"Das sind Menschen, das andere ist Politik"

Reportage6. März 2014, 17:42
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Bei Amerikanern und Kanadiern ist die Hölle los, in den Hallen, wo die Ukraine und Russland ausstellen, bleibt der Sekt eingekühlt

Russland und die USA sind keine fünf Meter voneinander entfernt, getrennt durch einen mit grauem Filz ausgelegten Mittelgang. Während die Amerikaner mit ihren Gästen am Stand von Big Apple Brooklyn Lager trinken und Hotdogs mit getrocknetem Zwiebelzeugs und Senf verdrücken, geht es auf der anderen Gangseite ungewöhnlich nüchtern zu: kein Borschtsch, kein Wodka, kein Lärm. Und Krim-Sekt ist auch keiner weit und breit zu finden. "Wir haben schon mehr gelacht", sagt Alexej Michailow, und krault sich seinen Ivan Rebrow-Bart.

Michailow hat die besten Jahre schon hinter sich. Er erinnert sich im Standard-Gespräch an Zeiten, als Intourist noch alles, Gruppenreisen quasi Pflicht und Einzelreisende zumindest suspekt waren in der früheren Sowjetunion. Und getrunken habe man damals auch mehr. "Viel mehr als die da", sagt Michailow. "Das ist besseres Wasser, kein Bier", sagt er und zeigt zu den Amerikanern.

Michailow arbeitet für Sputnik, einen Reiseveranstalter mit Büros in Moskau und Irkutsk. Er selbst ist an den Ufern des Baikalsees groß geworden. Auf der Messe in Berlin war er schon oft. "Aber so wie heuer ..., das tut weh."

Während bei den Amerikanern, die mit Kanada die linke Hälfte der Halle 2.1 am Berliner Messegelände mit Ständen, Plakaten und Multimedia ausfüllen, am späten Nachmittag die Hölle los und an ein Durchkommen kaum zu denken ist, kann man Russland, Weißrussland und die Ukraine in Schlittschuhschritten durchschreiten, ohne jemandem auf die Füße zu steigen. Es gibt viel Platz, wenig Leute und stapelweise Prospekte, die am Sonntag, wenn die weltgrößte Tourismusmesse ITB zu Ende geht, zum Großteil wohl wieder mitgenommen werden müssen.

Abgekühlte Stimmung

Die Aufstellung der Stände war nicht mehr zu beeinflussen, zu abrupt hat Russlands Wladimir Putin Fakten geschaffen auf der Krim. Der Sekt bleibt eingekühlt, die Stimmung auch.

Die Halbinsel Krim ist in der Halle 2.1 mit eigenen Ständen vertreten. Einer wird vom offiziellen Tourismusverband bespielt, auf den anderen werben diverse Kur- und Gesundheitseinrichtungen um Gäste. "Heuer wird ein schlechtes Jahr, egal was noch passiert". Alina M. ist 25, auf der Krim geboren und das erste Mal in Berlin. "Ich liebe mein Land", sagt sie. Die Arbeit im Incoming-Reisebüro, für das sie arbeitet, mache Spaß. Der Umgang mit Menschen aus anderen Ländern sei spannend. Auch Gäste aus Österreich habe sie schon betreut. "Mit den Russen habe ich kein Problem. Seit ich denken kann, war ich mit Russen zusammen und habe viele Freundschaften. Dass die Krim aber wieder russisches Territorium wird, das kann und will sie sich nicht vorstellen. "Ich sehe meine Zukunft und die vieler meiner Freunde in der EU", sagt sie.

Ein paar Schritte weiter verteilt ein etwa 40-Jähriger Prospekte an die wenigen vorbeigehenden Besucher. Er steckt in einem traditionellen Gewand der Kiewer Rus - roter Umhang mit orange bestückter Bordüre an Ärmeln und Saum, der mit einem Stoffgürtel zusammengehalten wird, rote, wallende Hosen und eine pelzgesäumte Mütze. Chubiy Dmitry ist der Tourismusverantwortliche für den Kiewer Rus Park, ein kulturell-historisches Zentrum zur Erinnerung an den ersten ukrainischen Staat. "Eine schwierige Situation ist das", sagt er.

Es gibt verschiedene Deutungen und Auslegungen, was den Kiewer Rus betrifft, je nach dem ob sie von einem Russen oder einem Ukrainer erzählt wird. Ob er nach dem, was auf der Krim vorgefallen ist, noch mit den Russen an den Nachbarständen spreche? "Aber klar doch", sagt Dmitry. "Das sind Menschen, das andere ist Politik."

Vor einem Jahr sei er auch hier gewesen. "Da waren wir räumlich noch etwas näher", sagt Dmitry. Tatsächlich sind es fünf Schritte vom Stand mit der Aufschrift "The Cultural and Historical Center 'The Kievan Rus Park'" zum Platz, wo sich die Region Altai präsentiert. Der Altai ist ein bis zu 4506 Meter hohes mittelasiatisches Hochgebirge im Grenzgebiet von Kasachstan, Russland (Sibirien), der Mongolei und China. Es erstreckt sich über rund 2100 km Länge vom Quellgebiet der Flüsse Irtysch und Ob in Südsibirien bis in die Trockenregionen Xinjiangs und zum ostmongolischen Hochplateau. Teile davon sind Weltnaturerbe der Unesco.

"Die Wahrheit liegt in der Mitte", meint Julia Petrova. "Keine der beiden Seiten hat hundertprozentig recht". Petrova arbeitet für Mir Travel, einen Reiseveranstalter. "Mir" heißt Frieden. "Beide Seiten müssen vernünftig werden", sagt sie beinahe beschwörend.

"Ukraine loves you", schreit es von einer Plakatwand. Daneben ist ein Foto in XXLarge appliziert, das eine Luftaufnahme vom Maidan in Kiew zeigt, vollgestopft mit Menschen. Kateryna I. war nicht am Maidan. (Günther Strobl aus Berlin, DER STANDARD, 7.3.2014)

Die Reise erfolgte auf Einladung der Österreich Werbung.

  • Kein Borschtsch und kein Wodka. Die Amerikaner boten Bier an.
    foto: epa

    Kein Borschtsch und kein Wodka. Die Amerikaner boten Bier an.

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