Vom Vergreifen im Ausdruck

7. März 2014, 18:03
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Wie hochanständig es in der Medienbranche zugeht, verriet Christian W. Mucha in der letzten Nummer seines "Extradienst"

Wie hochanständig es in der Medienbranche zugeht, verriet Christian W. Mucha in der letzten Nummer seines "Extradienst" unter dem Titel Erklärung. Und zwar in einer Erklärung betreffend Fernsehdirektorin Mag. Kathrin Zechner. Darin heißt es: Zu meinem Artikel vom 27. 03. 2013 konnte ich mich zwischenzeitlich davon überzeugen, dass die mir erteilte Information, wonach Frau Mag. Zechner Mitarbeiter des ORF bei privaten Anlässen zu Koch- und Servierdiensten herangezogen hätte, unrichtig war und dass dies tatsächlich nicht der Fall war. Ich stehe nicht an, unter diesen Voraussetzungen zu erklären, dass ich mich mit den Bezeichnungen "Hyäne", "Cloyenne", "Piss me, Kate" in den Ausdrücken vergriffen habe. Ich ziehe daher mit Ausdruck des Bedauerns diese Ausdrücke zurück.

Dass Mucha fast ein ganzes Jahr benötigte, um sich zwischenzeitlich davon zu überzeugen, dass die mir erteilte Information unrichtig und die privaten Koch- und Servierdienste tatsächlich nicht der Fall waren, mag auf die Arbeitsüberlastung eines Mannes zurückzuführen sein, der sich abrackert, um die Welt in jedem "Extradienst" mit einem über mehrere Druckseiten wabernden Editorial zu beglücken. Was ferner erklärt, dass ein dermaßen bis an die moralischen Grenzen überbeschäftigter Branchendienstleister nicht jeder Information, die ihm erteilt wird, so weit nachgehen kann, bis sichergestellt ist, dass die Leistung des Erteilers besser nicht mit der des Verteilers gekrönt werden sollte.

Wer so hart arbeitet, hat alles Recht, am Ausdrücker zu bleiben, auch wenn die mir erteilte Information nicht ganz der Wahrheit entsprach und dennoch verteilt wurde. Denn nur unter diesen Voraussetzungen steht er nicht an zu erklären, dass er diese Ausdrücke, in denen er sich vergriffen habe, mit Ausdruck des Bedauerns zurückziehe. Niemals hätte er sich in Ausdrücken vergriffen, wäre die mir erteilte Information nicht unrichtig gewesen, denn dann wären ihm die Definitionen der Fernsehdirektorin als "Hyäne", "Cloyenne", "Piss me, Kate" als in der Sache angemessen und im Ton zivilisiert erschienen - wie hätte er sie sonst gebraucht?

Nun wächst, zugegeben, die Gefahr, sich in Ausdrücken zu vergreifen, rapide an, wenn mit der erteilten Information eine Saite zum Klingen gebracht wird, die anzuschlagen einem ein Bedürfnis ist. Die Beanspruchung von Mitarbeitern des ORF bei privaten Anlässen zu Koch- und Servierdiensten würde, ohne sich in Ausdrücken zu vergreifen, vielleicht den Ausdruck "Küchenfee", allenfalls "Chef de cuisine" erlauben, aber "Hyäne" und "Cloyenne" scheint etwas weit vorbeigegriffen. Ob es sich bei "Piss me, Kate" um den nicht länger zu unterdrückenden Ausdruck eines erotischen Bedürfnisses des Ausdrückers handelt - das zu klären kann nicht Aufgabe dieser Kolumne sein.

Auch in einem anderen Winkel der Branche ging es am Wochenende um das Vergreifen im Ausdruck. Der ORF meldete, "Die Presse" übernahm es, und wieder ging es um das Problem eines Chefredakteurs. Der "Kurier" zieht demnächst in die Muthgasse in Döbling. Nicht gern, denn dort hat auch die "Kronen Zeitung" ihren Sitz. Mit der ist der "Kurier" zwar in der Mediaprint verbandelt, aber auch noch dieselbe Gasse - das hält Chefredakteur Helmut Brandstätter für rufschädigend. Daher soll, so "Die Presse" am Samstag, jener Teil der Muthgasse, in dem nun der "Kurier" Quartier bezieht, flugs in "Leopold Ungar Platz" umbenannt werden - auf Antrag - was sonst? - der Döblinger ÖVP.

Kein Wunder, dass die "Kronen Zeitung" diese Kränkung nur schwer verdaut. Der "Kurier" zieht in unsere Wiener Muthgasse um, aber: Der Chefredakteur hat mit neuer Adresse ein "Imageproblem"! Abgesehen von der Privatisierung der Muthgasse - wieso heißt sie nicht längst auf Antrag der SPÖ Hans-Dichand-Gasse? - sah die "Krone" im Anliegen Brandstätters einen Faschingsscherz, dem sie dennoch eine ganze Seite widmete. Nicht ohne Hoffnung, wusste sie doch: Der städtische Ausschuss, der über die Umbenennung entscheidet, bremst jetzt.

Sicherheitshalber rückte auch noch Michael Jeannée mit Post an die Liebe 19., Muthgasse aus. Nur einer hat mit Dir ein "Imageproblem". Und das ist - ausgerechnet - "Kurier"-Chefredakteur Helmut Brandstätter (Branchenname: HB - Halbe Bortion). Hat die "halbe Bortion" keine anderen Sorgen?

Das kann immer noch kommen. Was tun, wenn Jeannée fordert: Piss me, Helmut? (GÜNTER TRAXLER, DER STANDARD, 8./9.3.2014)

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