Langnasen-Opas im "Deutschen Dorf"

Blog11. März 2014, 16:27
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Alexander Reisenbichler hat den deutschen Auswanderer Armin Theis und seine Frau Youngsook getroffen, die den Spagat zwischen zwei Kulturen versuchen

1963 trafen die ersten südkoreanischen Gastarbeiter, zumeist Krankenschwestern und Bergarbeiter, in der damaligen BRD ein. Diese asiatischen Gastarbeiter, die ein sehr hohes Bildungsniveau mitbrachten (mehr als die Hälfte hatten Matura oder einen Uniabschluss), waren die einzigen asiatischen Gastarbeiter, die von der BRD angeworben wurden (sieht man von Gastarbeitern aus der Türkei einmal ab). Zu dieser Zeit war Südkorea ein wirtschaftlich unterentwickeltes Land, das unter der Militärdiktatur Park Chung-hees unter Missachtung von Arbeiter- und Menschenrechten wirtschaftliche Erfolge erzielte. Seine Tochter Park Geun-hye, die seit 2013 das Präsidentenamt inne hat, hat ihn sich zum Vorbild genommen.

Während die meisten Bergarbeiter wieder in ihre Heimat zurückkehrten, blieben viele Krankenschwestern auch nach dem Auslaufen ihrer Arbeitsverträge in Deutschland. Ende 1999 bot die südkoreanische Regierung diesen, lange im Ausland gedienten Arbeiterinnen, aus Dank und zur Ankurbelung des Tourismus in einem Abwanderungsgebiet an, sich in Namhae (eine Insel im Süden des Landes, die übersetzt 'Südsee' bedeutet) niederzulassen. Heute gibt es dort rund 40 deutsch aussehende Häuser.

Drei deutsch-koreanische Ehepaare leben ständig dort, fünf weitere binationale Paare leben je ein halbes Jahr in Deutschland und Südkorea, die anderen ehemaligen Gastarbeiterfamilien entschieden sich für mononationale Ehen. Die Häuser in diesem Dorf mussten nach gewissen Bauvorschriften errichtet werden: zweistöckige Häuser mit roten Walm- oder Satteldächern, Gärten mit niedriger Umzäunung und einer Außenbeleuchtung. Ich würde mir auch für südkoreanische Dörfer Bauvorschriften wünschen; hier kann man in ein traditionelles Bergdorf mit kleinen einstöckigen Häusern einen Betonbunker bauen.

Zu Gast bei Armin und Youngsook

Zunächst muss ich diesen deutschen "Langnasen-Opas"* meinen Respekt aussprechen. Diese Leute haben sich im Alter von 60 Jahren dazu entschieden, in ein fremdes Land zu gehen, dessen Kultur und Sprache ihnen, wie auch den meisten Mitteleuropäern, sehr fremd war. Mit Sack und Pack verließen sie ihre Heimat und begannen ein neues Leben. Diesen Sprung ins kalte Wasser wagen auch sehr viele junge Leute nicht!

Armin Theis und seine Frau Youngsook Theis wohnen seit 2005 in dem Dorf. Die Innenausstattung des Hauses ist komplett deutsch, die meisten Möbel hat Armin mit einem Schiffscontainer aus Deutschland hierher schicken lassen. Als ich ihn 2006 das erste Mal getroffen habe, hatte er seinen Kulturschock noch nicht überwunden. Vieles hatte er auszusetzen an seiner neuen Heimat, er fühlte sich noch nicht angekommen.. Dieses Mal schien er sich schon wesentlich wohler zu fühlen. Letztes Wochenende besuchte ich ihn wieder, rüstig stand er in seinem Garten und spaltete Holz.

"Seit dem du das letzte Mal hier warst, hat sich einiges verändert. Wir verkaufen jetzt selbst gemachten geräucherten Schinken, Pfälzer Saumagen, Mettwurst, Roggenmischbrot, Vollkornbrot - alles nach echt deutscher Rezeptur. Das ist der Neffe meiner Frau", stellt er mir einen Mann vor. "Er ist sozusagen mein Lehrling, lernt Wurst machen und Brot backen, später will er in Seoul ein Geschäft aufmachen", berichtet er mir stolz.

Wie es ihm so gefällt, ob er sich gut eingelebt hat oder er bereut, ausgewandert zu sein, frage ich ihn.

"Mir geht es gut, bereut habe ich meinen Entschluss noch nie. Die Touristen werden auch weniger," meint er. Ich sehe mich um, ein voller Parkplatz, Autos parken am Gehweg, ständig kommen Leute vorbei, bleiben kurz stehen, schauen uns an, einige machen ein Foto, gehen wieder weiter. Mehr Touristen möchte ich mir lieber nicht vorstellen.

