Prozess in Wien: Raub, Drogendeal oder gar nichts

7. März 2014, 17:00
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Vier junge Männer sollen einem 18-Jährigen in einer U-Bahnstation 50 Euro geraubt haben. Die Sache ist etwas mysteriös, ein Zeuge muss zugeben, gelogen zu haben

Wien - Dass sich ein Schöffensenat bei einem Raubprozess zwischen drei völlig unterschiedlichen Versionen entscheiden muss ist ungewöhnlich. Beim Verfahren gegen Dionis M., Adauris A., Joseph C. und Miguel H. stehen Vorsitzende Daniela Zwangsleitner und die beiden Laienrichter vor diesem Problem.

Entweder der Erstangeklagte M. hat Luca S. in der U-Bahnstation Margaretengürtel gegen die Wand gedrückt, ihn bedroht und 50 Euro geraubt. So schildert S. es. Oder aber es handelt sich quasi um einen Betrug bei einem Drogendeal, wie A., der Zweitangeklagte, erzählt. Oder es ist überhaupt nichts passiert, wie die drei anderen behaupten.

Sicher ist, dass sich der Vorfall gegen 8 Uhr früh am 1. November zugetragen hat. Alle vier Angeklagten, zwischen 20 und 27 Jahre alt, sagen, sie seien in der U-Bahnstation Schottenring von S. angesprochen worden, der vom Erstangeklagten Marihuana kaufen wollte.

Mehrmals nach Drogen gefragt

A. sagt, er habe erklärt, er hätte keine Drogen, im Zug sei er von S. aber nochmals darauf angesprochen worden. Gemeinsam stieg man am Margaretengürtel aus, vielleicht habe man mit S. und seinen beiden Begleitern auf dem Weg zum Ausgang noch kurz geredet. Dann seien er und die Mitangeklagten in seine Wohnung gegangen.

Gänzlich anderes erzählt es der Zweitangeklagte. S. habe die Gruppe am Schottenring auf Drogen angesprochen, er habe gesagt, er könnte etwas besorgen. Er rief mehrmals seinen Dealer an, der aber nicht abhob. Am Margaretengürtel habe M. dann mit S. geredet, worüber wisse er nicht. Aber in der Wohnung habe M. dann einen 50-Euro-Schein aus der Hose gezogen und gesagt: "Das habe ich vom Jungen bekommen." Was nahe legt, dass das Opfer Drogen kaufen wollte und betrogen wurde.

Da A. nun plötzlich den Erstangeklagten belastet, geraten sich die Verteidiger Christian Werner und Astrid Wagner in die Haare. Werner will wissen, warum er bei der Polizei noch davon gesprochen habe, es sei überhaupt nichts passiert. "Ich wollte nicht einen Bekannten beschuldigen", antwortet A. und betont: "Das war ein Fehler."

Weiter Umweg für Zigaretten

Dann wird es interessant. Denn Luca S. ist zum Verdruss der Richterin die ganze Zeit neben seinem Anwalt gesessen und hat die Aussagen der Angeklagten gehört. Dass er Drogen kaufen wollte, weist er kategorisch zurück. "Wir waren in einem Club, und wollten in der Früh noch zu einem privaten Fest fahren." Zunächst fuhr die Gruppe allerdings in die entgegengesetzte Richtung. "Wir wollten uns am Schottenring Zigaretten kaufen."

Aufgefallen seien ihm die Angeklagten erst in der U-Bahn, wo sie unangenehm laut sprachen und eine Frau belästigten. Am Margaretengürtel sei er auf der Treppe schließlich vom Zweitangeklagten angesprochen worden: "Wir hatten einen kurzen Smalltalk und er hat mich nach Kleingeld gefragt." Plötzlich habe ihn der Erstangeklagte mit der Hand gegen die Wand gedrückt und Geld gefordert. Wie weit die anderen entfernt waren, könne er nicht sagen. "Aber ich glaube, dass Sie nachvollziehen können, dass ich mich umzingelt gefühlt habe", erklärt er der Vorsitzenden.

Erfolglos verfolgt

"Ich hatte Angst. Sie waren in der U-Bahn schon aggressiv und ich wusste ja nicht, ob sie bewaffnet waren. Es sind schon Leute für weniger als 50 Euro erstochen worden." Anschließend seien die Angeklagten weggerannt, er und seine Freunde erfolglos hinterher, schließlich habe man die Polizei verständigt.

Daniel Craig V. ist einer der Freunde von S. und sagt selbstsicher und, zum wachsenden Unmut Zwangsleitners, heiter aus. Auch er beteuert, dass nie von Drogen die Rede war, in der U-Bahn seien ihm die Angeklagten nicht aufgefallen. "Am Margaretengürtel wurde Luca von den Herren umstellt, einer hat ihn dann gegen die Wand gedrückt." Während er bei der Polizei noch ausgesagt hat, er habe die Geldforderung gehört, sagt er nun, dass sei sein Schluss gewesen.

"Guess und Estimate"

Die Geldübergabe habe er aber ganz sicher beobachtet. "Was für ein Geldschein war es denn", bohrt Verteidiger Werner. Der Zeuge rudert zurück. "Ich habe die Übergabe von einem sehr leichten Objekt gesehen. Es war ein Guess und ein Estimate, das es ein Geldschein ist."

Auf weitere Nachfragen Werners verstrickt sich V. immer mehr in Widersprüche. "Haben Sie überhaupt etwas selbst gesehen oder ist Ihnen alles erst nachher erzählt worden?", fragt ihn der Verteidiger konkret. V. schweigt. "Ja oder Nein?", verlangt Vorsitzende Zwangsleitner eine Antwort. V. schweigt weiter. Und muss schließlich zugeben: "Ich habe nur gesehen, dass die Angeklagten zusammen weggelaufen sind."

Leo K., der nächste Zeuge, ist erst in der Station Karlsplatz in die U-Bahn eingestiegen. Er kennt ein Mitglied der Gruppe um S. vom Sehen, grüßte und beschäftigte sich mit seinem Handy. Die Angeklagten seien ihm im Zug unangenehm aufgefallen, er habe sich aber nicht weiter darum gekümmert.

"Leichte Rempelei"

"Am Margaretengruppe ist bei der Treppe dann eine Menschengruppe gestanden, einer an der Wand, die anderen um ihn herum. Es ist diskutiert worden und es gab eine leichte Rempelei. Den weiteren Verlauf habe ich aber nicht verfolgt."

Erst als die Angeklagten wegliefen sei ihm das verdächtig vorgekommen. Er fragt S., ob er helfen könne, "er hat einen schockierten Eindruck gemacht". Als er von dem mutmaßlichen Raub erfuhr, sei er den Angeklagten noch nachgelaufen, man habe sie aber aus den Augen verloren.

Zur Ladung eines erkrankten Zeugen vertagt Zwangsleitner schließlich auf den 31. März. (Michael Möseneder, derStandard.at, 07.03.2014)

  • Drei Angeklagte leugnen, einer gesteht - aber nicht den Raub, der dem Quartett vorgeworfen wird.
    foto: apa/herbert neubauer

    Drei Angeklagte leugnen, einer gesteht - aber nicht den Raub, der dem Quartett vorgeworfen wird.

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