Keine Diskriminierung mit Berufung auf Christus

Kommentar der anderen6. März 2014, 18:18
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In der Debatte um das Adoptionsrecht für Homosexuelle funktioniert die österreichische "Ja, aber"-Haltung nicht. Und auch das Christentum taugt nicht als Argument gegen Gleichstellung.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet jener Mann, der seinen Amtseid mit einer konservativ anmutenden Formel geleistet hat, nun plötzlich das in den letzten Jahren tief vergrabene liberale Fähnchen der ÖVP hochhält. Doch was geschieht? Die SPÖ versucht sich im politischen Kleingeldsammeln, während die ÖVP auf "drei Affen" (nichts sehen, hören, sagen) macht und etwas von "Privatmeinung" stammelt. Vergessen wird über der wenig ergiebigen Diskussion, ob dies nun für die eine oder andere Partei Stimmen bringen oder dieselben in Gefahr bringen könnte, dass es hier um ein enorm wichtiges Thema geht (was auch jene, die sogleich fragen, ob denn Österreich keine anderen Probleme habe, billiger Taschenspielertricks entlarvt).

"Ja, aber" -Prinzip

Gleichstellung wird in Österreich seit jeher lieber nach dem "Ja, aber" -Prinzip verfolgt. Frauen in Führungspositionen? Ja, aber ... nur wenn sie qualifiziert sind (womit unterstellt wird, dass erstens Frauen nicht qualifiziert seien und zweitens die Qualifikation von Männern in jedem Fall vorausgesetzt wird). Frauen im Pfarramt? Ja, aber ... nur wenn sie zölibatär leben oder, ärztlich attestiert, unfruchtbar sind (so die evangelische Kirchenleitung im Jahr 1966; es sollte noch anderthalb Jahrzehnte bis zur tatsächlichen Gleichstellung dauern).

"Achtung, Mitleid [!] und Takt"

Homosexuelle Partnerschaft? Ja, aber ... nur wenn sie nicht "Ehe" genannt wird und wenn "diese Menschen" keine Kinder adoptieren dürfen (die "Stiefkindadoption" wurde im vergangenen Jahr auf Druck des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte beschlossen). Homosexuelle Menschen? Ja, aber ... es ist ihnen mit "Achtung, Mitleid [!] und Takt" (Katechismus der katholischen Kirche 2358) zu begegnen und ihre sexuellen Handlungen "in keinem Fall zu billigen" (KKK 2357).

Nun wird Andrä Rupprechter vorgeworfen, seine Ansichten stünden der Lehre (!) der Heiligen Schrift diametral entgegen ("Rupprechter schwimmt im Mainstream", der Standard vom 5. 3. 2014). Genau, und deshalb glauben wir auch, dass der Hase ein Wiederkäuer (Lev 11,6) und Sklaverei eine völlig normale Sache ist (z. B. Ex 21; Lev 25; Eph 6,5). Oder doch nicht?

Christlich gesprochen:

Vielmehr gilt es hier zu unterscheiden zwischen zeitgebundenen und theologischen Aussagen. Zeitgebundenes spiegelt das Wissen der jeweiligen Zeit wider und ist darum notwendig Veränderungen unterworfen. Theologische Aussagen erschließen sich oft nicht umstandslos, sondern bedürfen der Auslegung, die, christlich gesprochen, im Lichte der Botschaft von der Menschfreundlichkeit Gottes zu suchen ist. Jenen, die hier auf einschlägige Bibelstellen verweisen möchten, sei gesagt: "Es gibt im Grunde nur zwei Arten des Umganges mit der Bibel: Man kann sie wörtlich nehmen, oder man nimmt sie ernst. Beides zusammen verträgt sich schlecht" (Pinchas Lapide). "Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig" (2Kor 3,6).

Apartheidsfrage unserer Tage

"Homophobie", so zitiert der Theologe und Ethiker Peter Dabrock die aus Kamerun stammende Menschenrechtsaktivistin Alice Nkom, "die Abneigung gegen Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, ist die Apartheidsfrage unserer Tage." Und Dabrock weiter: "So wie sich die Kirchen aus guten Gründen vor Jahrzehnten ganz vorn gegen Rassenhass eingesetzt haben, müssen sie heute deutlich machen: Niemand darf sich auf den christlichen Glauben berufen, wenn er Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verurteilt." Österreich wäre gut beraten, dies ernst zu nehmen und nicht mit Versatzstücken aus der christlichen und gesellschaftspolitischen Mottenkiste weiterhin Gleichstellung mit einem "Zwei-Klassen-System" der Marke "Ja, aber" zu verwechseln. (Martin Fischer, DER STANDARD, 7.3.2014)

 

 

Martin Fischer lehrt Evangelische Theologie und Geschlechterforschung an der KPH Wien/Krems.

  • Adoption und Homosexuelle: "Die Abneigung gegen Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, ist die Apartheidsfrage unserer Tage." Foto: Picturedesk
    jens kalaene / dpa / picturedesk

    Adoption und Homosexuelle: "Die Abneigung gegen Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, ist die Apartheidsfrage unserer Tage." Foto: Picturedesk

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