"Es geht nicht um zwanzig Likes mehr"

7. März 2014, 15:53
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Peter Stöger, der Erfolgstrainer des 1. FC Köln, nutzt das Internet für seinen Beruf. Sein Interesse gilt dem Kontakt zu den Fans und Trainingsinhalten

Peter Stöger hat es gut erwischt. Just als er sich im August 2012 bei Facebook registrierte, begann sein Erfolgslauf als Trainer. So blieb ihm die mitunter garstige Seite der Fußballfans in sozialen Netzwerken bisher erspart, das Wort Shitstorm kennt er nur vom Hörensagen. Behutsam tragen Anhänger Ideen vor, die schärfste Kritik an der Arbeit des Wieners klingt dann so: "Sehr geehrter Herr Stöger, vielleicht sollte man nicht immer nur den Helmes auswechseln, sondern stattdessen mal den Ujah."

Der Trainer des 1. FC Köln schätzt den direkten Draht zu seinen rund 52.000 Fans: "Ich kann ihnen meine Sichtweise exakt darstellen, ohne auf die Medien angewiesen zu sein." Die vielfältigen Reaktionen im World Wide Web saugt er auf, ohne dabei das Augenmaß zu verlieren: "Das Feedback erfolgt rasch und ungefiltert, oft sind Lob oder auch Ärger in der ersten Emotion überzogen." Bei aller Wertschätzung der User wird Stögers Arbeit aber nicht durch sie beeinflusst, denn "für die letzte Entscheidung brauche ich kein Facebook. Es geht nicht um zwanzig Likes mehr."

Analysen und Blogs

Stöger konzentriert sich in seinen Mitteilungen auf das Kerngeschäft. Privates will er der Community nicht antun, "es interessiert ja niemanden, was ich gerade koche." Also spricht Stöger lieber über Gegner und Spiele. Dass die Fans in puncto Fachwissen aufgeholt haben, ist ihm bewusst. Im Netz zugängliche Analysen und Blogs haben den taktischen Verstand geschärft, "je mehr man über das Thema liest, desto besser wird man sich auskennen."

Von "einer Mischung aus situativer Offensivdreierreihe und einer typischen 4-4-2-Zweifach-Neun", wie Kölns Taktik auf spielverlagerung.de skizziert wird, möchte Stöger nicht sprechen. "Damit kann ich gar nichts anfangen. Diese Begriffe existieren in meinem Repertoire nicht. Es gibt Laufwege, Formationen, taktische Anweisungen. Aber man kann es auch kompliziert machen." Stöger hat es lieber einfach: "Sich mit wahnsinnig gescheiten Formulierungen in der Kabine zu profilieren wäre kontraproduktiv. Die Jungs müssen mich verstehen. Zum Glück bin ich nicht so gescheit."

Durchstöbern von Webseiten

Taktik-Blogs zählen nicht zu Stögers täglicher Lektüre, im Internet gilt sein Hauptaugenmerk anderen Bereichen: "Über Regionalmedien erhält man relevante Informationen über kommende Gegner, zum Beispiel wenn ein Spieler im Training nicht mitmachen konnte." Zudem ist Stöger "permanent am Durchstöbern von Webseiten über Trainingslehre und -abläufe." Man müsse allerdings sehr genau wissen, was und wo man sucht. Mehr will Stöger aber nicht verraten.

Die mittlerweile zu jedem Spiel verfügbaren Daten sieht Stöger gerne ein, will sie aber richtig interpretieren: "In welchem Bereich haben wir Ballbesitz? 80 Prozent am eigenen Sechzehner oder 30 Prozent im gegnerischen Strafraum? Das macht einen Unterschied." Ebenso sei das Zahlenmaterial bei Transfers mit Vorsicht zu genießen: "Statistiken sind dienlich, aber nichts geht über das Gesehene und einen persönlichen Kontakt."

Scouting

Gerade in Köln ist man Daten aber nicht abgeneigt. Das hauseigene SportsLab dient auch als Kontrollinstanz der Scouting-Abteilung, es erstellt Profile von Profis aus aller Welt. Auf diesem Weg wurde der Brasilianer Pedro Geromel ins Visier genommen. Wenig später galt er als einer der besten Verteidiger der Bundesliga. (Philip Bauer, DER STANDARD, 8.3.2014)

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  • Stöger schätzt den direkten Draht zu den Fans: "Ich kann ihnen meine Sichtweise exakt darstellen, ohne auf die Medien angewiesen zu sein."
    foto: apa/dpa/rolf vennenbernd

    Stöger schätzt den direkten Draht zu den Fans: "Ich kann ihnen meine Sichtweise exakt darstellen, ohne auf die Medien angewiesen zu sein."

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