Big Data: "Die Menschen haben das Vertrauen verloren"

Interview9. März 2014, 13:49
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Viktor Mayer-Schönberger fordert Regeln im Umgang mit großen Datenmengen

Standard: In Ihrem Buch "Big Data" schreiben Sie über die "schöne neue Datenwelt". Was ist so schön daran?

Mayer-Schönberger: Das ist eine Anspielung auf Brave New World von Aldous Huxley: Es gibt schöne Aspekte, aber auch tiefgreifende Veränderungen von dem, was Menschsein eigentlich bedeutet. Das Positive an Big Data ist, dass wir beginnen, die Wirklichkeit in ihrer Komplexität besser zu verstehen. Etwa im Gesundheitswesen: Wenn man sehr viel mehr Daten von jedem Menschen sammelt, könnte man in der Diagnose und Behandlung viel zielgerichteter sein.

Standard: Aber immer weniger Menschen sind bereit, ihre Daten herzugeben.

Mayer-Schönberger: Es muss viel stärker klargemacht werden, wie die Daten verwendet werden. Die Menschen haben das Vertrauen verloren, dass mit ihren Daten nur koschere Dinge gemacht werden.

Standard: Welche Maßnahmen könnten hilfreich sein?

Mayer-Schönberger: Das können gesetzliche Regelungen sein, Verhaltensänderungen von Unternehmen und ein Grundverständnis in der Politik für Big Data.

Standard: Gibt es dieses Verständnis in der österreichischen Politik?

Mayer-Schönberger: Was Big Data betrifft, hinkt die europäische Politik fünf Jahre hinter der Entwicklung in den Unternehmen her. In Österreich sind es fünfzehn Jahre.

Standard: Haben Sie Hoffnung, dass sich das ändert?

Mayer-Schönberger: Derzeit nicht, es ist noch keine kritische Masse vorhanden. Das ist tragisch. Jetzt ließen sich noch einfach Maßnahmen ergreifen. Ein späterer Rückbau der Infrastruktur ist schwieriger und kostspieliger.

Standard: Wo müsste die Politik ansetzen?

Mayer-Schönberger: Man muss in Europa beginnen, Österreich ist zu klein. Die Überlegungen, eine europaweite Datenschutzgrundverordnung zu machen, sind richtig und gut. Man muss verhindern, dass europäische Datenschutznormen aktiv unterlaufen werden. Allerdings ist der aktuelle Entwurf dazu im 20. Jahrhundert verhaftet und nicht im 21. Er legt immer noch das Hauptaugenmerk auf die Zustimmung der Betroffenen zur Datensammlung. Es ist jedoch unrealistisch, dass Betroffene zum Zeitpunkt der Datenerfassung eine informierte Entscheidung treffen können.

Standard: Wie soll der Bürger dann geschützt werden?

Mayer-Schönberger: Die Datenschutzbehörden müssten massiv aufgestockt werden - nur dann sind sie schlagkräftig genug. Ich stelle mir eine europäische Ombudsstelle vor, die den einzelnen Bürger vertritt.

Standard: Im Vergleich zu den Anfangszeiten des WWW klingt das alles sehr restriktiv.

Mayer-Schönberger: Dass das Internet frei war, ist ein Mythos. Das WWW vor 25 Jahren war vielleicht im Embryonalzustand, aber das Internet war etabliert, und viele Unternehmen wollten damals ein stärker reglementiertes und damit besser monetarisierbares Internet. Da haben wir eine vergleichsweise vorteilhafte Entwicklung erfahren.

Standard: Aber Tim Berners-Lee kampagnisiert ja gegen immer stärkere Restriktionen.

Mayer-Schönberger: Nun, TBL versucht Druck aufzubauen, um die Reglementierung und Regulierung von Informationsflüssen möglichst gering zu halten. Das ist freilich ein Defensivkampf, der am Ende nicht zu gewinnen ist.

Standard: Wenn Sie in die Zukunft blicken - kann Big Data überhaupt kontrolliert werden?

Mayer-Schönberger: An geraden Tagen denke ich ja, an ungeraden nein. Das ist für mich nicht mehr so wichtig, ich bin Mitte 40. Aber für meinen Sohn habe ich ernste Sorgen um seine Zukunft.

Standard: Was sorgt Sie genau?

Mayer-Schönberger: Ich habe Sorge, dass durch Big-Data-Analysen Vorhersagen falsch interpretiert werden und damit die menschliche Willens- und Handlungsfreiheit eingeschränkt wird und die Zukunft als etwas individuell Gestaltbares verlorengeht.

Standard: Was könnte man dagegen tun? Das Internet abdrehen?

Mayer-Schönberger: Nein, muss man nicht. Durch soziale und gesellschaftliche Regeln müssen wir klarmachen, dass jeder auch das Recht hat, sich gegen die Vorhersage zu entscheiden. Wenn meine Krankenversicherung sagt, ich darf kein rotes Fleisch essen, weil ich dann wahrscheinlich mit 63 einen Herzinfarkt habe, will ich trotzdem noch selbst entscheiden, ob ich dieses Steak jetzt esse oder nicht. Gerade in Zeiten knapper Kassen besteht aber die Gefahr, dass ein gesellschaftlicher Druck entsteht, diese Freiheiten nicht mehr wahrzunehmen. (Das Gespräch führten Rainer Schüller und Florian Gossy, DER STANDARD, 8.3. 2014)

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  • Viktor Mayer-Schönberger (47) ist Professor für Internet Governance in Oxford. Eine Rezension seines Buchs "Big Data" können Sie im ALBUM lesen.
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    Viktor Mayer-Schönberger (47) ist Professor für Internet Governance in Oxford. Eine Rezension seines Buchs "Big Data" können Sie im ALBUM lesen.

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