Nächtliches Guinea ohne Strom: Lautes Licht

10. März 2014, 12:03
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Der österreichische Filmemacher Michael Glawogger hat für das Projekt "Film ohne Namen" in Koundara, Guinea Conakry, Station gemacht

Was bleibt, ist das Internet, dachte er, als es im Hotelzimmer finster wurde. Stimmt nicht. Was bleibt, ist der Computer. Und der nur für eine Weile. Er stellte den Laptop, dessen Schirm inzwischen die einzige Lichtquelle im Zimmer war, zur Seite, trat auf den Balkon und schaute über die fast finstere Stadt. Überall in der Umgebung fuhren die Generatoren hoch, während die Autos und Motorräder durch die stockdunklen Straßen fuhren. Die Lichter der Scheinwerfer fingen sich im aufgewirbelten Staub. Menschen knipsten ihre Taschenlampen an, die sie offensichtlich für genau diesen Zweck mit sich führten wie die Engländer einen Regenschirm. Das Hotel begann leicht zu vibrieren, als der Generator hochfuhr. Wenig später ging das Licht wieder an. Und das Internet war auch zurück.

Mannigfache Lichtquellen

In der nächsten Nacht ging der Strom erst gar nicht an in dieser Stadt. Zuerst war es nicht zu bemerken, da der Übergang fließend war und die Lichtquellen doch mannigfach. An zwei Kreuzungen gab es Solarstraßenlampen und auch sonst waren die Menschen ausgerüstet für die Nacht, die hereinbrach. Jedes zweite Geschäft war mit blau schimmernden Batterielampen beleuchtet und aus den Hinterhöfen waren Generatoren verschiedener Größe und Lautstärke zu hören. Die Motorräder bestimmten das Licht der Straße, außer sie wurden von einem uralten Lastwagen der Marke Renault überstrahlt. Doch wenn sich der Verkehr beruhigte, dann blieben die Taschenlampen, die sich manche Marktfrauen beim Kochen, wie früher Telefonhörer, zwischen Kopf und Schulter geklemmt hatten und vor allem die Handys mit eingebauten Taschenlampen oder einfach nur das Licht der Displays. Sie leuchteten wie kleine Inseln im Meer der kleinstädtischen Finsternis. Die neue Welt der Finsternis war blau. Die alte war orange gewesen, als noch kleine Feuerstellen einen Markt in der Nacht beleuchtet hatten oder später ein sattes Gelb, als noch Glühbirnen ihr warmes Licht spendeten. Vor einer Bar, die Niagara hieß, hing eine solche Glühbirne, die langsam vor sich hin flackerte. Er fragte sich, ob es sich wohl um eine altmodische Bar handelte. Sicher, dachte er, solche Zeichen stimmen fast immer. Los Angeles ist ja auch blau geworden. Die Welt spart am Strom und wird blau in der Nacht. Die blaue Stunde geht nicht mehr in eine gelbe Nacht über in den Metropolen der ersten Welt.

Am dritten Tag hatte er seine eigene Taschenlampe für den Nachhauseweg angeschafft. Das Internet war Vergangenheit, da in seinem Hotel der Generator kaputtgegangen war. Das Einzige was dort noch funktionierte, war eine Kühltruhe, die bis obenhin mit halbgefrorenem Bier, Fanta und Vimto gefüllt war. Er wunderte sich, warum sie funktionierte, fragte aber niemanden und genoss das Geheimnis eines kalten Getränks bei Kerzenlicht. Es gab viele Schichten des Lichts bzw. des Stroms, bevor alles dunkel wurde. Was müsste geschehen, um eine Großstadt wirklich finster werden zu lassen? Zuerst müsste den Generatoren das Benzin ausgehen, dann müsste der Nachschub an Batterien zusammenbrechen. Zurzeit war es, hier in Koundara, ein lukratives Geschäft mit Hilfe eines kleinen Generators eine Ladestation für alle Handybatterien einzurichten. Diese Läden leuchteten am hellsten und die Ladegeräte blinkten in bunten Farben wie eine Minidisco vor sich hin. Aber ohne Benzin wäre auch das zu Ende und irgendwann würde die letzte Taschenlampe schwach werden und den Geist aufgeben. Dann würden die Feuer brennen. Aber das wird nie sein. Es wird anders sein. In Filmen, die in der Zukunft spielen, ist es so. Vielleicht, damit es dann in der Wirklichkeit ganz anders wird.