Gartenzwerge in Sicherheit bringen

"Weißt du, jetzt ist es ja besser," berichtet Armin, während gerade eine neunköpfige Familie mit Fotokameras den Eingang blockiert und uns aus drei Metern Entfernung beobachtet. Ich stelle mir eine 90-köpfige Familie in 1,5 Metern Entfernung aus Armins schlechten Zeiten vor. "Die Leute gingen einfach in die Gärten, guckten frech durchs Wohnzimmerfenster, aber seit ich ein zweisprachiges Schild 'Betreten verboten – Privatgrundstück' aufgestellt habe, ist es besser geworden. Engelfrieds, die zweite Familie, die ständig hier wohnt, haben ihre Gartenzwerge mittlerweile in die Garage gestellt, wurden ja alle geklaut, kannst du dir das vorstellen?" So habe ich südkoreanische Touristen – zumindest in Südkorea – nicht erlebt, aber das deutsche Dorf ist eben nicht Südkorea.

Dann treffe ich seine Frau. Sie sei Deutsche, stellt sie mit resoluter Stimme fest. "Die anderen Koreaner hier haben die deutsche Kultur wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen, wir sind die einzigen, die hier die deutsche Kultur hochhalten. Die Häuser in diesem Dorf schauen zwar von außen deutsch aus, aber drinnen ist alles koreanisch. Diese Leute haben sich in Deutschland nicht integriert, viele wollen nicht einmal Deutsch sprechen."

Viel Kontakt haben Armin und Youngsook mit ihren Nachbarn nicht, wie sie mir erzählen. Armin scheint das weniger zu stören, bei Youngsook bin ich mir nicht so sicher. Auf jeden Fall stelle ich bei Armin ein gewisses Redebedürfnis fest. Auch bei meinem zweiten Besuch ist das ausschließliche Thema Armins Welt - der Traum eines jeden Ethnologen. Freundlich beantwortet er alle meine Fragen, auch solche, die ich noch nicht gestellt habe. Fragen bezüglich meiner Person bzw. Familie musste ich zwecks mangelnder Nachfrage nicht beantworten.

Heimweh am 'Arsch der Welt'

Youngsook ist zuerst sehr reserviert, doch dann schildert sie mit ihre Sicht der Dinge: "Wir leben hier am 'Arsch der Welt'", schimpft sie, "so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich komme aus Seoul und jetzt wohne ich hier. Obwohl ich in Korea lebe, habe ich Heimweh. Ich komme aus der Stadt, die meisten anderen Krankenschwestern sind vom Land. Wir haben einfach nicht viel gemeinsam."

Am unteren und oberen Ende des Dorfs haben sich Kaffeehäuser und Beerpubs angesiedelt, an einigen Verkaufsständen kann man deutsche Souvenirs einkaufen, sehr viele Stände bieten zu meiner Überraschung südkoreanische Produkte an, besonders Anchovis in allen Größen, eine lokale Spezialität (2006 gab es hier nur Wohnhäuser). An sehr vielen Häusern hängen Schilder – Pension oder Minbak, letzteres sollten billige Touristenzimmer sein. Die Kosten liegen aber zwischen 120 und 140 Dollar pro Nacht und zwei Personen, bei Armin inklusive deutschem Frühstück.

"Im Oktober gibt es hier sogar ein Oktoberfest, mit deutschen Bratwürsten und natürlich viel Bier," sagt Armin und lacht.

Das Dogil Maeul (deutsches Dorf) erscheint mir an diesem Tag wie ein Vergnügungspark, doch vielleicht sollte ich das Dorf einmal unter der Woche besuchen, dann könnte ich die wunderbare Aussicht auf ein paar unbewohnte Inseln, die dem Strand vorgelagert sind, ungestörter genießen. Der kulturelle Aspekt kommt einfach zu kurz, ich frage mich welche Vorstellungen Südkoreaner von Deutschland nach dem Besuch des Dogil Maeuls mitnehmen. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 10.3.2014)

* "Langnasen-Opas" kam im Zusammenhang mit dem Film "Endstation der Sehnsüchte", der 2009 von der in Deutschland lebenden südkoreanischen Regisseurin Cho Sung-Hyun über dieses Dorf gedreht wurde, vor.

  • Eindrücke aus dem "Deutschen Dorf" zeigt eine Ansichtssache.
    foto: alexander reisenbichler

    Eindrücke aus dem "Deutschen Dorf" zeigt eine Ansichtssache.

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