Vom Wahlkampfkoffer in die "Echo-Kammer"

7. März 2014, 18:19
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Das Internet ist noch lange nicht wahlentscheidend. In Österreich dient es vor allem zur Mobilisierung der eigenen Anhänger

Der "Wahlkampfkoffer" der Volkspartei aus dem Jahr 1994 passt heute in jede Hosentasche. Damals wurde aus einem IBM Thinkpad (mit Farbdisplay), einem 28.8-bps-Modem, einem D-Netzhandy, einem Akku und einem Olivetti-Drucker ein mobiles Büro. Das ÖVP-Wahlkampfteam vermeldete per Aussendung, die ständige Erreichbarkeit. Nun könne man auf das Archiv der Austria Presse Agentur und den parteieigenen Server zugreifen und E-Mails verschicken. Das World Wide Web war 1994 im Wahlkampf angekommen, doch der Wahlkampf noch nicht im World Wide Web. Seitdem hat sich viel verändert, dennoch gilt: Wahlen werden offline gewonnen - oder verloren. "Man muss im Wahlkampf das dominante Medium dominieren. Es gab noch keinen österreichischen Wahlkampf, bei dem das dominante Medium das Internet war", sagt Stefan Bachleitner von der PR-Agentur Skills und Wahlkampfleiter von Heinz Fischer.

Offline-Wirkung

Wichtig bleibt die Übertragung in die analoge Welt. "Eine gute Kampagne hat immer Offline-Wirkung. Darum geht es ja", sagt der Wahlkampfexperte Yussi Pick. Derzeit werden Online-Kampagnen vor allem zur Mobilisierung von Anhängern verwendet. Um breiter von Online-Aktivitäten zu profitieren, müssen sich die Parteien ändern: "Österreichische Parteien machen sich keine Gedanken dazu, was sie von den Leuten wollen, außer, dass sie ein Kreuzerl machen. Dazu fehlt allen Parteien in ihrer Organisationsstruktur eine Öffnung, sie sind geschlossene Systeme", erklärt Pick.

Während sich die Oppositionsparteien leichter tun, fällt es den Regierungsparteien ÖVP und SPÖ bedeutend schwerer, online mit den Wählern zu kommunizieren. "Regierende Parteien haben mehr Möglichkeiten, sich in traditionellen Medien Gehör zu verschaffen. Deshalb sind Oppositionsparteien experimentierfreudiger", sagt Pick. Dies habe sich auch in den USA gezeigt. Besonders aktiv im digitalen Wählerkontakt: die FPÖ. Sie hat sich mit dem Facebook-Auftritt von Heinz-Christian Strache, ihrer Website, dem eigenen Internetfernsehkanal und einer Zeitschrift eine kleine Medienwelt aufgebaut. Für Pick ist diese "Wahrnehmungsblase" auch deswegen so erfolgreich, weil die FPÖ damit einen Safe Space für Menschen geschaffen hat, die so denken, wie die Freiheitlichen Politik machen. Dort werden sie wenige Gegenargumente hören.

Bachleitner sieht darin eine "Echo-Kammer", in der auch eigene Regeln gelten. "Der FPÖ-Funktionär, der Rechtsaußen-Sprüche postet, hilft nicht in der Öffentlichkeit. In seiner Blase verfestigt er aber ein Weltbild."

Kontrolle und Botschaft

Doch auch in Österreich wird der durch das Internet beeinflusst: Twitter habe über Journalisten auch eine meinungsbildende Komponente, sagt Bachleitner, im letzten Wahlkampf war das bei den Neos gut ablesbar: "Sie haben über eine Meinungsbilderstrategie eine Relevanz und Aufmerksamkeit erreicht, um in den Nationalrat einzuziehen." Auch manchem Regionalpolitiker gelingt es, so über eine Wahrnehmungsgrenze zu kommen. Auf der anderen Seite werde von Politikern durch die Online-Tätigkeit eine höhere Integrität der eigenen Persönlichkeit gefordert.

Ein Problem für die Parteien ist aber auch die mangelnde Kontrollierbarkeit von Kampagnen im Web. "Parteien haben den Zwang Botschaften zu kontrollieren und Dinge abzutesten. Das ist laut Pick "ein Ding der 90er-Jahre-Spindoktoren". Dabei ist die Sorge nur zum Teil begründet: "Wenn man eine starke Botschaft hat, dann muss man sich um die Message Control nicht so viel Sorgen machen."

Es herrscht ein Zwiespalt. Bachleitner: "Wir haben in Österreich in der Tendenz das etwas ambivalente Verhältnis, dass die Parteien nicht das volle Potenzial der sozialen Medien nutzen, aber gleichzeitig relativ übersteigerte Erwartungshaltungen davon haben, was mit sozialen Medien möglich sein könnte. Trotz dieser überzogenen Vorstellungen gibt es eine systematische Unternutzung." (Sebastian Pumberger, DER STANDARD, 8./9.3.2014)

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