Nächte ohne Strom

Je öfter er diese Nächte ohne Strom erlebte, desto heller schienen sie ihm. Es fällt nämlich nicht besonders auf, wenn wenig Licht weggelassen wird. Denn in den wenigen Stunden, in denen er die Stadt hier bei Nacht und mit Strom erlebte, brannten nur ein paar Lichter in den Fenstern mehr und die eine oder andere Straßenlampe flackerte müde vor sich hin. Das vielleicht Offensichtlichste war, dass es leiser war, da die Generatoren nicht liefen. Aber das Licht, das sie erzeugt hatten, brannte jetzt auch aber eben leiser. Wenn alles funktioniert, ist die Welt leiser. Er hatte etwas, das perfekt funktioniert, nie wirklich gemocht. Die Menschen um ihn fanden ein Hotelzimmer immer dann gut, wenn es besonders leise war. Er konnte gar nicht gut schlafen, wenn er keinen Verkehr oder keine Stimmen von Menschen oder Tieren hörte. Das war, als ob eine Bestätigung fehlte, dass er am Leben war. Je lauter es draußen war, desto besser schlief er. So hatte er sich auch hier an das Brummen der Generatoren gewöhnt und vermisste sie, wenn es einmal wieder Strom gab in der Nacht. Wobei er kein Muster erkennen konnte, wann es Strom gab und wann nicht.

Die Logistik in der Stromverteilung trieb hier in Afrika seltsame Blüten. In Äthiopien hatte er erlebt, dass die Bewohner von Harare Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag in der historischen Innenstadt Strom bekamen, Dienstag, Donnerstag und Samstag in den Außenbezirken. In Gambia konnte man angeblich mit der Stadtverwaltung darüber diskutieren, wann es Strom gab und wann nicht. Brauchte eine besser situierte Familie Strom für die Hochzeit ihrer Tochter an einem gegebenen Samstag, dann wurde ihr das gewährt. Dafür blieb es am Sonntag darauf finster. Hier hatte man eher den Eindruck, dass der Strom nur dann blieb, wenn jemand vergessen hatte ihn abzuschalten. Es war sogar so, dass die Menschen ganz ungläubig wurden, wenn es tatsächlich geschah. Manche bemerkten es gar nicht und ließen trotzdem ihre Generatoren laufen. Sicher ist sicher.

Beim letzten großen Stromausfall in New York gab es darüber weltweit Berichte im Fernsehen. Er sah verwirrte, amerikanische Großstädter durch die finstere Stadt ziehen. Von Plünderungen wurde berichtet und Politiker wurden aufgeregt befragt, wie so etwas geschehen konnte. Die Erklärungen waren mannigfach und nur wenige hörten zu und noch weniger schenkten ihnen Glauben. Er sah einen dieser Berichte in einem Straßenlokal in einem Außenbezirk von Lagos und glaubte einer Komödie beizuwohnen. Die Männer, die bis dahin friedlich ihr Bier getrunken hatten, sprangen auf und applaudierten in theatralischer Ironie den New Yorkern. Sie konnten es nicht fassen, dass es darüber einen Bericht im Fernsehen gab. Sie spannen Theorien, dass es dann hier gar nichts mehr anderes im Fernsehen gäbe, als Berichte über die Stromausfälle in ihrer Stadt. Sie schlugen ein, bestellten mehr Bier und wollten den Bericht wieder und wieder anschauen. Was hier zum Alltag gehörte, taugte anderswo zur Nachricht, die um die Welt ging, wenn nicht zur Legende. Der erste große Stromausfall in New York regte die Fantasie vieler Menschen an. Später wurde erhoben, um wieviel sich die Geburtenrate nach einer solchen Nacht erhöht hatte. Über einen der New Yorker Stromausfälle wurde mindestens ein Kinofilm gedreht. Er erinnerte sich an plündernde Horden, die durch die Straßen von New York zogen, in denen die Feuer brannten und es ansonsten stockfinster war. Es hatte ja damals noch keine Handys gegeben.

Wenige Tage später suchte er die höchste Stelle, von der er in der Hauptstadt Conakry beobachten konnte, wie der Strom ausfiel. Kurz bevor er dort ankam, versuchte er sich vorzustellen, wie es wohl aussehen würde. Es würde wohl eher ein langsames Flackern sein, eine Art Welle des Lichts, das leise Licht würde gehen und das laute Licht würde kommen. Das leise Licht würde ein wenig heller leuchten als das laute und das leise Licht würde wärmer sein und das laute blauer.

Als er es dann sah, stimmte es schon. Aber dann auch wieder nicht. Es ist immer anders. (Michael Glawogger, derStandard.at, 10.3.2014)

  • Doch wenn sich der Verkehr beruhigte, dann blieben die Taschenlampen, die sich manche Marktfrauen beim Kochen, wie früher Telefonhörer, zwischen Kopf und Schulter geklemmt hatten und vor allem die Handys mit eingebauten Taschenlampen oder einfach nur das Licht der Displays. Sie leuchteten wie kleine Inseln im Meer der kleinstädtischen Finsternis.
    foto: michael glawogger

    Doch wenn sich der Verkehr beruhigte, dann blieben die Taschenlampen, die sich manche Marktfrauen beim Kochen, wie früher Telefonhörer, zwischen Kopf und Schulter geklemmt hatten und vor allem die Handys mit eingebauten Taschenlampen oder einfach nur das Licht der Displays. Sie leuchteten wie kleine Inseln im Meer der kleinstädtischen Finsternis.

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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