Romantik am Abgrund

10. März 2014, 07:41
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Die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle mit Brahms, Haas und Debussy

Wien - Man kann über "Sandwich-Konzerte" mit einem Zeitgenossen zwischen zwei Klassikern die Nase rümpfen. Doch diese Sichtweise lässt sich auch modifizieren, wenn es das Gewicht der gespielten Novität und die Qualität der Aufführung zulässt. Und so erschien das in mehrfacher Hinsicht große Orchesterwerk dark dreams von Georg Friedrich Haas eher als Zentrum des Konzerts mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle im Musikverein.

Haas ist womöglich im Grunde seines Herzens ein Romantiker: Die immer wiederkehrenden Themen des Dunklen, des Traums sprechen ebenso dafür wie die autobiografischen, "exhibitionistischen" Züge, die der Komponist selbst seinem neuen, erst im Februar uraufgeführten Werk zuschreibt. Es ist freilich eine Romantik, die durch die Erfahrungen der Moderne hindurchgegangen ist, ihre Utopien und Träume sind so ungreifbar wie noch nie.

Haas' Musik ist keine leichte Kost, schwer zu hören ist sie aber nicht, bietet sie doch eine Vielzahl von Ansatzpunkten, um sie unmittelbar auf sich wirken zu lassen: großflächige Harmonien, die sich langsam gegeneinander verschieben, katastrophische Klangballungen und unausweichliche Spiralbewegungen, gegen Ende auch sangvolle Soli, vereinzelt, verloren, verzweifelt. Orchester und Dirigent tauchten das Abgründige in prächtige Farben und machten selbst noch das plötzliche Abreißen des Stücks, das Haas explizit fordert, und die damit beabsichtigte Irritation deutlich.

Zuvor hatten sie ein Werk der "Spätromantik" an den Abgrund geführt: Brahms' 3. Symphonie klang unverbindlich, planlos, wattig. Ganz im Gegensatz dazu Debussys La Mer, von dem das pure Gegenteil zu sagen ist: Farbreichtum und Konturen hielten sich die Waage, nur im letzten Stück überwog dann doch Brillanz die Differenzierung, von der man nur noch träumen konnte (Daniel Ender, DER STANDARD, 10.3.2014)

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