Bayern, Arsenal und der Charakter

10. März 2014, 19:07
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Münchner Macht und ein 0:2 aus dem Hinspiel lassen einen Viertelfinal-Einzug der Engländer als Ding der Unmöglichkeit erscheinen. Aber auch diese Partie muss erst gespielt werden

Wien/München - Am Wochenende feierten deutsche Medien den Umstand, dass der FC Bayern München in Wolfsburg erst nach Ablauf einer Stunde zum Auseinandernehmen des gastgebenden VfL ansetzte. Könnte das trotz eines Endstands von 1:6 etwa ein Zeichen gewesen sein? Dafür, dass die Allesgewinner doch noch irgendwie greifbar sein könnten?

Diese hier zum Ausdruck kommende leichte Verzweiflung, die sich in der Hinwendung zum Wunschdenken Ausdruck zu verschaffen sucht, ist nachvollziehbar. 16 Siege in der Bundesliga in Folge (22 bei zwei Unentschieden insgesamt), 20 Punkte Vorsprung auf das zweitplatzierte Dortmund, eine Tordifferenz von plus 61. Bei einer derart in Zahlen gegossenen Unnahbarkeit ist die Flucht aus der Wirklichkeit vielleicht wirklich der brauchbarste Ansatz.

Harte Realitäten

Es ist nun zwar nicht ganz einfach, zu beurteilen, wie es um die charakterliche Verfasstheit des FC Arsenal bestellt ist. Dass diese Kategorie eine nicht ganz zu vernachlässigende ist, steht allerdings außer Zweifel. Der Charakter nämlich gilt gemäß der Schule der Positive Psychology als jener Faktor, der den größten Einfluss auf das Führen eines guten Lebens hat. Das Erleiden von Debakeln wiederum, fällt im Spezialfall des Menschen als Fußballspieler definitiv nicht unter ein solches.

Die Mannschaft des Trainers Arsène Wenger, die am Dienstag in München zum Achtelfinal-Rückspiel der Champions League antritt (20:45 Uhr), muss also Größe beweisen. Umso mehr, als man auf einen Gegner trifft, der in seinen letzten acht Spielen nicht weniger als 34 Goals dahergefiedelt hat. Das ergibt einen Schnitt von 4,25 pro Partie. Raum für Zuversicht ist da knappes Gut. Womöglich ist es die 0:2-Niederlage aus dem ersten Durchgang, das als Einziges für die Engländer spricht: die Bayern müssten eigentlich nicht mehr so.

Peps Idee

Die Neigung zum Spannungsabfall ist aber wiederum gerade keine Charaktereigenschaft des Ensembles von Josep Guardiola ("Wir müssen das Hinspiel vergessen"), das im Gegenteil eine ungeheure Freude am Spiel ausstrahlt. Der katalonische Tüftler hat es tatsächlich geschafft, den Triple-Gewinner der verwichenen Spielzeit auf ein noch einmal höheres Level zu hieven. Eine gewisse Barcelonisierung ist dabei nicht zu verkennen, doch die Bayern 2014 sind kein Abziehbild des blau-roten Branchen-Maßstabs. "Training und Spielstil erinnern an Barca", sagte etwa Thiago Alcantara im "kicker"-Interview. "Weil Pep seine Idee vom Fußball hat." Doch das Arsenal an Optionen in München sei ein anderes: Weder gegen den langen Ball, noch gegen den Konter gibt es ideologische Vorbehalte.

Die Einwechslung von Guardiolas 22-jährigem Lieblingsschüler in der zweiten Halbzeit, war in Wolfsburg ein ebenso wichtiger Faktor für den Umschwung zugunsten der Bayern, wie jener des zweifachen Torschützen Mario Mandzukic. Der Feldversuch mit Arjen Robben als dem Zentrum hinter Frontläufer Thomas Müller hingegen, wurde in Ermangelung erwünschter Resultate recht zügig wieder schubladisiert, der Niederländer auf seinen angestammten Platz am rechten Flügel rückverpflanzt.

Londoner Pokal-Hoffnung

Immerhin: Arsenal kann ebenfalls auf eine gelungene Generalprobe verweisen. Im Viertelfinale des ehrwürdigen FA-Cups gab es ein letztlich klares 4:1 (1:1) gegen Everton. Die Aussichten auf den ersten Titel für die Londoner seit 2005 sind damit durchaus rosig, auch, weil die verbliebene Konkurrenz, bestehend aus Halbfinal-Gegner Wigan, Hull sowie Sheffield United alles andere als unüberwindlich erscheint.

