium light". MFT-Generalsekretär Volker Hildebrandt warnt, ein "wissenschaftlicher Discounter erschließt deutsches Hochschulterrain!" Das "gesamte Studium" werde "quasi auf Fachhochschulebene" abgewickelt. Denn statt an einer Universität lernen die Doctores in spe naturwissenschaftliches Grundlagenwissen von Dozenten der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg, und das städtische Ausbildungskrankenhaus ist keine Uni-Klinik.

Dekan Jürgen Schüttler von der Medizinfakultät der Uni Erlangen-Nürnberg findet es unerträglich, "dass auf deutschem Boden eine Ausbildung stattfindet, die sich außerhalb der Kontrolle der deutschen Behörden bewegt".

Uni als Geschäftsmodell: "Etwas verdienen"

Das ist Europa - lautet der Tenor eines vom MFT selbst bestellten Gutachtens, das klarstellt, dass Deutschland die Salzburger Initiative nach EU-Recht hinnehmen muss. Auch der Österreichische Wissenschaftsrat argumentiert ähnlich: "Der Vorgang PMU Nürnberg muss vor dem Hintergrund eines institutionellen Internationalisierungsprozesses, speziell eines Europäisierungsprozesses, in der Wissenschaft gesehen werden, der politisch gewollt ist, aber aus nationaler Wissenschaftsperspektive zwangsläufig zu Verwerfungen führt", hieß es auf STANDARD-Anfrage: "Das gilt nicht nur für den medizinischen Bereich, der besonders aktiv ist, weil hier neue Geschäftsmodelle erprobt werden können und es etwas zu verdienen gibt."

Die Wissenschaftspolitik müsse nachdenken, ob sie diesen Prozess "mehr oder weniger laufen lässt oder aber versucht gestaltend einzugreifen". Wichtig sei, "jene Qualitätsstandards durchzusetzen, die generell für das Hochschulsystem gelten". Der Wissenschaftsrat werde das kritisch beobachten.

Bayern betont Österreichs Verantwortung

Das bayerische Wissenschaftsministerium betont jedenfalls, dass die Verantwortung und Aufsicht über den Nürnberger Studiengang der Paracelsus Privat-Uni ausschließlich dem österreichischen Anbieter obliegt - und damit auch dem Wissenschaftsministerium in Wien.

Dieses hat die Entscheidung des Boards der Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria am 6. Februar "positiv bestätigt", erfuhr der STANDARD. Zur extraterritorialen Medizinerausbildung unter österreichischer Flagge heißt es dort, die PMU-Filiale genüge den "Anforderungen einer universitären wissenschaftlichen Ausbildung". Diese seien für Studiengänge im Inland, aber auch für Angebote im Ausland gleich. "Im aktuellen Fall waren auch renommierte Gutachter aus Deutschland eingebunden."

Mitterlehner verteidigt europäischen Bildungsmarkt

Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) sagt dazu: "Österreich ist Teil eines gemeinsamen und offenen europäischen Marktes, und der gilt auch für private Bildungsinstitutionen." (Hermann Horstkotte, Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 11.3.2014)

  • Paracelsus als Statue im Salzburger Kurgarten
    foto: neuhold

    Paracelsus als Statue im Salzburger Kurgarten

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