Denken und Glauben

7. März 2014, 19:54
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Sibylle Lewitscharoffs Skandalrede über Geburt und Tod

Wien - Die Wege der Literatur sind unergründlich. Da hielt die ob ihres Witzes gern als Rednerin zu diversen Anlässen eingeladene deutsche Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff (60) vergangenen Sonntag im Staatsschauspiel Dresden eine Rede mit dem etwas sperrigen Titel Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod (nachzulesen unter: www.staatsschauspiel-dresden.de).

Drei Tage hat es dann gedauert, bis sich Robert Koall, Chefdramaturg des Hauses, "hochachtungsvoll" in einem offenen Brief vom Gesagten distanzierte. Es sei ein beängstigendes Menschenbild, das Verklemmung mit Verachtung paare, dessen sich die Autorin befleißige. Ein rasch herbeigeeiltes literarisches Erschießungskommando tat dann einen Tag später in den Feuilletons ein Übriges. Vom vielgehätschelten - mit Bachmann- und Büchnerpreis ausgezeichneten - Star wurde Lewitscharoff über Nacht zum Paria des Betriebs. Unschuldig daran ist sie nicht. Sie hätte auf jene Stimme der Vernunft hören sollen, die ihr riet, "besser den Mund" zu halten. Was sie nur auf neun von 13 Seiten Text tat.

Vom Freitod ihres Vaters, dem qualvollen Krebstod der Mutter und der Religiosität der prägenden, auch an Krebs verstorbenen Großmutter schlägt die Autorin über die "Apparate-Medizin", die künstlich Leben verlängert, den Bogen zur pränatalen Diagnostik. Auf den letzten Seiten, die sich mit Geburt befassen, finden sich dann jene vielzitierten, mit Worten wie "widerwärtig" gespickten Thesen über künstliche Befruchtung, Onanie und lesbische Paare, die sich "ein Kind besorgen".

Auch wenn die Passagen aus dem Textzusammenhang gerissen radikaler klingen, als sie tatsächlich sind, musste die Autorin mit einer Skandalisierung rechnen. Störrisch beharrte sie zunächst auf dem Recht, sagen zu dürfen, was sie denke. Nun hat sie sich entschuldigt. Zuweilen soll man eben, wie Thomas Glavinic einmal schrieb, auch sich selbst nicht alles glauben, was man denkt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 8./9.3.2014)

  • Sibylle Lewitscharoff bei der Buch Wien.
    foto: peter hautzinger

    Sibylle Lewitscharoff bei der Buch Wien.

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