Als nicht zu unterschätzender Bonus kann der erste Torerfolg von Mesut Özil seit Anfang Dezember gelten, der sein Team gegen die Liverpooler früh in Führung brachte. Der deutsche Nationalspieler gilt seit seines hochpreisigen Zuzugs aus Madrid immer wieder einmal als Sorgenkind. Als zu wenig konstant erweisen sich die Leistungen des hochbegabten Offensiv-Kreativen, zu häufig brachen sich die ihm eigenen phlegmatischen Anwandlungen Bahn. Gerade auch im Hinspiel gegen die Bayern war das nach einem in etwas zu unwürdiger Manier verschossenen Elfmeter der Fall.

Die Özil-Frage

Das Erfolgserlebnis kommt für den 25-Jährigen auch deshalb zur rechten Zeit, da in Deutschland im Gefolge der ernüchternden Vorstellung der DFB-Elf gegen Chile, eine Özil-Debatte gerade eine gewisse Konjunktur erfährt. Ist er von jenem Schrot und Korn, um der Nationalmannschaft im WM-Sommer zur heiß ersehnten Erfüllung zu verhelfen? Wenger, der Weise von Holloway, versucht in dieser Situation Druck von seinem sensiblen Könner hinwegzuheben. Özil solle sich nicht selbst überfordern, niemand erwarte von ihm, Spiele im Alleingang zu gewinnen. Zeit, um sich an die fordernden Standards im Stahlbad namens Premier League zu gewöhnen, werde gewährt: "Ich mache mir keine Sorgen um Özil".

Wengers Versprechen

Worüber sich der 64-Jährige, dem am Dienstag Jack Wilshere, Aaron Ramsey und der gesperrte Torhüter Wojciech Szczesny nicht zur Verfügung stehen, allerdings durchaus sorgen könnte, sind die in jüngster Vergangenheit zu oft zu wenig zufriedenstellenden Auftritte Arsenals in der Meisterschaft. Dort ist der ehemalige Tabellenführer mittlerweile mit sieben Punkten Rückstand gegenüber dem neuen Primus aus Chelsea deutlich ins Hintertreffen geraten. Gerade auswärts läuft es nicht so recht. Zwei Niederlagen und ein Remis setzte es in den jüngsten drei Versuchen auf fremdem Platz.

Auch deshalb scheint in der Allianz Arena ein ehrenvoller Abschied als höchstes der Gefühle. Ein Aufstieg der Bayern ins Viertelfinale gilt als ausgemacht, eindrücklichen Ausdruck erfährt diese Einschätzung in der Minimalquote von 10,1:10, die ein bekannter Wettanbieter für ein Weiterkommen des Titelverteidigers anbietet. Wenger aber, dessen Team im vergangenen Jahr mit einem 2:0 in München beinahe noch ein 1:3 wettgemacht hätte, verspricht trotzdem kämpferische Gunners.

Bedrohtes Milan

Im zweiten Spiel des Abends empfängt Atletico Madrid den AC Milan mit knappem Vorsprung, aber als Favorit. Die Mailänder kassierten in der Serie A zuletzt erstmals in dieser Saison zwei Niederlagen hintereinander, horrende 37 Punkte hinter Juventus rangiert man nur auf Rang zehn. Auch im Cup vorzeitig gescheitert, droht Milan damit nicht nur eine titellose Saison, selbst das Verpassen der internationalen Startplätze ist alles andere als ausgeschlossen. (Michael Robausch - derStandard.at, 10.3. 2014)

PROGRAMM, Champions-League-Achtelfinale am Dienstag:

Bayern München - FC Arsenal (Hinspiel 2:0)

München: Neuer - Rafinha, Boateng, Dante, Alaba - Lahm - Robben, Thiago, Kroos, Ribéry - Müller (Mandzukic). - Trainer: Guardiola

Arsenal: Fabianski - Sagna, Mertesacker, Koscielny, Gibbs - Arteta, Flamini - Santi Carzola, Özil, Oxlade-Chamberlain (Podolski) - Giroud. - Teammanager: Wenger

Atletico Madrid - AC Mailand (Hinspiel: 1:0)

  • Josep Guardiola zum Spiel gegen Arsenal: "Wir müssen mit dem Ball dominieren."

  • Im Emirates Stadium konnte Mesut Özil beim Stand von 0:0 Bayerns Manuel Neuer nicht überwinden und offenbart dabei eine gewisse Unentschlossenheit.

  • Arsène Wengers Arsenal braucht in München Tore. Mutmaßlich mindestens drei davon.
    foto: reuters/melville

    Arsène Wengers Arsenal braucht in München Tore. Mutmaßlich mindestens drei davon.

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