Gelassenheit vor dem Großwerk

10. März 2014, 17:26
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Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden im Musikverein

Wien - Er ist so gelassen geworden. Sekunden vor dem Beginn des Konzerts lehnt er sich lässig an das Geländer des Dirigentenpodiums wie ein Patron in Geberlaune, Standbein (rechts hinten) und Spielbein (links vorne) sind in Position wie für ein kurzes Tänzchen. Folgt eine lockere Probe eines klassischen Menuett-Satzes? Nein, Bruckners Fünfte.

Das Großwerk beginnt mit nur zu erahnenden Pizzicati der tiefen Streicher. Dann schichten ihre schlankeren Instrumentengruppenverwandten mit äußerster Sachtheit vier ganze Noten zu einem wunderschön samtig-fahlen Akkord übereinander. Das erste, gen Himmel fahrende, mächtige Unisono des Orchesters ist dann gar nicht so extrem wuchtig. Wohldosiertes Fortissimo halt, so wie es Bruckner vorschrieb.

In diesen Tönen geht es weiter: Christian Thielemanns Interpretation von Bruckners fünfter Symphonie ist ein Hochfest der Subtilität, der Dezenz und der Differenzierung. Maß zu halten ist die erste Kapellmeisterpflicht, allen Bombast gilt es zu meiden. Die Partitur kann man schnell zuklappen, weil eh alles so ist, wie der Komponist es wollte, jedes Akzentchen, jedes "Subito piano".

Und doch: Die endlosen Pizzicato-Strecken Bruckners werden spannungsmäßig oft zum lau temperierten Tröpferlbad. Ja, Thielemann schnitzt mit Feingefühl an den Details; ja, die Sächsische Staatskapelle musiziert engagiert und fein. Und man bewundert als Zuhörer jederzeit die hohe Kunstfertigkeit des Orchesters wie des Orchesterleiters. Aber gefesselt, gebannt ist man nur selten.

Ab dem dritten Satz kommt mehr Leben in die Bude: elegant-energisch das walzerhafte F-Dur-Thema, gut dosierte kraftgeladene Steigerungen im vierten Satz. Durch das überkonstruierte Finale mit seinem banalen Fugenthema schifft Thielemann die Staatskapelle mit der Übersicht eines erfahrenen Kapitäns und legt auch noch Kohlen nach für den letzten Schub. Zum Ende des zweiten Gastspielabends kehliger, grenzgrölender Männerjubel, wie immer bei Thielemann. Er nimmt ihn rotwangig, freudvoll entgegen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 11.3.2014)

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