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Menschenzoo, Nahtoderfahrung im Gefängnis und der Tabubruch in der Fußgängerzone

7. März 2014, 10:00

Gesellschaftspolitisch relevante (Überlebens-)Themen stehen bei drei performativen Arbeiten im Vordergrund

Drei Produktionen des diesjährigen donaufestival, das sich in seiner zehnten Ausgabe vermehrt essentiellen gesellschaftspolitischen (Überlebens-)Themen widmet, tragen ein nicht unerhebliches Potential an Sprengstoff in sich: der spanische Künstler Santiago Sierra setzt Häftlinge der Justizanstalt Stein einer kathartischen Nahtoderfahrung aus, der niederländische Performance- und Installationskünstler Dries Verhoeven stellt in bewegten Bildern mit lebenden Menschen zehn Abweichungen von der Norm in der Kremser Fußgängerzone aus und God's Entertainment errichten nach der medial wie politisch heftig diskutierten Hamburger Premiere ihren zweiten Menschenzoo in den Messehallen von Krems.

Die ökonomische Spielart des Sadismus

"Meine Arbeit ergreift Partei für das vom Kapitalismus zerstörte Leben. Und Kapitalismus ist für mich die ökonomische Spielart des Sadismus", sagt Santiago Sierra, und er meint es ernst! Weltweit erhitzen sich die Gemüter angesichts seiner Arbeit, die mit drastischen Mitteln die strukturelle und institutionalisierte Gewalt von wirtschaftlichen und politischen Systemen gegen das Individuum thematisiert. So bezahlte er in der Performance »250 cm line tattooed on 6 paid people« sechs jungen Kubanern 30 Dollar um sich nebeneinander stehend eine durchgehende Linie in den Rücken tätowieren zu lassen, 2003 ließ er den Eingang des spanischen Pavillons bei der Biennale von Venedig zumauern und gewährte nur InhaberInnen eines spanischen Passes über einen Hintereingang Einlass ins leere Gebäude, in Deutschland leitete er Autoabgase in eine Synagoge, im Folkwang Museum in Essen ließ er Kriegsveteranen gegen den Wände starren. In The Krems Project (Arbeitstitel) wird Santiago Sierra mit Häftlingen der Justizanstalt Stein Sessions mit einer von Ärzten und Psychiatern entwickelten Lampe namens Lucia No 3 durchführen, die ähnlich wie bei Nahtoderfahrungen oder der Einnahme des südamerikanischen Ayahuasca-Gebräu, die Ausschüttung von körpereigenen Dimethyltryptamin (DMT) bewirkt. Wie sich die dadurch erzeugten enormen Glücksgefühle und die damit verbundene kathartische Wirkung auf die Insassen des "Felsen", wie das Gefängnis unter seinen Bewohnern genannt wird, auswirken wird, lässt sich dann am 25. und 26.4. in der Kunsthalle Krems überprüfen.

Abweichungen von Norm und Regel

Wenn Santiago Sierra das ambivalente Gedankenspiel nahe legt, Menschen, die wesentliche Tabus gebrochen haben, durch eine kathartische Erfahrung wieder "normen" zu können, dann geht Dries Verhoeven den umgekehrten Weg: zehn Tage lang, von 25.4. bis 4.5., stellt er mit lebenden Menschen in bewegten Bildern zehn Tabubrüche, zehn Abweichungen von Norm und Regel aus. Der öffentliche Raum unserer Tage ist von Bildern geprägt, die uns beruhigen. Marken halten uns in diversen Schaufenstern und auf Werbeflächen die schönere, glücklichere Version von uns selbst vor. Kommerziell geprägte Idealbilder von Glück, Schönheit und Erfolg sollen so unser Konsumverhalten anregen, aber sie prägen sich auch in unser Unterbewusstsein ein und beeinflussen unser Selbstbild.

Bilder und Menschen, die Unvollkommenheit und Schwäche symbolisieren, sind weitgehend aus der öffentlichen Erscheinung verbannt, reale wie irreale Ängste und ihre Bilder haben im kommerziellen, sedierten Bild öffentlicher Wahrnehmungen keinen Platz. In Ceci n ́est pas... zeigt Verhoeven eben diese aus der Öffentlichkeit verdrängten Bilder von Unvollkommenheit und Schwäche, von Tabus und Ängsten. Erinnerungen an Vanitas-Still- leben tauchen dabei ebenso auf wie jene an Freakshows, in denen vor noch nicht allzu langer Zeit Menschen, die von der Norm abwichen, ausgestellt wurden, um ihren BegafferInnen das Gefühl von Normalität zu geben. Doch wenn Verhoeven Bilder, die im öffentlichen Leben vom Aussterben bedroht sind, in Vitrinen "konserviert" und so wieder ins allgemeine Gedächtnis ruft, dann trägt er dazu bei, dass irreale Ängste und ihre Ikonen ihre negative Kraft durch das Nachdenken über sie verlieren. Ohne moralisch zu sein, bringt er "die DNA unserer Zeit ins Bild".

Überdimensionierte Sozialplastik

Nach Schlingensief gab es wohl kaum einen derartigen Theaterskandal wie jenen rund um den Human Zoo der Performance-Rabauken God's Entertainment auf Kampnagel in Hamburg. Politische Parteien, Medien, Religions- und Menschenrechtsorganisationen wie auch Privatpersonen fühlten sich gleichermaßen berufen, Kommentare zur Performance- Installation in den Äther zu posaunen. Ungewollt erschufen sie damit eine (mediale) Sozialplastik von gigantischer Dimension. Dabei bestätigen und verstärken God's Entertainment bewusst alle Klischees der BetrachterInnen, indem sie echte Menschen in echte Käfige stecken. So initiieren sie den Prozess des Aufbrechens des Stereotypen- Kreislaufs.

Freilich handelt es sich um Randgruppen, die ja traditionell vom gesellschaftlichen Mainstream im Grauzonen-Bereich der Abgrenzung zwischen Mensch und Tier (man denke an SchwarzafrikanerInnen, die noch um 1900 in Hagenbecks Tierpark in Hamburg ausgestellt wurden oder an Freakshows auf den Jahrmärkten) angesiedelt waren. Während des gesamten donaufestival werden God's Entertainment in Krems neue, frische menschliche Randgruppen ausstellen, garantiert artgerecht gehalten! Überzeugen Sie sich selbst, wie Gitterstäbe gesellschaftliche Barrieren gleichermaßen verdeutlichen wie einreißen können.

 25. - 26.04.

Santiago Sierra: THE KREMS PROJECT

25.04. - 04.05.

Dries Verhoeven: CECI N 'EST PAS...

25. - 26.04. & 30.04.- 03.05.

God's Entertainment: HUMAN ZOO


Weitere Informationen:

donaufestival 2014
10 years redefining arts
25. - 26. April & 30. April –03. Mai
Krems a.d. Donau/Austria
Mehr Infos: www.donaufestival.at

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    foto: god‘s entertainment © frank egel
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    foto: dries verhoeven © willem popelier
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