24 Stunden ohne alles

9. März 2014, 09:00
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Offline gehen: Unsere Autorin Andrea Maria Dusl hat es gewagt und beschreibt ihr freiwilliges Blackout

11.27 Ich beschließe, es jetzt zu machen, ohne Vorbereitung. Mein freiwilliges Blackout wird 24 Stunden dauern und alle Sorten des Onlineseins betreffen. E-Mail, Twitter, Gesichtsbuch, das Internet. Den Strom abzuschalten und damit eine sehr unmittelbare, existenzielle Form des Onlineseins zu kappen, verbiete ich mir dann doch. Im Tiefkühlfach liegen Sachen. Der Strom bleibt an.

11.37 Ich kann nicht mehr zurück. Lächerlich, denke ich mir, was ich da mache. Lächerlich allerdings auch, das lächerlich zu finden. Beim Stichwort "lächerlich" denke an die Standard-Kommentar-Trolle und dass ich sie 24 Stunden lang nicht lesen werde. Wieso fallen mir jetzt diese Dolme ein? Gehen sie mir schon ab?

11.44 In 16 Minuten beginnt das Mittagsjournal. Radio. Aber halt. Ich habe kein Radiogerät. Ich höre Radio übers Handy. Online. Geht also nicht. Werde ich Radio über Telekabel hören. Die haben Radiokanäle. Nochmal halt. Telekabel ist Online. Die Mutter allen Onlineseins. Wo ist das Radio? Mein kleines süßes ITT-Schaub-Lorenz-Retro-Radiogerät? Auf dem Land. Warum ist es auf dem Land? Weil ich dort kein Internet habe. Weil dort ein Handy-Funkloch klafft. Ich könnte mich in den Wagen setzen, denke ich, und dort Radio hören. Das gute alte Kurzwellenradio. Im Sinne meines Selbstversuchs wäre ich dabei offline. Soll ich das machen? Ich könnte. Wo sollte ich hinfahren? Ins Funkhaus. Dorthin, wo das Radio gemacht wird. Auf dem Weg könnte ich Radio hören. In der Radiokantine einen Tee trinken, dabei das Mittagsjournal hören (die werden ja Radio haben) und so das Offlinegebot umgehen. Gute Idee. Geht aber nicht. Ich müsste einen Handyparkschein lösen. Das wäre ein Onlinevorgang. Wäre es nicht, denkt es in mir, die Handypark-App kommuniziert per SMS. Das ginge. Telefonieren ist erlaubt. Telefonieren ist Oldschool.

11.57 Ich bin in die Falle gelaufen. Habe aufs Twitter-Icon geklickt. Ohne mir dessen bewusst zu sein. Beim zweiten Tweet erst bemerkt, dass ich Tweets lese. He! Das geht nicht, sage ich mir, Du musst auch deine Automatismen abschalten. Ich drehe das Mailprogramm ab. Und den Browser. Ich merke, dass mir dazu die Begriffe fehlen. Was heißt abdrehen? Heißt das so? Wer dreht das Internet ab? Man schaltet den Rechner aus. Niemand schaltet das Internet ab. Am iPhone bin ich weiterhin online. Nada. Ich darf nicht. Ich schalte das Handy offline. Absurd.

12.06 Das Handy läutet. Ich zucke zusammen. Darf ich rangehen? Ich muss tatsächlich überlegen. Ist Handyfonie eine Onlineaktivität? Läuft das Gespräch übers Netz? Nein. Ich hebe ab. Puh.

13.28 Ich lebe noch. Soll man wissen, da draußen.

15.03 Habe zwei Telefonate geführt. Sie dauerten länger als sonst. Ich war nicht abgelenkt. Ich hatte Zeit fürs Telefonieren. Falls in der Welt was Entscheidendes passiert, wird man mich anrufen. Ist es so schlimm um mich bestellt? Kann ich keine drei Stunden ohne Information leben?

15.14 Auf dem Weg zur Kaffeemaschine habe ich gedankenlos den Computer aus dem Schlaf gerissen. Wollte offenbar sehen, ob neue Mails reingekommen sind. Einem Automatismus folgend, an dem das "Ich" als Instanz nicht beteiligt war. Nicht "ich" wollte sehen, ob neue Mails hereingekommen sind, "etwas in mir" wollte das. Ich erinnere mich daran, wie das war, als ich zu rauchen aufgehört habe. Da war der Griff zur Zigarettenschachtel auch so ein Automatismus, der mir erst durch das Fehlen der erforderlichen Objekte bewusst wurde. Ist "Onlinesein" eine Sucht? Sind Nachrichten ein Kick? Egal welche? Mails, Tweets, Facebook-Statusmeldungen? Standard-Onlineforum-Trolltrottelpostings? Geht es hier um Sucht?

15.19 Ich fühle, mehr Zeit zu haben. Paradox. Es ist auch ruhiger im Atelier. Es ist wie Urlaub. Nein, besser. Im Urlaub war ich online.

15.28 Schon wieder automatisiert zum Computer gegangen, um "nachzusehen" . Es gibt nichts nachzusehen. Ich werde spazieren gehen. Die Sonne scheint.

16.17 Im Stadtbefindlichkeitsblatt lese ich einen Artikel über einen Fahrradhändler, der Räder mit dicken Reifen verkauft. Leider steht nirgends die Adresse. Normal würde ich jetzt "Fette Bikes Simmering" googeln und mehr wissen. Aber jetzt ist nicht normal. Jetzt ist offline.

16.18 Vielleicht hat mir jemand gemailt. (Oder sagt man e-gemailt?) Ich schwanke zwischen sicher und sehr sicher. Vielleicht würde ich aber nur auf den üblichen Spam treffen. Vermisse ich jetzt den Spam auch schon? Ja, ich vermisse auch den Spam.

