Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges

Kolumne7. März 2014, 17:26
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Die offenbar durchgeknallte Julia Timoschenko spricht bereits von einem "Guerillakampf"

Nicht wenige Österreicher und wohl auch Europäer befürchten einen Krieg wegen der Ukraine. Tatsächlich sagte der neue ukrainische Premier in Brüssel, auf eine weitere Eskalation der militärischen Intervention durch Russland müsse die Ukraine auch militärisch reagieren.

Das wäre ein Rezept für Selbstmord. Gleichwohl kann es durchaus sein, dass entweder die russischen Gespenstertruppen ohne Hoheitsabzeichen, deren Anwesenheit auf der Krim von Putin dreist geleugnet wird, oder ukrainische Radikale sowohl von der prorussischen wie von der Unabhängigkeitsfraktion das Feuer eröffnen. Was passiert dann? Putin sollte trotz seiner postsowjetischen Imperiums-Fantasien noch so viel Rationalität besitzen, um einen Flächenbrand abzuwürgen. Allerdings spricht die offenbar durchgeknallte Julia Timoschenko bereits von einem "Guerillakampf". Es wäre nicht der erste in der neueren ukrainischen Geschichte. Sowohl nach dem Ersten als auch während des Zweiten Weltkrieges gab es schwere Partisanenaktionen, teils gegen die Deutschen, teils gegen die Sowjets. Stalin ließ in den 1930ern Millionen Ukrainer bewusst verhungern.

Die Erinnerung an diese entsetzlichen Grausamkeiten mag sowohl Putin wie die ukrainischen Nationalisten vom Äußersten zurückzucken lassen. Auszuschließen ist aber Gewalt nicht. So furchtbar das wäre, so muss man sich die Jugoslawienkriege in den 1990ern vor Augen halten. Obwohl es zu schweren Kampfhandlungen in Kroatien, Bosnien und auch an der österreichisch-slowenischen Grenze kam, griff der Krieg nicht auf Mittel-und Westeuropa über.

Allerdings: In den Baltikumstaaten Lettland und Estland (sowohl EU-wie Nato-Mitglieder) gibt es starke russische Minderheiten. Wenn diese sich ein Vorbild an der russischen Mehrheit auf der Krim nehmen ...

Auf jeden Fall aber wären die wirtschaftlichen Auswirkungen größerer Gewaltausbrüche mit russischer Beteiligung in der Ukraine katastrophal. Die EU und die USA müssten mit echten Sanktionen reagieren, Russland würde mit Beschlagnahme westlicher Investitionen und mit einer Öl-und Gassperre regieren. Der Effekt wäre eine weltweite Wirtschaftskrise, unter der auch Russland massiv leiden würde.

Inzwischen muss man sich nicht von Verschwörungstheorien verrückt machen lassen. Es wurden anonym Abhörprotokolle veröffentlicht: Der estnische Außenminister sagte zur EU-Beauftragten Ashton, die ukrainische Ärztin und Aktivistin Olga Bogomolets meine, die Scharfschützen am Maidan hätten in Wahrheit nicht im Auftrag von Janukowitsch, sondern der Revolutionäre gehandelt. Bogomolets hat inzwischen laut Süddeutscher absolut dementiert. Früher, als Wladimir Putin noch Oberst des KGB war, nannte man das Desinformazija.

Putin will Einfluss auf den Weg der Ukraine haben. Das kann er, so wie der Westen dasteht, wahrscheinlich haben - wenn es kein absoluter Einfluss, sondern nur eine Mitsprache ist. Wenn er rational ist, genügt ihm das. Wenn nicht, kommt wohl kein heißer, aber ein neuer Kalter Krieg. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 8.3.2014)

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