Eine gute Idee, die aus dem Ruder läuft

Kommentar der anderen9. März 2014, 17:46
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Die Festplattenabgabe dürfte bald Realität werden. Allerdings scheint die Kluft zwischen Kulturschaffenden und Konsumenten größer denn je

Die Festplattenabgabe ist eine vernünftige Sache, finde ich. Doch wird sie entweder schon im Vorfeld scheitern oder zu einem Bumerang für alle Beteiligten, wenn es nicht gelingt, besser zu vermitteln, worum es geht.

Fast 2000 Leser-Postings im Standard in eineinhalb Tagen auf einen schlichten Informationsbericht über eine Pro-Abgaben-Pressekonferenz von Künstlern auf der einen Seite ("Wegen ein paar Euro Abgabe gibt es lauter Freiheitskämpfer", 27. 2. 2014). Absurde "Berechnungen" über einen möglichen Umsatzrückgang von 135 Millionen Euro und Gefahr für 1000 bis 2000 Arbeitsplätze von Vertretern des Handels auf der anderen Seite. Viel bizarrer kann eine Debatte nicht aus dem Ruder laufen.

Die Begünstigten einer solchen Abgabe, also Kunst- und Kulturschaffende, konvertieren die finanziellen Ausgleichszahlungen in Zuwendung und orten einen Verlust an "Respekt vor der Arbeitsleistung in der Kunst", wo beklagenswerterweise ein Klick am Computer oder Smartphone ausreiche für den Download eines Werks (Präsidentin der Akademie des österreichischen Films, Ursula Strauss).

Die Leser-User hingegen "nervt", dass diese "Kunstschaffenden" so tun, "als würden jedermann und jederfrau sich ihre Daten aus dem Internet zusammenstehlen", mitsamt Nachsatz über die "unverständlichen Preise" für Musik im Handel (Leser Kaktus53).

Paradoxe Situation

Hier sind mehrere Dinge, über Jahre hin, arg auseinandergelaufen. Es ist paradox: Wo vor zwei Jahrzehnten einmal der Ansatz "Kultur für alle" stand, ist heute, wo mehr Kunst und Kultur für mehr Menschen als jemals zuvor leicht zugänglich ist, die Gemengelage gekippt in wechselseitiges Misstrauen und rüde Respektlosigkeit. Das hat natürlich auch mit Konsum und Medien zu tun, aber viel mehr noch mit einer Kluft: Die repräsentative Kultur, die auch - gerade in Österreich - mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, vermag nur schwer zu vermitteln, warum sie denn wichtig - oder, mit einem fast vergessenen Wort: relevant - ist.

Gleichzeitig haben sich die Zwischenträger ins Scheinwerferlicht gedrängt, in der Aufmerksamkeit der Politik, und damit auch bei den Förderungen. Die verschiedenen Branchenvertretungen, von den Kammern und Verbänden bis zu den Verwertungsgesellschaften, vertreten jeweils möglichst laut die sehr speziellen Interessen ihrer jeweiligen Klientel, ohne transparent öffentlich darzulegen, worin ihr Beitrag zur künstlerischen Wertschöpfung besteht. Der Verdacht, dass sie letztlich überwiegend die ohnedies schon bestverdienenden Künstler füttern und wenig zur Förderung von Nachwuchs und Vielfalt beisteuern, ist schwer zu entkräften. Die Kammern legen mit Horrorzahlen über angebliche Verluste bei der Eskalation der Unglaubwürdigkeiten nach.

Vom Branchengezocke unangefochten driften die Konsumenten von den alten Zwischenhändlern ab ins Internet, zu legalen und im Zweifelsfall auch halb- oder illegalen Angeboten online. Die tiefe Krise der Glaubwürdigkeit trifft schließlich auch die Kulturpolitik frontal. Ein Blick in die über nicht abgegoltene Inflationsraten real schrumpfenden Kulturbudgets macht deutlich: Es wird gefördert, was jeweils schon im Jahr davor gefördert worden ist. Was den Verdacht nachhaltig verschärft, bei Künstlern und Kulturschaffenden handle es sich um einen Klub derer, die es sich richten können.

Die Zahlen in den Kulturberichten des Kunstministeriums machen, vielleicht mit Ausnahme des (erfolgreichen) Bereichs Film, deutlich: Wo die Kulturpolitik seit gut einem Jahrzehnt aufgehört hat zu gestalten, schreibt die Verwaltung Besitzstände fort.

Beim steuerzahlenden Publikum schlägt sich dies in Form von einbrechender Glaubwürdigkeit und galoppierend vermiester Stimmungslage nieder - siehe die 2000 Leser-Postings auf eine simp- le Künstler-Pressekonferenz. Kulturpolitik hat hier einen dringenden Erklärungsbedarf.

Der banale Befund hat eine kokette Spitze: Der seit 1. März neue Kunst- und Kulturminister Josef Ostermayer hat eine für diese vertrackte Konstellation perfekte Ressortzuständigkeit und politische Vergangenheit: Er ist zuständig für Kunst und Kultur, den öffentlichen Dienst, staatliche Verfassung und Verwaltung, und auch noch für Medienangelegenheiten, und geübt im Umgang mit geplagten Minderheiten. Wo seine Vorgänger weitgehend nur Kulturförderungsminister waren, kann er sagen: Wir müssen das Verständnis von Kunst, Kultur, den Medien und der Öffentlichkeit neu definieren! Wir müssen gestalten. Also los!

Konkretere ORF-Aufträge

Unter allen Büchern, die in Österreich gelesen werden, stammt ein Zehntel aus österreichischen Verlagen - bei kontinuierlich fallender Tendenz. Wie ist dies bei Musik und Filmen? Reicht es, beim Fernsehen über obskure Polit-Freundeskreise zu bestimmen, wer welchen Posten bekommt oder in den Top-Sendungen interviewt wird? Oder kann man öffentlich-rechtlichem, von Gebühren finanziertem Radio und TV einen viel konkreteren Auftrag geben, Kultur zum Beispiel mit zu produzieren, nicht nur bei Filmen, sondern bei Lesungen, Debatten, Publikumsveranstaltungen, nicht nur in irgendwelchen Studios und Sendesälen, sondern wo immer diese von unterschiedlichsten Veranstaltern quer durch Österreich ins Leben gerufen werden. Ein weites Feld. Also los!

Der katastrophale Legitimationsverlust von Kulturpolitik und Kulturförderungen, der sich in 2000 Postings Luft macht wegen vielleicht zwei bis fünf Euro Mehrkosten beim Erwerb einer Festplatte oder eines Smartphones, kann auch als ein Signal für eine Neudefinition verstanden werden. Um bei der Festplattenabgabe zu beginnen: Es geht um einfache, klare Fragen. Wie viel Geld soll erlöst werden? Wer soll dieses Geld nach welchen transparenten Schlüsseln an wen ausschütten? Und was genau ist das politische Ziel? (Rüdiger Wischenbart, DER STANDARD, 10.3.2014)

Rüdiger Wischenbart ist Kulturberater und Journalist mit Arbeitsschwerpunkt internationale Kultur- und Medienentwicklung.

  • Rüdiger Wischenbart: Elan ist gefragt.
    foto: privat

    Rüdiger Wischenbart: Elan ist gefragt.

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