MOOCs: Der große Hype um die Zukunft der Hochschulbildung

8. März 2014, 11:26
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Das Problem der "Massive Open Online Courses" könnte ausgerechnet das "Massive" an ihnen sein

Wer verstehen wolle, wie die USA von einem Verbund 13 verschlafener Kolonien zu einer Weltmacht aufsteigen konnten, der müsse die Geschichte des amerikanischen Kapitalismus studieren. Es klang nicht sonderlich aufregend oder gar originell, wie Edward Baptist und Louis Hyman für ihren Kurs warben, aber solide. Überzeugt hat mich der Name der Uni, an der die beiden Historiker lehren: Cornell University, also Ivy League, akademisches Spitzenniveau.

Zwei, drei Klicks am Computer, und die Anmeldung war erledigt. Acht Wochen wird er dauern, der Kurs American Capitalism: A History, bei edX unter der Kennziffer HIST1514x geführt. Zeitaufwand: vier Stunden pro Woche. Wer ein Zertifikat haben möchte, muss einen Obolus entrichten. Wer sich allein mit dem Wissen begnügt, für den gilt der Nulltarif.

Der "Goldstandard" bleibt

Die Rede ist von einem MOOC, einem Massive Open Online Course. MOOCs stehen jedem offen, der Zugang zum Internet hat, weltweit, ohne Einschränkung. Manche halten sie für die Zukunft der amerikanischen Hochschulbildung, zumal die Studiengebühren der Unis in astronomische Höhen klettern, bis auf über 50.000 Dollar pro Jahr. Andere sind deutlich verhaltener, vor allem fürchten sie eine Verwässerung akademischer Standards. Aber nur wenige würden John L. Hennessy widersprechen, dem Rektor der Uni Stanford, der 2012 prophezeite: "Da kommt ein Tsunami auf uns zu."

Onlinekurse sind nichts Neues. Es ist mehr als zwanzig Jahre her, dass die University of Phoenix, die Pionierin auf dem Gebiet, damit zu experimentieren begann. Neu ist der Eifer, mit dem sich die besten Unis des Landes der Möglichkeiten des Internets bedienen. Ein Meilenstein war, im Herbst 2011, ein Kurs über künstliche Intelligenz, angeboten von Sebastian Thrun, einem aus Deutschland stammenden Stanford-Professor, der in seinem Wohnzimmer eine Kamera aufbaute und für Skizzen anstelle einer Tafel Servietten benutzte. Nach 160.000 Anmeldungen bat die Uni, keine weiteren Teilnehmer aufzunehmen. Der Erfolg veranlasste Thrun, eigene Wege zu gehen. Finanziert mit Wagniskapital aus dem Silicon Valley, gründete er die digitale Plattform Udacity.

Kurz darauf zog Stanford nach, gewann unter anderem Penn State und Princeton als Partner und gründete den Konkurrenten Coursera. Schließlich hoben Harvard und das Massachusetts Institute of Technology edX aus der Taufe, ein Non-Profit-Netzwerk, dem sich mittlerweile auch das kalifornische Berkeley angeschlossen hat.

Ziel sei eine Demokratisierung der Bildung, warb Hennessy nach dem Startschuss. "Während der Goldstandard erhalten bleibt, kleine Klassen mit großartigen Lehrmeistern, werden sich Onlinekurse als effektives Lernumfeld erweisen." Wer an überfüllten Hörsälen verzweifle, argumentieren die Anhänger der MOOCs, bekomme eine echte Alternative geboten. Und nicht zu vergessen, welche Türen die digitale Revolution in benachteiligten Weltgegenden öffnet. Hennessy sagt es mit der Metapher eines Bewohners der Mongolei, "der erstklassig denken kann und bereit ist, aus eigener Kraft Berge zu versetzen, aber in der Mongolei einfach nicht den Kurs bekommt, der ihm weiterhilft".

Was die Skeptiker von dem Hype halten, hat niemand prägnanter formuliert als die Philosophieprofessoren der San José State University, einer staatlichen Hochschule im Silicon Valley. Vor zehn Monaten war das, in einem offenen Brief protestierten sie gegen das Projekt Justice X, die MOOC-Version der Lektion Soziale Gerechtigkeit, wie sie die Harvard-Koryphäe Michael Sandel ins Internet stellte. "Weder haben wir ein pädagogisches Problem, das Justice X lösen könnte, noch mangelt es uns an Lehrkräften, die fähig sind, Äquivalentes zu lehren", stand in dem Schreiben. Ließen sie Sandel gewähren, so die Wissenschafter, wären sie selbst nur noch bessere Hilfskräfte. Und: "Der Gedanke, dass an verschiedenen Philosophie-Instituten quer durchs Land ein und derselbe Kurs Soziale Gerechtigkeit gelehrt wird, ist schlicht beängstigend."

Was wohl aus dem täglichen Gespräch der Dozenten mit ihren Studenten werde, fragen die Kritiker, aus Kontakten, die vor allem in der angelsächsischen Uni-Welt bemerkenswert eng und erfrischend unkompliziert sind. Wer vertieft sich noch in Bücher, wenn er sich bequemer Videos ansehen kann? Sinkt das Niveau? Wie viel Kommunikation geht verloren, wenn Lehrende und Studierende nicht mehr im selben Seminarraum sitzen? Wie kann man sinnvoll über Stoff diskutieren, wenn man tausende Kommilitonen hat?

In Internetforen, beantworten MOOC-Fans die letzte Frage, lasse sich auch recht gut streiten. Im Übrigen sei es zweifellos ein Plus, wenn Colleges der zweiten oder dritten Liga direkt auf das Wissen der Ivy League zugreifen können.

Hennessy verwies nicht zuletzt auf den ökonomischen Nutzen, als die MOOC-Welle zu rollen begann. Amerika leiste sich einfach zu viele Universitäten, die versuchten, Forschungseinrichtungen zu sein. Lange wäre das wohl nicht mehr bezahlbar. Wenn aber einige Elitehochschulen die Forschungslast des gesamten Systems schulterten, könnten etliche schlechter finanzierte abspecken. Inzwischen liegen Zahlen vor, die die der anfänglichen Euphorie einen Dämpfer versetzen. Bei Coursera halten nur vier bis fünf Prozent der Onlinestudenten bis zum Kursende durch.

Auch John Hennessy zeigt eine gewisse Ernüchterung. Das Massive an den MOOCs, gibt der Informatiker zu bedenken, sei wohl der falsche Weg, so vergehe den meisten Teilnehmern die Lust. Die MOOCs müssten kleiner werden. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 8.3.2014)

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