"Wir hinterfragen alles, aber mischen uns nicht ein"

Interview9. März 2014, 17:41
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Erich Ribolits über heutige studentische Protestkultur

UniStandard: Die Regierung war bemüht, die Zusammenlegung des Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium als „Symbolik" zu verkaufen. Was denken Sie über die Entscheidung?

Erich Ribolits: Man kann darüber sinnieren, warum gerade Wissenschaft zur Verschubmasse wird, – unter dem Symbol Sparen – weil das tatsächlich nicht viel Spareffekt hat. Inhaltlich würde ich dem nicht allzu viel Bedeutung geben. Der Apparat Ministerium bleibt gleich. Was damit aber für einige Leute erst sichtbar wurde, ist, dass Wissenschaft, wie alles andere in der Gesellschaft, dem Aspekt des Ökonomischen untergeordnet ist. Auch wenn die Studienbedingungen heute sehr einschränkend sind, ist das Studium noch immer ein Raum, in dem man eher draufkommen könnte, dass es um ein anderes Leben geht.

UniStandard: Auch der Protest hatte einen klaren Stil: Schwarze Fahnen, Kondolenzbuch, Trauerzüge. Das sind starke Bilder, aber auch eine recht passive Position...

Ribolits: Dass man sich der Symbolik Tod bedient passiert häufig in Bezug mit Uni- und Wissenschaftsfragen. Das ist ein Mittel des geisteswissenschaftlich orientierten Menschen, die Dramatik darzustellen. Es hängt aber auch mit der heutigen Situation zusammen. Die Formen des Kampfes der bürgerlichen Moderne greifen nicht mehr. Politik ist mehr und mehr das Exekutieren von Sachzwängen. Dementsprechend bekommt der Protest etwas Hilfloses. Man kann nur noch sagen: Ich bin traurig, enttäuscht, betroffen. Das ist kein Aufbegehren, kein Widerstand, kein kraftvolles „Ich bin dagegen!", sondern ein resignatives Zeichen. Wenn man sich anschaut, was in den letzten zehn Jahren im Bildungsbereich passiert ist und wie wenig die Proteste dagegen genützt haben, ist das verständlich.

UniStandard: Verstehen Sie die Sorgen, die – vor allem Geisteswissenschaftler – an Vokabeln wie „Innovationskette" festmachen?

Ribolits: Gegen die Ökonomisierung von Bildung aufzutreten, hat meine volle Sympathie. Aber dies zu tun, wenn der Zug längst abgefahren ist, ist halt ziemlich spät. Da hätten Wissenschaftler auch früher draufkommen können. Dahingehend hatten die Audimax-Proteste mehr mit Bildung zu tun hat, als die Reaktionen der Wissenschaft. „Bildung statt Ausbildung" kommt bei jeder zweiten bildungswissenschaftlichen Diplomprüfung vor – aber wenn Studierende damit auf die Straße gehen, sagt kein Bildungswissenschaftler etwas dazu.

UniStandard: Diese Gegenüberstellung von Bildung und Ausbildung– ist es überhaupt noch zeitgemäß von diesen beiden Polen auszugehen?

Ribolits: Nein ist es nicht. Und die Frage ist, ob es jemals zeitgemäß war. Die Geschichte des Bildungsbegriffes ist interessant. Er reflektiert stark den Rückzug des Bürgertums aus der Politik: Wir hinterfragen alles, sind kritisch, mündig, autonom, aber das bleibt eine individuelle Angelegenheit, wir mischen uns nicht ein. Der hilflose Protest zeigt das. Studierende hängen zwar an weniger gesellschaftlichen Fäden, die sie in den Ist-Zustand zwingen, aber selbst die Audimaxismus-Proteste  waren so handzahm, die Polizei müsste ihnen geradezu ein Honorar bezahlen.

UniStandard: Wie kann man dann noch sinnvoll Stellung beziehen?

Ribolits: Es ist auf jeden Fall wichtig, sich zu wehren. Aber zu hoffen, dass man das Bildungswesen oder ein anderes Subsystem der Gesellschaft aus dieser Vereinnahmung durch die Ökonomie raushalten kann, halte ich für eine Illusion. Man sollte sich die Freiräume, die noch möglich sind, nehmen und dort selbstbestimmt agieren. Wenn dieses System gegen die Wand fährt wird es weniger wichtig sein, den großen Gesellschaftsentwurf parat zu haben, als Freunde und netzwerkartige Alternativ-Strukturen. (grill, UniStandard, 9.3.2014)

Erich Ribolits, geb. 1947 in Wien, ist Bildungswissenschafter an der Uni Wien und Autor von "Abschied vom Bildungsbürger". 

  • "Es ist auf jeden Fall wichtig, sich zu wehren", sagt Erich Ribolits. 
    foto: der standard/corn

    "Es ist auf jeden Fall wichtig, sich zu wehren", sagt Erich Ribolits. 

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