Krzysztof Penderecki: "Der Anfang - das ist immer eine Krise"

Gespräch10. März 2014, 07:17
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Gespräch mit Komponist Krzysztof Penderecki, der in Graz das RSO Wien dirigiert

Wien - Kompositionskrisen kennt Krzysztof Penderecki: "Der Anfang - das ist immer eine Krise! Da ist nichts außer ein leeres Blatt Papier, man sucht und sucht. Jeden Tag glaubt man, dass man überhaupt nichts kann!" Andererseits zeigte ihm die Erfahrung, dass "Musik zu schreiben an sich leicht ist - ich mache das ja mein ganzes Leben lang. Eine Form zu finden, ein wichtiges Thema, Texte zusammenzustellen, auch das ist das Schwere. Wenn ich einmal Texte habe, ist es schon leichter."

Was das Schreiben erschwert, seien auch Pausen: "Die letzte war lang, sie währte ein halbes Jahr, und das ist nicht so lange her. Ich habe das erstmals seit den 1960er-Jahren gemacht, weil ich dachte, das wäre gesund. Dann aber in die Arbeit wieder reinzufinden, das war sehr mühsam. Die Regelmäßigkeit hilft doch sehr. Die Ideen kommen mit der Arbeit, die bei mir sehr früh startet."

In der Früh komponieren

Und das geht so: "Ich schreibe nur vormittags, stehe sehr früh auf - im Sommer etwa um sechs Uhr. Da ist Ruhe, ich kann mich konzentrieren. Manchmal gehe ich allerdings in die Küche, damit ich nicht allein bin. Dann schreibe ich dort. Interessant ist: Wenn man so früh aufsteht, hat man den Kopf voller Musik, die man geträumt hat. Diese Musik aufzuschreiben ist auch eine Herausforderung. Das Geträumte ist eigentlich unerreichbar."

Was Penderecki, 1933 in Debica (in Polen) geboren, wichtig findet, "ist der Platz, an dem ich komponiere. Ich habe in meinem Haus einen Raum mit einem viereinhalb Meter langen Tisch, der auch ziemlich breit ist. Auf ihn kann ich alle Skizzen legen. Ich wandere dann um die Skizzen herum, schreibe da ein bisschen, notiere dort etwas. In meinem Landhaus gibt es ebenfalls einen solchen Platz."

Eine Ehrung in Graz

Die Ergebnisse seines also nicht immer krisenfreien Schaffensprozesses wird man am Montag und Dienstag in Graz erleben können. Penderecki wird zum Ehrenmitglied des Steirischen Musikvereins ernannt. Aus diesem Anlass findet ein Konzert für Menschenrechte statt, bei dem er das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien (RSO) dirigieren wird. Da erklingt neben seinem Concerto grosso für drei Violoncelli und Orchester auch erstmals in Österreich seine Komposition Kaddisch.

"Ich habe das zum 65. Jahrestag der Liquidation des Ghettos in Lódz komponiert. Darin sind Gedichte des damals 15-jährigen Abraham Cytryn verarbeitet, der nach Auschwitz deportiert wurde. Seine Texte sind erhalten, da dessen ältere Schwester überlebt und sie publiziert hat." Integriert ist auch das jüdische Kaddisch-Gebet: "Ein guter Freund von mir, Boris Carmeli, der leider nicht mehr lebt, hat mir das vorgesungen. Er stammte aus einer alten Familie, in der viele Rabbiner waren. Das hat mich beeindruckt, ohne diese Hörerfahrung hätte ich das nicht schreiben können."

Der Avantgardist, der seine wilde Zeit in den 1950ern und 1960ern hatte und dann eine langsame Hinwendung zur Tradition vollzog, wird in nächster Zeit öfters nach Österreich kommen. Er schreibt nämlich für die Wiener Staatsoper ein neues Werk. "Ja, ich habe einen Vertrag mit der Staatsoper, ich habe Phädra als Thema vorgeschlagen. Das Sujet spukt in meinen Notizen und verfolgt mich seit 30 Jahren. Es wird wohl zwei Jahre bis zur Fertigstellung dauern, einen Termin gibt es aber noch nicht, der Vertrag ist schlau angelegt: Die Uraufführung kann erst 16 Monate nach Ablieferung der Partitur erfolgen."

Hätte Penderecki das Werk "in einem halben Jahr fertig, könnte man es also schneller aufführen. Aber ich kann nicht so schnell schreiben. Es wird meine fünfte Oper, wer weiß, ob ich danach noch eine schreiben kann? Mir ist das zu wichtig, um Eile walten zu lassen. Auch wegen des Aufführungsortes. Ich denke, das Ganze wird unter zwei Stunden ohne Pause dauern. Es muss in einem Akt sein - das kann man nicht zerstückeln."

Die Suche nach Stimmen

Vor Komponierbeginn müssen allerdings noch die Stimmlagen geklärt werden. "Ich muss mich da erst entscheiden. Entweder schreibe ich für einen dramatischen Koloraturmezzo, der leider schwer zu finden ist. Oder es wird ein dramatischer Sopran. Wenn ich das schon wüsste, würde ich schon komponieren. Ich muss mir jetzt also noch bestimmte Künstler anhören", deren Namen er natürlich nicht preisgibt. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 10.3.2014)

Konzert für Menschenrechte des Musikvereins für Steiermark am 10. und 11. März, im Stephaniensaal, jeweils um 19.45

  • Krzysztof Penderecki präsentiert in Graz eigene Werke und schreibt ein neues Musiktheater für die Wiener Staatsoper.
    foto: apa/epa/diego azubel

    Krzysztof Penderecki präsentiert in Graz eigene Werke und schreibt ein neues Musiktheater für die Wiener Staatsoper.

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