16.22 Ich habe viel zu viel Zeit. Ich könnte jetzt spazieren gehen. Ich muss nichts in Erfahrung bringen. Vielleicht ist unterwegs die eine oder andere Schlagzeile aufzufangen. Was macht die Ukraine? Was macht die Laura-geht-nach-Stanford-Debatte? Was gibt es Neues? Mir fällt Heinz Conrads ein. Und das ist gut so.

17.28 Um halb sieben kommt meine Freundin Ulli. Wir müssen das Drehbuch durchgehen. Die Fassungen stimmen nicht überein. Ich habe keine Kohle im Haus für den Chinesen. Für dann, wenn wir Hunger haben. Darf ich zum Bankomaten gehen? Ist ein Bankomat online? Ich entscheide: Der Bankomat hängt an einer Art Telefonnetz. Egal woran er wirklich hängt. Telefonieren ist erlaubt, sage ich mir, also ist auch der Bankomat erlaubt. Vielleicht gibt es unterwegs Neuigkeiten.

18.36 Zurück vom Bankomaten. Mit meiner Freundin Karin telefoniert. "Was, E-Mail auch?", "E-Mail auch!" war der Sukkus unseres Gesprächs. Meine Erkenntnis: Andere haben andere Vorstellungen vom Netz. Im Postkastel (dem realen, unten im Erdgeschoß des Wohnhauses) lag ein Brief. Unfrankiert, an mich gerichtet, mit einem Logo versehen: Wiener Netze. Im Kuvert eine einfache Botschaft: Ich möge doch bitte den Zählerstand von "Strom" und "Gas" ablesen und in die jeweils danebenstehenden "Kästchen" eintragen. Strom, Gas, die Wiener Netze. Ich bin froh, dass die Netze nicht zum Netz gehören. Zumindest nicht im Sinne dieser Geschichte hier. Duschen wäre dann mal heute nicht. Schreiben nur mit Bleistift und Papier. Im Lichte einer Kerze. Ich habe keine Kerzen. Sind zu Weihnachten abgebrannt.

23.30 Freundin Ulli ist gegangen. Den Chinesen konnten wir mit dem Handy erreichen. Fast war ich stolz: Ullis Handy ist nicht internetfähig. Die Zeit verging im Flug. Einmal hätte ich was im Internet nachschauen wollen. Das hat dann Ulli von ihrem iPad aus gemacht. Ich versuchte, nicht zuzuschauen. Mein Über-Ich überfiel mich dennoch mit einer Ladung schlechten Gewissens. Hätte mir vor zwanzig Jahren jemand aus der Glaskugel vorlesen sollen: "Ich sehe, du schämst dich, weil deine Freundin neben dir ins Internet einsteigt." "Bitte was?", hätte ich gesagt.

00.18 Ich habe keine Lust auf Netz. Ich habe vergessen, dass es Internet gibt. Vergessen, was E-Mails sind. Twitter? Zuckerberg? Google? Im warmen Bettchen werde ich ein Buch lesen. Ein gutes altes Buch. Ich könnte auch fernsehen. Nein. Könnte ich nicht. Fernsehen kommt aus dem Kabel. Kabel ist Online. Borgen könnte ich schauen, auf DVD, die dritte Sendung der zweiten Staffel. Es gibt ein Leben jenseits des Internets. Der Computer fühlt sich irgendwie sauberer an. Ja doch, sauberer. Wie wird das morgen früh sein? Ohne Netz? Ich habe seit zehn Jahren nicht offline gefrühstückt. Panik.

00.34 Die Zeit steht still. So fühlte sich Lemberg an, als ich 1903 dort war. Alles still. Sogar die Droschkenpferde schliefen.

01.26 In Borgen (die Fernsehserie über Politiker und Nachrichtenmacher) hängen alle im Internet herum. Alle wissen alles. Niemand ist glücklich.

09.32 Erstmal das Mailprogramm wegklicken (es fährt ja automatisch hoch), und den Browser. Ich verspüre die Versuchung nachzusehen, wie viele ungelesene Mails auf mich warten. Was sich in der Welt tut, das interessiert mich momentan Nüsse. Das E-Mail-Programm hat sich aufgehängt. Meinetwegen? Meinetwegen.

09.41 Erste Hochrechnung der Gefühle: Ich habe Zeit wie Heu. Alles riecht besser. Die Welt um mich existiert. Mein Rechner fühlt sich wie ein Werkzeug an und nicht wie eine Spielhalle.

11.13 Einen Berg Geschirr abgewaschen. Vom Gefühl wie Surfen. Dreckige Töpfe putzen ist viel befriedigender als das Löschen des Spams. Mir geht also nichts ab.

11.27 Ich war jetzt 24 Stunden offline. Sollte ich was versäumt haben, so fehlt es mir zumindest nicht. Ich könnte jetzt wieder online gehen. Könnte ich. Es eilt nicht. Die Sonne scheint. (Andrea Maria Dusl, Album, DER STANDARD, 8./9.3.2014)

  • Andrea Dusl: "Mein freiwilliges Blackout wird 24 Stunden dauern und alle Sorten des Onlineseins betreffen. E-Mail, Twitter, Gesichtsbuch, das Internet. (...) Im Tiefkühlfach liegen Sachen. Der Strom bleibt an."
    foto: cremer

    Andrea Dusl: "Mein freiwilliges Blackout wird 24 Stunden dauern und alle Sorten des Onlineseins betreffen. E-Mail, Twitter, Gesichtsbuch, das Internet. (...) Im Tiefkühlfach liegen Sachen. Der Strom bleibt an."

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