Brustkrebs-Vorsorge: Weniger Frauen bei Mammografie als vorher

10. März 2014, 09:35
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Flächendeckende Vorsorge greift nicht: Situation schlechter als vor dem Programm - Ministerium: Rückgang ist normal

Wien - Die neuen Vorsorgeuntersuchungen gegen Brustkrebs in Österreich greifen nicht: Laut den Radiologen kommen nur fünf Prozent der eingeladenen Frauen zur Brustuntersuchung. Die Situation ist damit schlechter als vor dem Beginn des Programms. Die derzeitige Situation könnte selbst die bisher in den vergangenen 30 Jahren erreichten Ergebnisse bei der Brustkrebs-Früherkennung in Österreich in Gefahr bringen. 

Im Österreich-Durchschnitt ist seit Anfang des Jahres ein Rückgang der Häufigkeit von Mammografien von 21 Prozent zu verzeichnen. In Salzburg betrug der Rückgang bisher sogar 57 Prozent.

Schwache Teilnahme

Die ersten Details wurden bereits am vergangenen Freitag aus dem Burgenland bekannt. Dort ist die Teilnahme der eingeladenen Frauen sehr gering. In diesem Bundesland haben beispielsweise bisher von monatlich 2.400 eingeladenen Frauen lediglich 250 das Angebot angenommen, nur 26 hatten zuvor noch nie eine Mammografie-Untersuchung gemacht.

Doch eine ähnliche Situation zeigt sich in ganz Österreich. "Bisher kommt auf die schriftliche Einladung fast keine Frau", sagte Franz Frühwald, Bundesfachgruppenobmann der österreichischen Radiologen.

Vor dem Programm fanden 95 Prozent der Mammografien infolge von direkten Verdachtsmomenten, also nach Zuweisungen durch Ärzte, statt. Man schätzt, dass bisher etwa 45 Prozent der Frauen zur Vorsorge-Mammografie wegen Brustkrebses gingen. In Österreich gibt es jedes Jahr rund 5.000 Neuerkrankungen, 1.600 Frauen sterben jährlich an einem Mammakarzinom. Eine Beteiligung von 70 Prozent sollte die Sterberaten um rund 30 Prozent senken.

Überweisung nicht mehr möglich

Das organisierte Mammografie-Screeningprogramm sollte gerade jene Frauen zu der Untersuchung bringen, die bisher noch nicht teilgenommen hatten. Doch gerade das ist bisher ausgeblieben. Der möglicherweise entscheidende Punkt: Mit dem Start des Programms darf kein Arzt eine Frau zu einer Vorsorge-Mammografie schicken bzw. formal "überweisen". Eine Überweisung ist nur möglich, wenn schon der Verdacht auf eine Erkrankung oder Symptome bestehen. Dafür sind zehn "Indikationen" vorgesehen. Eine solche kurative Mammografie ist etwas anderes als eine Vorsorge-Mammografie. Für die Mammografie ohne Symptopme erhalten nun alle Frauen im Alter zwischen 45 und 69 Jahren nunmehr alle zwei Jahre direkt eine Einladung zu der Untersuchung. "Die, die dürfen, wollen nicht. Die, die wollen, dürfen nicht", fasst es Radiologen-Obmann Frühwald zusammen.

Frühwald, der an der Ausverhandlung des Mammografie-Programms federführend fmitgewirkt hat, sagt, man habe zwar damit gerechnet, dass der Wegfall der Hausärzte und Gynäkologen bei den Zuweisungen Probleme bereiten könnte - "doch dass das so stark wird, hat man nicht vorhergesehen."

Auch ein anderer Radiologe kritisiert, dass die Ärzte zu wenig eingebunden werden: "Wenn man aus dem Programm die hauptsächlichen Zuweiser wie Hausärzte und Gynäkologen 'hinauskickt' - und die jüngeren und älteren Frauen auch, dann bekommt man ein Problem", sagt der Arzt. Kritiker befürchten gar schon ein Ansteigen der Mammakarzinom-Mortalität.

Tirol lässt Zuweisungen zu

Dafür sprechen die Erfahrungen, die man bei einem Pilotversuch in Tirol vor der bundesweiten Etablierung des gegenwärtigen Mammografie-Programms machte. Die Beteiligungsrate bei den Frauen war relativ hoch. Frühwald: "58 Prozent der Frauen beteiligten sich. Doch in Tirol waren - zusätzlich zur Einladung - auch Zuweisungen der Hausärzte und der Gynäkologen zur Mammografie zugelassen."

Derzeit erhalten alle Frauen zwischen 45 und 69 Jahren die persönliche briefliche Einladung zur Mammografie alle zwei Jahre. Frauen zwischen 40 und 44 Jahren sowie zwischen 70 und 74 Jahren können eine Einladung anfordern.

Christian Marth, Chef der gynäkologischen Universitätsklinik in Innsbruck und ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, kritisiert, dass es zu wenig Werbung für das Programm gegeben habe.

Gesundheitsministerium: "Anlaufschwierigkeiten"

Im Gesundheitsministerium hält man das Programm nicht für gescheitert: "Internationale Erfahrungen zeigen, dass es am Anfang immer einen gewissen Rückgang gibt", sagt Lisa Fuchs, Sprecherin von Gesundheitsminister Alois Stöger, auf derStandard.at-Anfrage. Die mittels Brief eingeladenen Frauen hätten schließlich drei Monate Zeit, um zur Untersuchung zu gehen - "und dass man das nicht gleich am Anfang macht, ist klar", so Fuchs.

Es werde zusätzliche Werbemaßnahmen geben, um die Bekanntheit des Programms zu erhöhen. 

Die Ministeriumssprecherin räumt jedoch ein, dass es auch bei Ärzten noch Unsicherheiten gibt: Sie dürfen ja nur noch bei Vorliegen bestimmter Kriterien zur Mammografie überweisen. Es sei möglich, dass es vielen Medizinern noch am geübten Umgang mit den neuen Kriterien fehle.

Dass es nun nicht mehr möglich ist, ohne Symptome zu überweisen, sei ein Wunsch der Krankenkassen gewesen, heißt es im Ministerium: "Wenn es schon eine Kassenleistung ist, dann soll sie nicht mehr ohne Grund erfolgen", erklärt Fuchs.

Zurückhaltung bei Gynäkologen

Sowohl bei Gynäkologen als auch bei Allgemeinmedizinern ist man in Österreich derzeit extrem zurückhaltend. Der Grund: Kein Arzt im Krankenkassenbereich will riskieren, von der Krankenkasse zur Rede gestellt zu werden, wenn er Frauen direkt zur an sich empfohlenen Mammografie-Vorsorge schickt. Auch die Radiologen sind vorsichtig. Ein Wiener Radiologie-Institut soll sogar Briefe an die Patientinnen geschickt haben, dass sie bei der Mammografie auf die jeweilige Einladung durch die Krankenkasse warten sollten. Ein Wiener Kassenarzt: "Die haben offenbar Angst vor Regressforderungen der Krankenkasse." (APA, sterk, derStandard.at, 10.3.2014)

  • Nur wenige Frauen reagierten bisher auf die Einladungen zur Brustuntersuchung.
    foto: ap/franka bruns

    Nur wenige Frauen reagierten bisher auf die Einladungen zur Brustuntersuchung.

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