Not macht friedlich

Analyse10. März 2014, 13:42
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Inselstreit: Katastrophen wie ein verschollenes Flugzeug lassen politische Konflikte schnell vergessen. Die Dauer der Harmonie ist allerdings offen

Nicht selten haben Katastrophen unterschiedlichsten Ursprungs auch eine politische Komponente. Das Unglück wird - vor allem im Wahlkampf - zur Inszenierung genutzt, um als händeschüttelnder, bei Hochwassern gummistiefeltragender Krisenmanager vor Ort die vielleicht entscheidenden Stimmen für sich zu gewinnen. Dass diese Auftritte nicht frei von Risiken sind, kann aktuell der britische Premier David Cameron bestätigen. Außerdem gilt auch hier: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Fernab solcher Schauspiele können die politischen Konsequenzen von Katastrophen aber auch tatsächlich von Relevanz sein und sogar langjährige Streitigkeiten beenden. Dass aktuell fünf Länder gemeinsam im Südchinesischen Meer nach einem verschollenen Flugzeug suchen, die sich just dort um Hunderte Inseln streiten, macht optimistisch. Ohne viel Tamtam fand sofort eine gemeinsame Koordinierung der Suchaktion statt, um die vermisste Maschine in dem rund 3.500 Quadratkilometer großen Gewässer zu finden. Chinas Präsident Xi Jinping höchstpersönlich ordnete an, eng mit den Behörden der anderen Länder Malaysia, Philippinen, Singapur und Vietnam zusammenzuarbeiten. Ins Bild passt auch, dass sich die USA - mit denen China derzeit um Einfluss im südostasiatischen Raum ringt - ebenfalls an der Suche beteiligen.

Frieden nach Tsunami-Katastrophe

Nun darf man natürlich nicht so blauäugig sein und glauben, dass sich die Inselstreitigkeiten ähnlich rasch in Luft auflösen wie der indonesische Konflikt zwischen Rebellen und Regierung im Jahr 2004. Jahrzehntelang kämpfte die Bewegung Freies Aceh (GAM) im Norden Sumatras um die Unabhängigkeit ihrer Provinz Aceh. Nach der Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean rief GAM einen Waffenstillstand aus, um Hilfslieferungen zu ermöglichen. Daraus entwickelte sich ein neuer Annäherungsprozess, der im August 2005 in einen bis heute gültigen Friedensvertrag mündete.

Die Gebietsstreitigkeiten im Südchinesischen Meer werden die Flugzeugkatastrophe überleben, schließlich geht es dort um riesige Energievorkommen. Langsam, aber doch, wird auch Kritik an den neuen Verbündeten geübt. Chinas Außenministerium etwa forderte die malaysischen Behörden am Montag auf, ihre Untersuchungen in Sachen Passagiere mit gestohlenen Reisepässen zu beschleunigen. Zudem schickte Peking ein eigenes Experten-Team nach Kuala Lumpur. Interpol kritisierte die Sicherheitskontrollen der Fluggesellschaft, weil die Daten der Fluggäste nicht mit der Datenbank für gestohlene Ausweise abgeglichen wurden. Auch das wird für weitere Spannungen sorgen.

Japan als abschreckendes Beispiel

Trotzdem ist es ein erster Schritt hin zu einer leichten Annäherung zwischen diesen Ländern. Dass es auch anders gehen kann, hat Japan bei der Fukushima-Katastrophe 2011 bewiesen, indem es elementare Informationen - vor allem das Ausmaß und die Ausbreitung der Strahlenbelastung - lange Zeit zurückhielt und ausländische Hilfe ablehnte.

Und wer weiß: Wenn sich der Verdacht eines Terroranschlags tatsächlich bestätigen sollte, könnte eine weitere Welle der Solidarität entstehen. Denn dann hätten all diese Staaten einen neuen gemeinsamen Feind. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 10.3.2014)

  • Philippinische Streitkräfte planen die Suche nach dem vermissten Flugzeug.
    foto: apa/epa/philippines armed forces

    Philippinische Streitkräfte planen die Suche nach dem vermissten Flugzeug.

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