Causa Stiefelkönig könnte Bawag-Banker einholen

6. März 2014, 17:20
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Fast sechs Jahre nach dem Ersturteil in der Causa Bawag könnte es wieder zu einer Anklage kommen: Es geht um Kredite und angebliche Bevorzugungen

Wien – Die Causa Bawag, längst von Fällen wie jenem der Hypo Alpe Adria in den Schatten gestellt oder gar vergessen, könnte bald eine Fortsetzung finden. Es geht um einen Aspekt, der weit zurückliegt: um Stiefelkönig.

Die für die Überbleibsel aus der Hauptcausa Bawag zuständige Wiener Staatsanwältin, Sonja Herbst, arbeitet derzeit gerade an einem Vorhabensbericht in dieser Sache. Dem Vernehmen plant die Staatsanwaltschaft, Anklage gegen den damaligen Kreditchef der Gewerkschaftsbank wegen Untreue zu erheben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien bestätigt nur, es werde "an der Enderledigung gearbeitet", auf Basis eines Gutachtens, "das nun vorliegt". Notabene: Selbiges wurde im Herbst 2008 bei Wirtschaftsprüfer Thomas Keppert in Auftrag gegeben. Der hat die Expertise vor rund einem Jahr abgeliefert, Stiefelkönig hatte ihm lang keinen Einblick ins Rechnungswesen gegeben.

Grazer Kreise

Die Stiefelkönig-Kalamitäten stammen aus der Ära von Bawag-Chef Helmut Elsner, der Showdown fand 2003 statt. Das von der Familie Herzl 1919 gegründete Schuhhandelsunternehmen aus Graz (dort hat Elsner seine Bawag-Karriere begonnen) war Mitte der 90er-Jahre in die Krise geraten und schrieb fortan nur Verluste. Financier Bawag gewährte den Grazern im Lauf der Jahre hunderte Millionen Schilling- bzw. auch Yen-Kredite; Letztere sorgten auch noch für Kursverluste in der Höhe von rund 14 Mio. Euro.

Während Konkurrenzbanken wie Steiermärkische Sparkasse oder Raiffeisen kalte Füße bekamen und Kredite fällig stellten, investierte die Bawag weiter. Sie übernahm (mit Abschlägen) auch noch die Forderungen der Konkurrenz. 2003 schließlich tauschte die Gewerkschaftsbank all ihre Forderungen gegen Stiefelkönig in eine 100-Prozent-Beteiligung um. Einer der Gründe dafür: Der Wirtschaftsprüfer wollte die Bilanz nicht mehr testieren.

Aber: Laut Gutachten hat die Bawag dabei die alten Eigentümerfamilien geschont und auf deren Hypotheken verzichtet. Die Bawag gab haftendes Privatvermögen wie Villen in Graz oder eine Liegenschaft am Wörthersee frei.

Strafrechtlich geht es um die Frage, ob die Bawag dem angeschlagenen Unternehmen die Kredite überhaupt hätte einräumen und das Privatvermögen hätte freigeben dürfen. Nun droht eine Anklage wegen Untreue. Ex-Bawag-Chef Elsner betrifft das nicht mehr: Er hat ja schon im Hauptverfahren die Höchststrafe von zehn Jahren ausgefasst. Und sein Nachfolger Johann Zwettler hatte mit dem Stiefelkönig-Engagement kaum zu tun.

Antrag auf Wiederaufnahme

Losgeworden ist die Bawag die Schuhhandelskette dann übrigens erst im Sommer 2011. Nachdem zuvor die Vertriebslinien Delka und Turbo Schuh versilbert worden waren, hat sich damals Leder & Schuh (Humanic) Stiefelkönig angezogen.

Abseits dessen könnte aber auch die "Hauptcausa" Bawag noch einmal bei Gericht landen. Ex-Vorstandsmitglied Peter Nakowitz (wurde rund um die Karibik-Geschäfte zu drei Jahren unbedingt verurteilt, während seine Ex-Kollegen und Wolfgang Flöttl freigesprochen wurden) hat ja Wiederaufnahme beantragt. Die Staatsanwaltschaft ist dagegen, nun muss das Gericht über Nakowitz' Antrag entscheiden. (Renate Graber, DER STANDARD, 7.3.2014)

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